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- 16 09 2003 - 10:45 - katatonik

Die Betulichen und die Würde der von ihnen Betütelten

Gestern abend auf 3Sat Kulturzeit gesehen. Der Sender der Verdruckstheit, kommt bei allem Anspruch nicht über die Schranken empfindsamer Betulichkeit hinaus. Kulturzeit, die Sendung, wo empfindsame Betulichkeit immer am deutlichsten empfunden wird.

Gestern ein Beitrag über die Ausstellung “Architektur der Obdachlosigkeit” in der Münchner Pinakothek der Moderne. Der Beitrag begann, wenn ich mich recht erinnere, mit den schockierenden Fotos des umstrittenen Fotografen Boris Mikhailov. Man sah darauf unter anderem nackte Obdachlose tanzen und den entblößten Arsch eines Obdachlosen, übersät mit Wunden und Narben.

Der Beitragssprecher sprach, erwartbar, von Kontroversen und Diskussionen und stellte, ganz brav dem Verhaltenskodex der Fernsehbetulichkeit entsprechend, Fragen in den Raum: Darf man sowas zeigen? usw. usf. Natürlich darf man nicht, und der Herr Mikhailov ist ein schamloser Pornograf sondergleichen, was man zwei eigens in die Ausstellung geladene echte Münchner Obdachlose ins Mikrofon bestätigen läßt: Ja, die Menschen auf den Bildern, die hätten ihre Würde verloren, ja, nein, also sie selber, sie würden nie so posieren, würdelos sei das, man will ja doch auch auf der Straße noch seine Würde bewahren.

Dem würdelosen Russen wird das würdevolle indische Gegenbild nachgestellt: Dayanita Singh, mit ihren Fotografien von Mona Ahmed, einem Eunuchen in Bombay, ja, schon auch obdachlos, so irgendwie. Frau Singh erzählt von Würde, und wie in langen Gesprächen und Kennenlernzeiträumen mit Mona Ahmed die Fotos entstanden seien, wie sie Mona Ahmed eben so zeigen, wie Mona Ahmed gezeigt werden möchte, der Würde wegen. Dayanita Singh ist übrigens sonst vor allem für ihre Fotografien reicher indischer Familien aus Bombay bekannt, die ebenfalls in langen Gesprächen und Kennenlernzeiträumen usw. usf. Großformatige Schwarzweißbilder, mit Menschen arrangiert wie Kostbarkeiten, interessant, doch, ja, aber in gewisser Weise könnte man es überspitzen und sagen: arm an Würde. Aber im Beitrag sagt das keiner, erwähnt das keiner, kriegt man den Eindruck, Frau Singh verbrächte ihr Leben damit, würdevoll Obdachlose in Bombay kennenzulernen und abzulichten.

Man ahnt, wohin der Würdebegriff der Betulichen geht: zum Sichabsichern des Fotografen gegenüber Einsprüchen des Fotografierten. Menschen zeigen, wie sie gesehen werden wollen, so bewahrt man ihre Würde.

Warum man übrigens russischen Obdachlosen nicht zugesteht, ihren Arsch in die Kamera halten zu wollen und genau so gesehen werden zu wollen, ist selbst dann noch eine Frage für sich.


Genau den Beitrag sah ich gestern auch. Dachte mir: "Was wohl Ms. K. zu diesem Kunstgriff sagen würde, die echten Obdachlosen gegen Michailows Bilder in Stellung zu bringen?"

gHack (Sep 16, 13:19) #


Was sie tatsächlich zu jenem Zeitpunkt dazu sagte bzw. dachte, fällt unter die Schmähworttoleranzgrenze dieses Etablissements.

katatonik (Sep 16, 14:03) #


Ohne klugscheissernd wirken zu wollen, aber _das_ habe ich mir auch gedacht.

gHack (Sep 16, 14:06) #


Ne, jetzt mal ernsthaft: Es war eine Idiotie seitens des Filmteams. Die haben den Obdachlosen bestimmt nicht mitgeteilt, worum es in Michailows Bildern eigentlich geht. Wenn sie das überhaupt selbst verstanden haben sollten. Es ärgert mich immer, wenn Medien sich im Populismus suhlen, die das eigentlich nicht müssten, weil sie dank Gebühreneinnahmen gerade von solcherlei Zwängen freigestellt sind.

gHack (Sep 16, 14:11) #


Mikhailov ist ja nun mal gar kein Russe und Charkow ist auch nicht in Russland. Vielleicht hat das auch was mit Würde zu tun, wenn man nicht alle Länder in einen Topf wirft, nur weil sie mal Teil der Sowjetunion waren?

Oder ist diese meine Frage wieder zu besserwisserisch? Wo ich doch nur den Unterschied zwischen Ukraine und Russland kenne und beide Länder sehr schätze???

Connie (Sep 19, 21:37) #


Schön, dass es in all der Ratlosigkeit ringsrum auch Fragen gibt, die sich aus sich selbst heraus beantworten.

gHack (Sep 19, 21:44) #


Nicht jeder Unterschied ist in jedem Zusammenhang in jeder Hinsicht wichtig. (Zweifle mittlerweile sehr an mir. Habe jetzt in gHacks Kommentar zweimal "Frauen" statt "Fragen" gelesen.)

katatonik (Sep 20, 01:27) #

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