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- 7 11 2026 - 15:56 - katatonik

Thema und Erledigung

Am Freitag liegt immer noch die tote kopflose Taube auf den Treppen hinter dem Meiselmarkt, die dort auch schon dienstags lag, und möglicherweise sogar schon früher. Donnerstags werden die Fäden aus der Nase gezogen. Die Operationsnarben bleiben selbstverständlich noch sichtbar, das ist zu erwarten, mit etwas Kruste, mit etwas Rötung der verschobenen und vernähten Haut.

Mittwochs betrat ich die Ordination einer Ärztin, die mit der Causa nasalia nichts zu tun hatte und begrüßte sie mit “ich bin nicht wegen meiner Nase bei Ihnen,” was ich irgendwie witzig fand, worauf ich irgendwie ein Schmunzeln erwartet hätte, ich hatte da so eine Szene kleiner Alltagswitzelei im Kopf. Sie blickte dagegen in einer beeindruckenden grauhaarigen Gelassenheit auf und sagte ganz trocken, ohne jegliches Schmunzeln, “Wenn man eine XXX-Operation gehabt hat, schaut man so aus.” (Sie wusste davor nicht, welche Operation es gewesen war.) Damit war das Thema erledigt, ohne weitere Schleifen und Abschweifungen. Ich war sattsam beeindruckt, ihre Gesprächshoheit war hergestellt, weiter im Text.

Freitags betrat ich die Ordination von Onkel Chirurg, ebenfalls nicht nasenverantwortlich, also ein anderer Chirurg, der etwas anderes nachkontrollierte. Eins sammelt ja so Nachkontrollbaustellen zusammen über die Jahre, also, wenn eins Glück hat. Onkel Chirurg, ein etwas älterer Herr, lachte sein burschikoses bundesdeutsches Lachen, erkundigte sich nach der Causa. Als ich XXX erwähnte, sagte er, “sehr gut — also nicht, dass Sie XXX hatten, natürlich, sondern, dass es weg ist.” Wir kicherten noch ein wenig, und damit war auch eine Art Erledigung des Themas herbeigeführt.

Die Halloween-Scherze verliefen sich im Laufe der Woche; Halloween rückte zeitlich ja auch in die Ferne. Montags und dienstags verbreitete ich noch die Anekdote vom vorangegangenen Freitag, als ich vom Wien-Modern-Eröffnungskonzert kommend mit stärker aufgeschwollenem Gesicht in der U-Bahn zwei schmächtigen jungen Menschen mit geschnitzten Kürbisköpfen gegenüber saß. Fast, so die Anekdote, hätte ich den beiden vorgeschlagen, wir könnten doch zu dritt eine Monsterpartie bilden. Mittwochs begrub ich die Anekdote; es war an der Zeit. Den Satz “es sieht schlimmer aus, als es ist”, behielt ich noch bei, behalte ich noch bei, denn er trifft nach wie vor zu und wirkt beruhigend auf Personen, die nachfragen.

Die meisten, die nachfragen, denken an einen Fahrradunfall. Auch da vermag ich zu beruhigen. Es ist schön, wenn Du von chirurgischen Manipulationen gezeichnet bist und andere beruhigen kannst, sowas empowert irgendwie. Tatsächlich empfand ich diese Verwundung, Vernarbung, im öffentlichen Raum nicht als schwächend. In Konzertumgebungen, wo sich Menschen tendenziell aufbröseln, fand ich es nicht uncharmant, der Aufbröselung und Glattstreichung zumeist weiblicher Gesichter eine ungeschminkte Reparaturverletztheit an die Seite zu stellen, das hatte etwas. In die Finsternis jenes eher subkulturellen Ortes, wo ich Donnerstag nachts erst Kasho Chualan und dann Parajekt hörte, also eher ungeordnet Lärmendes, passte das Narbengewebe sowieso perfekt. Es kam zu ebenfalls charmanten Alltagsdiskretionen — an jenem U-Bahn-Freitag spürte ich den interessierten Blick eines Kopfhörer tragenden Glatzkopfs, Team cooler Glatzkopf, was mit Kunst, Werbung oder brotloser Geistigkeit. Als ich ausstieg, in seine Richtung blickend, hielt er seinen Blick abgewandt, in einer, wie mir schien, bemühten Unaufdringlichkeit.

“Rieger-Lappen”, das ist die Technik, mit der die Nasenhaut verschoben, verzerrt wurde, das lerne ich am Montag bei der ersten Nachkontrolluntersuchung, bei der ich gescholten werde, da ich Brille trage, was ich aber um Himmels willen doch auf keinen Fall. “Rieger-Lappen”, das erzähle ich gerne allen, die es nicht unbedingt hören wollen, die sich mir im Laufe der weiteren Woche leicht verschwommen zeigen, denn die Fern- und mittlere Nahsicht ohne Brille, na dann. Den P. erkannte ich aber immerhin in dem sympathischen italienischen Geschäft. Er wohnt jetzt um die Ecke der lauten Wohnung, in der ich in den frühen 1990er Jahren wohnte, und, ja, da ist es immer noch laut, Gürtel halt. Jetzt halt mehr von diesen Aufheulerautos, das nächtliche Rasen ist dort ja gerade Thema, es werden ja laufend irgendwelche Typen mit 200km/h oder so gestoppt. Es gibt auch mehr Geschrei, bedingt durch nächtliche Unstimmigkeiten unter Menschen mit Drogenproblemen.

Ich dürfe nun wieder Fahrrad fahren, sagt der Chirurg, also der Nasenreparateur, am Donnerstag, aber im weiteren Verlauf des Gesprächs beharrt er auf noch etwas fortgesetzter Brillenlosigkeit der Nase, was die Verkehrstauglichkeit dann doch etwas herabsetzt. “Na dann”, so endet auch dieses Gespräch. Es gibt eine eigene “Na dann”-Kategorie von Arztgespräch. Das “Na dann” beendet einen Gesprächsast mit gemeinsamem Anerkennen der Unlösbarkeit eines Problems, das nicht gravierend ist, weiter ungelöst herumwesen darf und eher früher als später seine Problemhaftigkeit verlieren wird, ohne Aufwand und Zutun.