Unter Zumutungen
Das Gebäude ist in die Jahre gekommen. Eine enge Ankunftshalle, ein Ankunftskammerl sozusagen, mit drei Herren hinter einer Rezeption, die einem Hotel aus “Kottan ermittelt” würdig wäre. Der Ältere von ihnen behandelt jedes Anliegen als eine Zumutung. Die Jüngeren scheinen bemüht, sein Wirken in stiller Professionalität auszugleichen. Im Eck ein Kaffeeautomat, an dem sich Mitarbeiter*innen des Krankenhauses gemächlich ihre Brühe drücken. Eine Tür öffnet sich in einen Raum voller Pappkartons. Menschen kommen aus unbekannten Gründen aus ihm heraus oder gehen in ihn hinein. Das Gleiche gilt für den engen Aufzug auf der anderen Seite der Rezeption. Eine Tür gegenüber der Rezeption, geöffnet, führt zur Aufnahme. Ich werde dorthin verwiesen, nach einigen Minuten der Unklarheit — soll ich warten, soll ich einfach eintreten — werde ich gerufen, einzutreten.
Die Aufnahme selbst erfolgt blitzschnell, in eilfertigem Dahergleiten von Formularen und Informationspapieren. Wisch, wutsch. “Papierloses Büro”, witzle ich, “wir machen jetzt alles doppelt”, sagt der junge Aufnahmetyp, und meine Erinnerung möchte der Pointe halber ein “immerhin” in den Satz hinein gehört haben. Hernach wollen am Zimmer drei weitere, fast gleichlautende, umfangreiche Formulare zur Krankengeschichte ausgefüllt werden, für verschiedene Abteilungen, die mit dem an sich kleinen Eingriff befasst sind. Es kommt zu dezenten Unmutäußerungen, überhaupt an jeder Stelle, wo etwas hakt, in diesen nicht einmal 24 Stunden. Es lässt sich nicht vermeiden, es purzelt ungehalten aus mir heraus. Mitunter regt sich in mir selbst Erstaunen über eine in der Form neue, mir nicht ganz geheure Unduldsamkeit. Ich schiebe es an jenem Tag auf das Gebäude, das den Geist der Zumutung atmet, weil man ihm eine Verwendung zumutet, für die es allem Anschein nach nicht gestaltet wurde.
Abends holt mich der Bettenschieber, er sagt: “Ah, es sind zwei Anforderungen zum Transport im System.” – “Aha.” – “Sie gibt es aber nur einmal, oder?” – “Soweit ich weiß.” – “Sie sind sicher einmalig.” – “Sind wir das nicht alle?” – “ In gewisser Weise ja.” Da sind wir dann schon aus dem Aufzug draußen, das Bett wird in einem langen Gang abgestellt, der zum OP-Saal führt. Es sei, so sagt der Bettenschieber, in diesem Krankenhaus üblich, dass die Patienten von hier zum OP-Saal gehen würden, zu Fuß, man würde da nicht hineingerollt. “Aha.”
Es erscheint ein stämmiger Herr, der mit slawischem Akzent deutsch spricht und eine bunte OP-Maske trägt. Er stellt sich als Ivan vor, OP-Assistent. Er ist da, um ein letztes Mal Geburtsdatum und Name zu bestätigen und zu erklären, dass es in diesem Krankenhaus üblich sei, dass die Patienten zu Fuß, Siewissenschon. Das Bett wird in der nächsten Stunde noch um die Ecke geschoben werden, weil ein anderes vorbei geschoben werden will. Darin liegt eine etwas jüngere Frau, die eine gravierendere Operation vor sich hat. Ich sehe ihr Gesicht nicht, höre, wie sie befragt wird, wie ihr erklärt wird, während ich ein Gemälde mit gelben Blumen an der Wand betrachte, das da hängt, damit es von wartenden Patienten betrachtet wird.
Aus Gründen erscheint Ivan erneut und bedeutet, ich müsse aus Gründen noch eine halbe Stunde warten, was ich als Zumutung empfinde, ebenso wie seine Berührung, als er tröstend meine Hand ergreift, worüber ich auch gerührt sein könnte, aber I don’t have it in me. Warum mutet mir das Dasein zu, mich über meine eigenen Zumutungsreaktionen so irritiert zu fühlen? Die Anästhesistin erscheint, mit flatterndem blauem OP-Kittel; sie geleitet mich in den OP-Saal, das Gehen kommentierend. “Dead man walking”, denke ich, und wie so oft in jüngerer Zeit behalte ich meine galligeren Daseinskommentare nicht für mich. Aber nein, es ginge hier doch genau um das Gegenteil, sagt die Anästhesistin, bemüht, beflissen, beschwichtigend, wo es ja gar nichts zu beschwichtigen gibt. Am OP-Tisch kommentiere ich noch kurz die Geschehnisse, bestätige der Anästhesistin, dass ich Schwindel empfände, nachdem sie Schwindel angekündigt hatte.
Sie würde mit mir sprechen, hernach, hatte die Chirurgin angekündigt, aber ich würde mich daran nicht erinnern, aufgrund der Narkosemittel. Fentanyl und Propofol, yay. Als ich erwache, noch im OP-Raum, bin ich begeistert, da ich gerade unglaublich klare Gedanken hatte, einen in seiner Konsequenz und Klarheit ganz und gar überzeugenden Gedankengang, mit dem etwas geprägt, gestaltet, in Bahnen geleitet werden sollte und konnte. Ich erinnere mich jetzt, heute, noch daran, dass ich dies dem OP-Team begeistert mitteilte, obwohl ich überhaupt nicht mehr wusste und auch heute nicht mehr weiß, wes Inhalts dieser Gedankengang war. Dann sprach die Chirurgin zu mir, und das wusste ich tatsächlich einige Momente danach nicht mehr, aber jetzt weiß ich es, sowohl, dass sie sprach, als auch, dass ich es wieder vergaß. Ich weiß nicht, was sie sagte, aber es muss etwas der Art “gut gegangen” gewesen sein, denn so war die Realität. Sie hielt mir ihr Mobiltelefon ans Ohr, damit ich mit G. sprechen könne, dem ich, wie er später meinte (denn ich vergaß das sofort), unter anderem eine völlig unnötige alltagsorganisatorische Information mitteilte, die ihm ohnehin bereits hinreichend bekannt war.
Der Aufwachraum klein, drei Betten nebeneinander, drei Frauen, Paravents dazwischen. Eine junge Pflegerin, vorbeikommende Ärzt*innen. Nebenan werden mit konzentrierter Ernsthaftigkeit komplexere Organkonstellationen besprochen. Das zunächst verabreichte Schmerzmittel täte seinen Job nicht, klage ich, woraufhin die Pflegerin mir “was mit Morphium” anbietet, “eh nur einmal”, und ich so, ja, auf jeden Fall, warum nicht, eh nur einmal, yay. Das Zeug fährt ein, ich sage Euch, unverzüglich weicht der Schmerz einem Gefühl euphorischen Schwebens. Die Zeit vergeht in einen Zustand ungeduldiger Wachheit hinein (es war ja nur Dämmerschlaf, und die OP dauerte nur kurz), der an diesem Ort wieder einmal eine Zumutung ist. Doch es ist noch nicht möglich, das Bett wieder nach unten zu transferieren, da man dort zu beschäftigt sei, da hier nur eine Pflegerin sei, die sich nun, da mehrere Operierte zu betreuen sind, Kaiserschnitte und dergleichen, weniger um Einzelne kümmern kann. Es kommt irgendwann zu einer Unmutsäußerung, auf die eine pflegerische Erschöpfensäußerung kommt, und wir sind dann beide total erwachsen, reflektieren die Bedingungen, die es zu dieser Situation haben kommen lassen (kurz: Kapitalismus) und verabschieden uns letztlich freundlich mit besten Wünschen füreinander Zukunft.
Am Ende unterschreibe ich den Entlassungswisch an der vorgesehenen Stelle mit etwas mehr Witz. Das Krankenhaus schiene dem Prinzip “so viel Papier wie möglich ist gut” zu huldigen, sage ich, und als jene Pflegerin schmunzelt, lege ich noch ein “tatsächlich, der Eindruck drängt sich mir gewissermaßen auf” hinterher. Sie greift den Tonfall und das Gelächter auf und meint, ja, in der Tat, den Verdacht hätte sie auch. Das Wort “Papiermaximalismus”, das mir einfällt, spreche ich dann nicht mehr aus, es wirkt redundant.