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- 8 09 2002 - 12:11 - katatonik

Symptoms on the sofa

frank schulz’ “morbus fonticuli” beendet. ja, doch, großartig, grauenerregend, gruselig, gleichermaßen grinsenherzaubernd wie grinsenzerbröselnd.
man kann an den mehr als 700 seiten die konstruktion bewundern, aber das ist mir heute, mit fieber im kopf und “metavirulent” auf der zunge, zu blutleer.
man kann die psychologische plausibilität loben, aber das würde ich freilich nur bei gleichzeitiger preisung der sprachlichen gewandtheit tun wollen, da weder das eine noch das andere für sich genommen belobigenswert ist. aber auch das zu blutleer (siehe oben).
man kann es einfach lesen, ja, macht das doch.
ich persönlich war ja nach den ersten hundert seiten fast dabei, es gelangweilt wegzulegen.
irgend etwas in mir aber sagte: nein, das liest du weiter (schon auch, weil enthusiasmierte empfehlungen von praschl UND ronsens ja nicht durch katatonische faulheit entwertet werden dürfen, so geht das nicht), und da etwas anderes sagte “öch, ich sollte doch aber …”, griff mein körper ein und ergriff partei, besorgte sich flugs ein paar erkältungs- und schwächungssymptome und sagte “bitte, jetzt kannst du gar nicht …, leg dich auf die couch, nimm ein paar tropfen metavirulent auf die zunge, und lies”.
na bitte.
ein paar, wie ich finde, besonders feine formulierungen werde ich wohl im kompetenzteam ablegen, vielleicht fällt auch die eine oder andere szene im sexblog ab, oder folgen ein paar zitabilien hierselbst.
ihr könnt jetzt wieder verschwinden, symptome.


Sowas. Praschls und Rolands Bemerkung muss mir entgangen sein. Hab's im Urlaub auch gelesen. Kompetenzteam ist eine gute Idee.

bov (Sep 8, 15:25) #


Wovon handelt dieses Buch eigentlich?

gHack (Sep 8, 15:43) #


Und, wie fandst Du's so?

katatonik (Sep 8, 15:44) #


*Maunz* Bei mir gibt es nur "Morbus Excelcat". Das Zeug schmeckt schrecklich.

Hauskater (Sep 8, 15:47) #


Mann in Hamburg verschwindet. Frau und Freunde suchen und sorgen, entdecken geheimes Kabuff und Journale.Das alles aus Ich-Perspektive des verschwundenen Mannes erzählt (feiner, wenn auch verwirrender Kunstgriff, finde ich).
Frau und Freunde fahren in Kaff in der Nähe Hamburgs, wo Mann augewachsen. Treffen dort auf Humaninventar aus der verborgenen Parallelexistenz des Verschwundenen, sowie auf den etwas durchgedrehten Verschwundenen selbst. Verblüffung und Zusammenbruch allerorten.
Erzählung schwenkt um auf Journale. Erzählung in Journalen schwenkt, schwankt und schwadroniert. Parallelexistenz wird erzählt, die wo viel mit Sex, Suff, Sudel & Selbst zu tun hat.
Hunderte von Seiten später schwenkt die Erzählung von den Journalen zurück zum Ort von Verblüffung und Zusammenbruch. Dann kommt noch ein Stück.
Das wäre grob gesprochen das Handeln & Verlaufen. Die Frage "worum geht's" wäre eine andere.

katatonik (Sep 8, 15:51) #


Thx. Liest sich amüsant.

gHack (Sep 8, 15:55) #


Ich fand es sehr unterhaltsam. Gekauft hab ich mir's, nachdem ich eine sehr euphorische Besprechung in der Konkret gelesen habe. Streckenweise hat's mich zu sehr an Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinns erinnert. Auch dieses permanent uneigentliche Sprechen fand ich manchmal ziemlich blöd. Sehr sehr gut aber die sprachliche Genauigkeit. Keine Phrase, kein Klischee. Das muss eine wahnwitzige Feinarbeit gewesen sein.

bov (Sep 8, 16:05) #


Ich denke mir auch immer, ich sollte die Phrasen eliminieren. Aber dann wird es schnell gekünstelt, weil unsere sprachliche Umgebung zu 98% aus Phrasen besteht.

gHack (Sep 8, 16:13) #


Ah ja, Henscheidsche Trilogie hab ich nicht gelesen. Ich hatte ja auch einige Besprechungen gelesen, fand aber die Gründe, aus denen belobigt wurde, gelegentlich etwas zu germanistisch (Vergleiche mit Nabokov usw. usf.) und im nachhinein recht daneben.
Ich fand's manchmal schon hart an der Grenze zur gar zu einfachen & eh schon bekannten Sprachgewaltiger-Säufer-beschreibt-seine-Wahnwitzumgebungs-Litanei - wenn Du das meintest mit dem Henscheidvergleich.
Aber das, was mich bei so Litaneien am meisten stört, nämlich dieses feuchtkühle Händchen, das sich mir aus dem Buche entgegenstreckt und kumpelhaft auf die Leserschulter schlagen will, das spürte ich gottlob nie.

katatonik (Sep 8, 16:17) #


@gH: Ich denke, es geht ja weniger um das Phrasenvorhandensein, sondern mehr um deren Einsatz. Phrasen kommen im "Morbus Fonticuli" genug vor, aber eben passend.

katatonik (Sep 8, 16:19) #


Henscheidvergleich: Ja, das meinte ich auch. (Dazu gehört natürlich auch das Kneipen-Milieu.) Außerdem aber auch eine bestimmte Sprechweise: Die Phrasen, die da auftauchen, sind eben immer "uneigentlich", sind nie "so gemeint". Sie werden gebracht, aber es ist immer klar, dass es Zitate sind aus der Sprache "der anderen", der weniger Sprachbewussten. Vielleicht ist das auch sowas wie Ironie. (Keine Ahnung, ich weiß immer weniger, was Ironie eigentlich sein soll.)
Das hat schon einen Witz, aber auf Dauer wirkt es halt ziemlich klugscheißerisch und nervt ein bisschen. Irgendwie kriegt er aber immer den Bogen.
Ganz großartig fand ich die Beschreibung eines Rausches "von innen heraus". Das ist ja sauschwer, das treffend und originell wirklich zu schildern und nicht im Slapstick zu belassen. Ich hab ein bisschen was davon abgeschrieben:
http://bov.antville.org/stories/122617/

bov (Sep 8, 17:09) #


Ich glaube, der Trick ist, eigene Phrasen zu entwickeln.

gHack (Sep 8, 17:22) #


@bov: danke für das rauschzitat und überhaupt!
das mit der uneigentlichen sprechweise ist mir nicht so aufgefallen. wenn ich's recht überlege, ist das im buch schon dadurch gebrochen, dass das ja der, für den die sprache uneigentlich ist, erzählt, und eigentlich sein verhältnis zur uneigentlichkeit quasi stets mitgeliefert wird. ich hab dann wohl beim lesen immer, wenns mir zu uneigentlich wurde, den herrn morten in seinem kabuff vorgestellt, wie er das alles hinschreibt, und schon war die uneigentlichkeit die seine und teil des charakters.
@gH: janeinweißnich. phrasen werden zu phrasen, indem sie aufgegriffen und vervielfältigt und gedroschen werden. man kann sich nicht hinsetzen und denken "ich schmied jetzt ein phräschen". in dem sinn kann man keine eigenen phrasen entwickeln, oder? man kann sentenzen schmieden und hoffen bzw. fürchten, dass sie zu phrasen werden. vielleicht kann man auch die phrasendreschergewerkschaft bestechen.

katatonik (Sep 8, 17:45) #


na, vielleicht ist auch ein vergleich zu den korrekturen angebracht (zu denen ich sicher nochmal ausführlicher bei mir schreiben werde): beides will - glaube ich - satire sein, beides wird rezensentenseitig an 'realismus' gemessen, was bekanntlich immer probleme/widersprüche nach sich zieht.

aber das war es dann doch, was mir an m.f. besonders gefiel: dieses mikroskopische ausleuchten des anzeigenblattlebens, mit allen typen, die eben auch satirisch überhöht und zugleich 'lebensnah' wirken (etwas, was bei den korrekturen nur bedingt gelingt)

roland (Jan 6, 12:14) #


ich muß gestehen, dass mir die "korrekturen" nicht satirisch vorkamen, vor allem nicht im vergleich zu m.f.
im gegenteil, bei den korrekturen schien augenscheinlich schon ein edelernster und bierbiederer erzählgestus durch, schien mir. bovs bemerkungen über das uneigentliche sprechen lassen sich auf die korrekturen wohl auch anwenden, aber wohl gerade im hinblick auf ironie und satire eben anders.
vielleicht so: bei schulz entspringt die uneigentlichkeit einer amüsiert-witzelnden ironischen distanz, während sie bei frantzen einfach nur resultat schriftstellerischer vorstellung ist, die die offenkundige soziale und erfahrungsdistanz zwischen dem schreibenden autor und den erschriebenen figuren überbrücken soll.

katatonik (Jan 6, 14:03) #


gerade eben mit den korrekturen fertig geworden. dein letzter satz passt für mich schon (aber ist das bei literatur nicht fast immer so?)

falls dich schon mal ein daumen-rauf/daumen-runter-urteil interessiert: mittlere haltung mit zucken nach oben.

das mit der satire usw. und wie ich das sehe werde ich dann mal morgen bei mir in angriff nehmen. hoffe ich.

roland (Jan 8, 02:30) #


danke, ich bin schon sehr gespannt.

katatonik (Jan 8, 10:53) #


Ich auch. Ich war ja eher skeptisch und habe es schliesslich nicht durchgehalten, was bei mir eher selten vorkommt.

gHack (Jan 8, 11:00) #

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