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- 3 02 2003 - 17:06 - katatonik

Angst und Geld

Interview mit Constance Adams.

Constance Adams arbeitete als Architektin in Japan, Berlin und in den USA. Seit 1996 ist sie bei Lockheed Martin und der Nasa an der Entwicklung von Raumfähren und Raumstationen beteiligt. Bei dem Unglücksflug der Columbia war Constance Adams für die Betreuung der wissenschaftlichen Experimente verantwortlich.


“Die Columbia-Katastrophe könnte aber auch helfen, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass die Space Shuttles veraltet sind. Es ist wie bei den Schulen: Wir kürzen die Mittel und klagen zugleich über den Bildungsnotstand. Jetzt ist der Zeitpunkt da, um mit der Arbeit an der nächsten Generation von Raumschiffen zu beginnen. Die Entwicklung des Space Shuttle begann 1969, damals hatte man erst drei bemannte Missionen durchgeführt. Es dauerte zwölf Jahre bis zum ersten Flug. Die Leute, die damals dabei waren, sind inzwischen gestorben oder in Rente. Wir können nicht mehr auf sie zurückgreifen. Würden Sie ein Auto fahren, das 1969 konstruiert und 1981 hergestellt wurde, und das 600 Millionen Meilen auf dem Buckel hat? Ich will nicht sagen, dass es nicht sicher war, aber man könnte mit einem neuen Schiff das Risiko und die Kosten viel stärker reduzieren.

SZ: Warum fiel die Nasa in Washington in Ungnade?

Adams: Ich weiß es nicht. Ein Grund ist sicher der Regierungswechsel. Zwei Wochen nach Bushs Regierungsantritt wurden vier der Projekte, an denen ich gearbeitet habe, eingestellt. Doch der wichtigste Grund ist die Tatsache, dass wir in einer Demokratie leben. Demokratien eignen sich nicht gut für die Realisierung großer Projekte. Deshalb war Le Corbusier mit seinen Visionen für neue Städte ein Befürworter der Vichy-Regierung. Eine faschistische Regierung kann sagen: Wir machen es! Wahlen spielen keine Rolle. Selbstverständlich ist das für mich nicht akzeptabel. Es zeigt sich, zumindest in Amerika, auch eine generelle Risikoscheu. Die Menschen wagen nichts mehr, weil sie Angst vor einem Prozess haben. Das zerstört die Kreativität, die Phantasie, die Würde des menschlichen Geistes. Wer etwas Bedeutendes tun will, muss die Verantwortung für die Konsequenzen auf sich nehmen. Deshalb bin ich besorgt, was die nächsten Tage bringen werden.
...

SZ: Wenn man auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblickt, kann man eine Reihe von Desastern erkennen, die die bahnbrechenden technologischen Innovationen aus der euphorischen Jahrhundertmitte überschattet haben: Tschernobyl, der Absturz der Concorde, der Einsturz des World Trade Centers – und jetzt die Columbia.

Adams: Bei all diesen Fällen war der entscheidende Faktor, dass an Investitionen gespart wurde. Wenn man etwas tun will, dann muss man auch zahlen. British Airways und Air France behalten die Concorde, weil sie ein Statussymbol ist. Aber weil sie mit dem Flugzeug Geld verlieren, knapsen sie eben hier und dort ein bisschen herum. Und wenn Tschernobyl vernünftig gewartet und modernisiert worden wäre, hätte die Kernschmelze nicht stattgefunden. Schließlich, das World Trade Center. Ich bin Architektin, in Südostasien stehen ein paar Wolkenkratzer von mir. Glauben sie mir, wenn ich zu einem Kunden sagen würde „Wir müssen garantieren, dass ein voll getankter Jet in das Haus knallen kann, ohne dass es einstürzt“ – dann würde der Kunde antworten: „Das zahle ich nicht, hau ab, du bist gefeuert.“

Man muss sich einfach klar darüber werden, was man will. Wenn wir das Kernkraftwerk nicht wollen, dann müssen wir es abschalten. Entweder man investiert richtig, oder man lässt es ganz bleiben. Dasselbe gilt für die Concorde oder für Hochhäuser. Ich mache mir ganz allgemein Sorgen, dass die westliche Kultur ihren Glauben an die Zukunft verliert. Das Problem ist nicht so sehr die Politik oder die Befindlichkeit einzelner Länder, sondern die wirtschaftlichen Mechanismen. Neue Technologie gibt es nur, wenn Firmen in deren Entwicklung investieren. Doch die Konzerne sind zunehmend vorsichtig und operieren nur noch mit dem Blick auf die Quartalszahlen und die Aktionäre. Wenn es in allen Bereichen nur Profite geben darf, wird Forschung unmöglich.”


Gremliza sagt auch immer, die einzige Hoffnung sei eine Diktatur. Wobei er das natürlich "aufgeklärte Erziehungsdiktatur" nennt und wohl weniger an Überschall-ÖPNV oder Forschungsreisen in den luftleeren Raum als an Schulen für alle u.ä. denkt. Tja, was'n Dilemma.

mv (Feb 3, 17:57) #


Auch die industriellen Freunde des Transrapid sollen bei der Testfahrt in China sehnsüchtig über die diktatorielle Umsetzungseffizienz geseufzt haben.

katatonik (Feb 3, 19:39) #


Das schrieb die Süddeutsche.

gHack (Feb 3, 21:48) #


In der Tat.

katatonik (Feb 3, 22:43) #

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