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- 25 08 2001 - 14:32 - katatonik

Vom Eigenleben der Informationen

Surfen im Internet hat etwas undurchschaubar Solipsistisches. Man weiß nicht immer, ob das, was man sieht, nun von außen kommt oder aus den Cache-Untiefen des eigenen Computers; man weiß auch nicht immer, ob Information, zu der man auf gewissen Wegen gelangt, nun auch für andere noch zugänglich ist, und wie.
Ein Fallbeispiel. Vor einigen Tagen veröffentlichte der Online-Standard einen Artikel mit dem Titel “ÖH-Politiker zechten mit Studiengeld”, der jetzt eben so aussieht wie im Link.
Vor einigen Tagen sah der Artikel anders aus. Links neben dem Text waren keine Photos eines ÖH-Funktionärs und eines Bierkrugs zu sehen, sondern ein Photo mit einem halbnackten, fröhlich verschwitzten jungen Mann, der sich offensichtlich bei einer Party an einem Mischpult zu schaffen macht. Darunter der Text:

Party on dude! Ein “Gastronomiekonsulent” bei der Arbeit. Auf Kosten der Studenten lässt es sich in Graz gut leben

Dazu ein Hinweis darauf, dass dieses Bild nichts mit dem nebenstehenden Artikel zu tun hätte. Was immer sich Vertreter der Österreichischen Hochschülerschaft zu Schulden haben kommen lassen, diese Art der pseudo-dokumentarischen Bebilderung ist eine in hohem Maße manipulative Strategie, die die starke und unmittelbare Wirkung von Bildern im Vergleich zu Texten ausnützt, um Wirklichkeiten zu schaffen, um Vermutungen als Wahrheiten zu maskieren. Man kennt diese Strategie aus amerikanischen DocuDramas, wo dann meist klein im Bild zu lesen steht dramatization, might not have happened.
Ich schrieb einen empörten Kommentar zum Standard-Artikel. Tags darauf erhielt ich eine Mail von der Redaktion. Man bedankte sich für meinen Kommentar und teilte mit, Bild und Bildunterschrift seien nun entfernt worden.
Informationen führen allerdings gelegentlich ein Eigenleben. Wenn man zu einem Standard-Artikel einen Kommentar postet, hat man die Möglichkeit, sich alle nachfolgenden Kommentare mailen zu lassen. In denen ist dann auch immer ein Link auf die Seite mit den Postings enthalten. Dieser Link führt aktuell zu einer Seite, die im Screenshot so aussieht. [Im Vergleich dazu der Screenshot mit der “reformierten” Seite hier.]
Auf der in den Kommentar-Mails verlinkten Seite mit den Postings sind also das Bild des Halbnackten und die zugehörige Unterschrift nach wie vor enthalten. Entfernt wurde nur der Hinweis darauf, dass das Bild nichts mit dem Artikel zu tun hätte. Auch jetzt existiert diese durch Entfernung des Hinweise nunmehr noch manipulativer operierende Seite noch hier.
Heutige Besucher des Online-Standard haben keine Möglichkeit mehr, auf diese Information zuzugreifen. Für sie existiert sie nicht. Wie viele Autoren von Kommentaren erhalten aber den Link auch jetzt noch in zugesandten Kommentar-Mails? Wo lebt diese Information noch? Warum lebt sie noch?
Nachtrag am 28.8.: Die Standard-Online-Redaktion informiert mich per Mail, dass der mir zugesandte Link nicht zur aktuellen Version des Artikels führt. Aktuell sei vielmehr diese Version, in der sich übrigens nun auch das Bierkrugphoto nicht mehr findet. Der alte Link mit dem halbnackten Jüngling funktioniert allerdings immer noch. Prinzip “wir zerstören keine Information, wir verstecken sie nur”?
Nachtrag am 17.9: Jetzt existiert die Information wirklich nicht mehr, zumindest nicht auf mir zugänglichen Wegen.

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