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- 31 01 2003 - 22:58 - katatonik

Die Irak-Geiseln, der Mondschein-Poldi und die Zwetschgen

Vor etwa dreizehn Jahren, George Bush Vater, Irak, Gofkrrieg, Scuds, eine Nacht aufgeregter ORF-Sonderreportagen (zu einer Zeit, da der ORF noch nicht durchgehendes Nachtprogramm hatte), eine lange Zugfahrt nach Westösterreich im Auftrag der Wiener Stadtzeitung “Falter”, unausgeschlafen,vollgepumpt mit graubröseligen Raketenblitzbildern, hin nach Nauders, um dort einer etwas merkwürdigen Begebenheit beizuwohnen und über sie zu schreiben: Der Tourismusverband Nauders hatte “Irak-Geiseln”, deutsche und österreichische Staatsbürger, die auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim aus dem Irak geflogen wurden, auf ein Wochenende zu sich geladen.

Nun ja, weil es vielleicht ganz interessant sein könnte, wiederverwerte ich hiemit die kleine Reportage, die ich darüber damals geschrieben habe. Drei Grammatikfehler korrigiert. Einreichfassung, ohne alfällige heilsame oder unheilsame Redigieraktivitäten des Falter-Redakteurs.

Wir danken dem Technik-Department in St. Bimbam, das diesen und andere obskure katatonische Frühtexte von einer hierorts nicht mehr verwertbaren Zip-Disk gerettet hat.

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“Ja? Also Sie wären bereit, da ein paar Fragen zu beantworten
über die Zeit damals? Frau…Rückert? Wir haben nämlich ein paar Journalisten hier, die da was wissen wollen.” Zwei Minuten später hat die Dame vom Nauderer Verkehrsamt das Treffen fix vereinbart. Der Sohn von Frau Rückert hat sich letztlich zur Auskunftsgabe bereit erklärt.

Zwei Stunden später versammelt er sich gemeinsam mit Nauderern und solchen, die ebenso wie er einiges zu erzählen haben, vor dem “Gasthof zur Post”, wo sie alle Ingredienzien dessen erwarten, was der Tiroler Landtagspräsident Kurt Leitl in seiner nachfolgenden Begrüßungsrede als “landesüblichen Empfang im Sinne des tirolerischen Verständnisses” definieren wird: Blaskapelle, Schützenverein, Skischule und Salve.

Hinter der Absperrung, die den Vorplatz als Empfangsraum von der Straße als bloßem Zuschauerraum abtrennt, schenken eifrige Bedienstete Glühwein an die verfrorenen Empfangenen aus. Die “Gäste” tragen rosa Schildchen mit der Aufschrift “Ehrengast”. Die Gäste sind ehemalige Irak-Geiseln; für ein erholsames Wochenende von den “Nauderer Bergbahnen in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Außenministerium” und einigen Sponsoren eingeladen. Die Einladung, so betont Rudi Mitterer, Geschäftsführer des Nauderer Tourimusverbandes, sei ergangen, bevor man von dem Ultimatum gewußt hätte. “Ich bin nach einem alten geschichtlichen Begriff gegangen” seufzt Mitterer. “Ereignisse, die angekündigt werden, treten nicht ein. Das war hier leider nicht der Fall.” Und so wurde eine längst geplante Aktion, mit der Nauders “einen humanitären Aspekt” setzen wollte, von aktuellen Entwicklungen überrollt und muß sich nun wohl oder übel mit diesen in Zusammenhang bringen lassen. Nicht nur von Journalisten.

“Wenn Sie heute hier in friedlicher Umgebung Ruhe und Erholung finden” schlägt Landtagspräsident Leitl die Brücke zum Zeitgeschehen, “dann wird es Sie besonders beeindrucken, was hätte passieren können, wenn Sie noch dort wären.” Deswegen sei jenem gedankt, der sie, “diese Personen”, “diese im Irak festgehaltenen Österreicher und Deutsche”, “die leidgeprüften Menschen” oder schlicht “die Geiseln”, der, der “sie” zurückgeholt, sprich “befreit” hat – Bundespräsident Kurt Waldheim. Anders kann man das nicht sehen, nur einige “verirrte Mentalitäten legen das falsch aus”.

Daß Nauders am Reschenpaß nicht zu jenen Verirrten zählt, hat es schon unter Beweis gestellt, als das Flugzeug mit Kurt Waldheim und 130 Österreichern an Bord in Wien-Schwechat gerade gelandet war. “Wir haben ein Schreiben an den Bundespräsidenten gerichtet” erzählt Rudi Mitterer, “daß die Musikkapelle Nauders ihm gerne aufgrund seiner Verdienste um die Befreiung der Geiseln ein Ständchen in Wien bringen will.” Mit dem nachfolgenden Konzert am Heldenplatz, termingerecht zum Nationalfeiertag, war dem Nauderer Bedürfnis nach dem gewissen humanitären Etwas allerdings noch nicht Genüge getan. Die Gelegenheit schien günstig: Zum einen gab es da humanitäre Rührung, zum anderen eine neuerbaute Seilbahn, die ihrer offiziellen Eröffnung harrte. Um bei besagter Eröffnung “neue Wege zu beschreiten”, verfiel man auf eine “humanitäre Aktion” anstatt von “großem Trara.” Warum gerade Irak-Geiseln einen besonders humanitären Eindruck hinterlassen sollten? “Wir wollten origineller sein” lautet die lapidare Antwort, “wir wollten die Menschen einladen, die für die freie Welt da unten im Irak als Geiseln dagestanden sind.”

Daß die “stille” Aktion letztlich doch an Medien herangetragen wurde, war allein deshalb notwendig “weil wir die Leute nicht zusammenbekommen haben.” Der Datenschutz verbot dem deutschen Außenministerium die Bekanntgabe von entsprechenden Adressen; Über das hilfreiche österreichische Außenministerium – “wenn irgend eine Stelle in Österreich etwas gratis hergeben will, dann sind wir die letzten, die da Mauer machen” kommentiert Dr. Stojan von der dortigen Presseabteilung – konnte man auch nur an 54 Adressen herankommen. Erst, als die Einladung per Presse und Rundfunk publik gemacht wurde, meldeten sich genügend Gäste. Und zur Entlohnung für ihre Dienste erhielten die Medien eben auch Einladungen zum “Schneefest Nauders”. Davon hätten die Irak-Geiseln allerdings nichts gewußt. Daß nur wenige Journalisten der Einladung folgten, findet Mitterer, der “gelernte Soziologe”, der sich “schon viel mit Manipulation beschäftigt” hat, bei der derzeitigen aktuellen Lage ohnehin besser. “Es soll ja nicht den Geschmack erhalten, daß wir uns von einem Krieg her Popularität erwarten. Danke nein. Ich glaube, das wäre mehr als geschmacklos.” Abgesagt wurde trotz diesbezüglicher Überlegungen dann doch nicht. Schließlich “kann das kleine Dorf Nauders am Weltgeschehen nichts ändern”. Ob da nicht doch eventuell irgendwo ein politisches Kalkül dahinterstecke, frage ich vorsichtig. Mitterer reagiert heftig. “Das ist ein Problem der Interpretation und ich lass’ mich nicht so interpretieren. Das ist keine politische Aktion, damit das klar ist. Es war Zufall, daß der Herr Bundespräsident runtergefahren ist, seine Hintergedanken sind nicht mein Bier. Er war derjenige, die die Geiseln rausgeholt hat, damit ist er automatisch die Bezugsperson. Bitte keine Spitzfindigkeiten.” Das Gespräch im Hinterzimmer der “Post” müssen wir nun abbrechen. Eine Dame stürzt herein. “Ach Rudi, da bist’, komm schnell, der Landtagspräsident will dich kennenlernen.”

“Die Irakgeiseln haben sie eingeladen” erklärt eine deutsche Urlauberin beim samstäglichen Frühstück ihrem Gatten die Menschenansammlung vom Vorabend. “Find ich gut, echt.” lobt sie anerkennend und beißt in ihre Semmel. Auch den Geladenen selbst liegt nichts ferner als der Verdacht, ihre Anwesenheit würde hier für politischen Kapitalschlag benützt. Ausgerüstet mit zahlreichen Gutscheinen für freie Verpflegung und Gratis-Liftbenützung zerstreut sich das Gros der Gäste zwischen Skikurs, Eisstockschießen und Kutschenfahrt. Ich lande in einer Pferdekutsche, mit drei Kindern zwischen 4 und 10 Jahren und zwei Herren. Onkel und Neffe, wie mir der ältere der beiden mitteilt. Der Onkel wurde in Bagdad geboren, sein Neffe ist Kuwaiti, beide sind österreichische Staatsbürger. Einflußreiche Familie. Der Urgroßvater des Neffen hätte einst irakischer König werden sollen, erzählt der Onkel bereitwillig. “Sie sind Journalist” meint er, “na los, fragen Sie mich, jetzt haben Sie Gelegenheit.” Nicht nur Nauders, auch der Gesprächsstoff seiner Gäste findet sich von aktuellen Ereignissen überrollt. Bush, dieser Irre, der keine Ahnung von arabischen Gepflogenheiten hat und unschuldige Zivilisten umbringt, wettert der Onkel. Die UNO, dieser Handlanger Amerikas, das seinerseits ganz unter der Fuchtel der Israelis – “nicht, daß ich etwas gegen Juden hätte, keineswegs” – steht. Wohin wird das führen? fragt er mich, und warum? “Sie sind Journalist, Sie müssen mir das erklären.”

Über Irak-Geiseln in Nauders schwebt einerseits der Drang nach breit ausgeführten Kriegsprognosen, andererseits auch leise Wehmut. Man war ja schließlich freiwillig im Irak, lebte gerne dort und verließ ihn nur gezwungenermaßen. Dennoch, der Gast ist zur Erholung da und amüsiert sich blendend. Er spricht dem heißen Weine zu, genießt die kulinarischen Gepflogenheiten der Gegend und rätselt, wie die eingelegten Zwetschgen durch den engen Hals der geleerten Schnapsflasche herauszubekommen seien. Gegen Abend wird es Zeit, ins offizielle Programm zurückzukehren. Vom “Treffpunkt Postplatz” aus führen Busse die Gäste “zur romantisch gelegenen Hütte Novelles”. Dort bemüht sich eine zünftige Band redlich, abgetragenen Austro-Hits mithilfe schwerer Hüttengemütlichkeit doch noch Unterhaltungswert abzuringen.

Mit am Tisch sitzt eine bayrische Familie mit zwei Kleinkindern, deren Oberhaupt, mit geschwungenem Schnauzbart, naturgemäß zum politischen Gesprächsbeginn greift. Nach drei Sätzen stellt sich jene hilflose Ruhe ein, die Gespräche von politischen Gesinnungsgegnern gemeinhin kennzeichnet. Saddam ist der Irre, meint der Bayer, Bush-sei-Dank und überhaupt. Onkel und Neffe wenden sich ihren Suppen zu, woraufhin der Bayer mit seiner Frau und anderen Gästen allerlei Liebenswertes zur Kleinkindpflege erörtert.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, warum sich die Geladenen selbst die naheliegende Frage nach ihrer Ausschlachtung nicht stellen, liegt darin, daß sie jene Anlässe vermeiden, die ihre Anwesenheit als öffentliche Personen über ihre private Erholung stellen. Sonntag Morgen soll DAS Ereignis von Statten gehen – die offizielle Eröffnung der “Bergkastel-Seilbahn”. “Sollten Sie an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen wollen, steht Ihnen der Tag zur freien Verfügung.” gab sich das Programmheft konziliant. Mehr lokale Honoratioren und überregionale Prominenz denn “Ehrengäste” sind es dann auch, die sich zur Feier des Tages im Selbstbedienungsrestaurant “Bergkastel” einfinden. Eine Feldmesse auf der Restaurantterrasse ist vorgesehen – in Anwesenheit von Landtagpräsident, Landeshauptmann, Landwirtschaftsminister gar; verwundert beäugt von neonfarbig gekleideten Snowboardträgern, erstaunt erblickt von mit bunter Sonnencreme gesalbten Nachwuchs-Kronbergers.

Die Verwirrung des Skifahrers anläßlich der religiösen Besetzung seiner Tränke ist deutlich zu sehen. Untermalt vom Scheppern und Rasseln des nahen Schleppliftes lobt der Pfarrer den rührigen Gemeinschaftsgeist der Nauderer. Der Schützenverein zückt seine Säbel, präsentiert nach dem Evangelium das Gewehr. Eine Salve knallt gen Himmel.

Der Ort Nauders selbst, diese “gelungene Symbiose eines rätoromanischen Dorfes mit dem Flair des internationalen Wintersportes” (Prospekt), ist am schifreudigen Sonntag verlassen. In der Auslage des Fremdenverkehrsbüros ist das Unterhaltungsprogramm für die folgende Woche angeschlagen. Bälle, Kegeln, Après-Ski. “Wir 40jährigen treffen uns beim Mondschein-Poldi.” Kein Wort mehr von Irak-Geiseln. Die sind auch schon wieder weg. Mit ihnen hat auch die große Weltpolitik Nauders hinter sich gelassen. Was bleibt, das ist der Landtagspräsident. Und eine Erinnerung an ein Ereignis, für das immerhin der Bundespräsident den Ehrenschutz übernommen hatte.


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