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- 28 09 2001 - 00:32 - katatonik

Begehr, begehr

Ein paar Religionssoziologen wären jetzt nicht schlecht, die die ahistorische Vergleicherei von heiligen Schriften des Christentums und des Islams ergänzen mit Verweisen darauf, dass man durch Schriftvergleiche nichts Konkretes und Verwertbares gewinnt, solange nicht berücksichtigt wird, welches Verhältnis Religionsgemeinschaften zu ihnen und ihrer Verwendung haben, wie sie ausgelegt wurden und werden, welche Rechten und Pflichten und welchen Status Religionsgemeinschaften in den jeweiligen Gesellschaften und Ländern haben, undsoweiter undsofort.
Nett wär’s, wenn die dann auch gleich diese sonderbare Verknüpfung von Christentum – westliche Zivilisation – westliche Werte ein bisserl aufdröseln könnten, die immer so tut, als wären wir gerade dem Renaissancehuhn entschlüpft oder, trüber noch, dem mittelalterlichen Sumpf entstiegen.
Hat jemand vielleicht ein paar von den Kerlen im Keller versteckt?
Eine Suchmaschine für dringend nötige, weil vernachlässigte, Perspektiven auf aktuelle Ereignisse wäre auch nicht schlecht. Kann da jemand mal rumbasteln?

Update: Mittlerweile hat sich übrigens auch Gott zu Wort gemeldet.


Hallo Birgit!

Man muss wohl kein Hund sein, um hinter der gegenwärtigen medialen Islamkunde ("Vergleiche" zwischen Christentum und Islam sind mir kaum begegnet - wo war das?) die Absicht zu vermuten, das konstruierte böse Gegenüber zusätzlich schlecht aussehen zu lassen. Das wäre ja auch etwas Verwertbares - freilich nicht in Deinem redlichen Sinn von zusätzlicher Erkenntnis.

Gestern las ich irgendwo im Feuilleton (jetzt finde ich's natürlich nicht wieder!) einen ellenlangen Artikel über die verschiedenen historischen und geographischen Ausprägungen des Islam. Keine Ahnung, ob das dem islamwissenschaftlich geschulten Blick wirklich standgehalten hätte, die Botschaft war jedenfalls, dass sich die Taliban auf den Wahhabismus (whatever that means) beziehen. Und der, so war ausgeführt worden, ist eher von der engstirnigen Sorte. (Weshalb der Artikel auch gerade passend war?)

Letztlich interessieren mich (im gegebenen Konflikt und sonst auch - ist nicht gerade mein Feld) solche Differenzierungen wenig, ich denke jetzt auch nicht drüber nach, ob die Bush-Administration vielleicht von Presbyterianern oder Methodisten beeinflusst wird.

Bedient diese (vermeintliche oder tatsächliche) Expertise in der Aufmerksamkeitsökonomie nicht eher die Bedürfnisse der bildungsbürgerlichen Zuschauer? Man darf sich lustvoll über die Kriegsvorbereitungen gruseln und wird für die Lektüre noch mit dem erhabenen Gefühl belohnt, über den Feind mehr zu wissen als die meisten anderen.

Marco Vogts (Sep 28, 02:16) #


Hallo Marco.
Man kanns mit der Abneigung gegens Bildungsbürgertum auch übertreiben - ich finde den Großteil der islamwissenschaftlichen Differenzierungen, die ich derzeit im deutschsprachigen Feuilleton (hauptsächlich SZ) so lese, durchaus angebracht und notwendig.
"Vergleiche" habe ich implizit an mehreren Orten schon gelesen: Der Koran sagt dies und jenes (wahlweise: ruft zu Mord und Totschlag auf bzw. lehnt ihn ab), was offenbar mit dem Christentum unvereinbar ist. Das gabs ja schon beim Golfkrieg zuhaufe.
Differenzierungen zwischen religiösen Schulen sind nicht per se relevant, werden aber relevant, wenn sie Differenzierungen religiösen gesellschaftlichen Verhaltens in diversen Ländern (Saudi-Arabien, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Iran, Malaysien, USA - you name it) bedingen oder mit denen in Zusammenhang stehen. Ob und wie das der Fall ist, weiß ich nicht, wüßte ich aber gerne. Ich wüßte auch gerne, ob und wie das Selbstbild des "Westens" als aufgeklärt und säkular mit deutlich religiösen Appellen in politischer Rhetorik zusammenzubringen ist.
Vielleicht mag es unerheblich scheinen, ob Bush jetzt eher presbyterianisch oder methodistisch argumentiert, aber ich fand eigentlich die Heftigkeit, mit der Gott von Seiten der USA ins Spiel gebracht wird, schon erstaunlich, enorm und erklärungsbedürftig. Und eine gesteigerte Einflußnahme christlich-fundamentalistischer religiöser Kreise in den USA ist ja kein Geheimnis und durchaus auch beängstigend.

katatonik (Sep 28, 13:30) #


Hallo nochmals und vielen Dank für die ausführliche Erwiderung! Darf ich versuchen, mein voriges Posting zu präzisieren? Als ich von "bildungsbürgerlichen Zuschauern" schrieb, wollte ich damit keineswegs den Wert unnachgiebigen Erkenntnisbemühens und die sozialen Voraussetzungen seines Entstehens verächtlich machen. Aber ich werde den Verdacht nicht los, dass die Einarbeitung in die verschiedenen Facetten des Islam, die jetzt in den Feuilletons stattfindet, weniger der Verbreitung gesicherter islamwissenschaftlicher Erkenntnisse dient, eher der Absicherung der Konfliktvorbereitung in den hiesigen Mittelschichten. Dies, bitte, nicht als Verschwörungstheorie über die Funktion von Medienkonzernen vorgestellt, sondern als marktförmige Vermittlung einer sozialpsychologischen Ausnahmesituation mitsamt daran anknüpfender aussergewöhnlicher Informationsbedürfnisse.

Es geht (ich bleibe dabei) keineswegs um Vergleiche zwischen Christentum und Islam. Es erscheinen auch keine Essays über die unterschiedlichen Verläufe der Reformation oder darüber, was den Katholizismus in Frankreich von dem in Italien trennt. Das "Christentum" findet allenfalls implizit statt, als unhinterfragter Bestandteil "unseres" säkularen, "vernünftigen" Gesellschaftsentwurfs. Dem gegenüber "den Islam" einfach als Reich des Bösen hinzustellen, das ist vielen eben zu simpel. Ungeachtet aller im Feuilleton dargelegten Unterschiede bleibt in deutscher/mitteleuropäischer Perspektive als Hauptunterscheidungsmerkmal gleichwohl hängen, dass "die da unten" irgendwie alle religiöse Spinner sind (ebenso wie, in abgeschwächter Form, die "christlich-fundamentalistisch" beeinflussten USA). Wäre nicht die Islamkunde, in "normalen" Zeiten, bei der Beschreibung der Unterschiede zwischen Saudi-Arabien und Afghanistan z.B. allenfalls eine Hilfswissenschaft? Und warum ist das jetzt anders?

Hätte ich das kürzer sagen können?

Marco Vogts (Sep 28, 16:02) #


"deutsch/mitteleuropäisch" = da, wo die LeserInnen der SZ etc. wohnen.

Marco Vogts (Sep 28, 16:10) #


"marktförmige Vermittlung einer sozialpsychologischen Ausnahmesituation mitsamt daran anknüpfender aussergewöhnlicher Informationsbedürfnisse" versteh ich nicht. Natürlich hat das Aufkommen islamwissenschaftlicher Artikel und Kommentare eine "sozialpsychologische Ausnahmesituation" zum Anlaß und bedient "aussergewöhnliche Informationsbedürfnisse", aber wenn's der Wissensverbreitung hilft, störe ich mich daran zunächst einmal nicht.

Auseinanderhalten würde ich:
- die Tendenz, die in vielen europäischen (und vermutlich auch US-amerikanischen) Ländern sehr deutlich ist, Außereuropäischem eine starke Verwurzelung in und Determinierung durch Religion und Spiritualität zuzuschreiben. Das passiert oft vollkommen unreflektiert und hat reichlich komische Auswirkungen. Gerade deshalb findest du ja keine detaillierten Artikel über Reformationsverläufe und so weiter, weil der "Westen" sich auf seinem eigenen religiösen Auge blind gibt. Gerade deshalb findest du auch so ein unglaubliches Erstaunen, wie die Religiösen "da unten", die ja ins Mittelalter gehören, dennoch in der Lage sind, Computer und sonstwelche Technologie zu bedienen.

- die Frage, ob und wie Religion (damit meine ich vor allem religiöse Gemeinschaften) in verschiedenen nahöstlichen Gesellschaften tatsächlich anders mit politischen Institutionen zusammenwirkt als in einzelnen europäischen Staaten oder den USA.

Bloß erstere Tendenz zu konstatieren, halte ich für nicht wahnsinnig interessant. Bei allem Verständnis für die Hinterfragung eigenkultureller Prägungen und Tendenzen glaube ich nicht, dass man sich hinter einem "ist eh alles konstruiert" vor dem Umstand verbergen sollte, dass es Tatsachen gibt, die der Darstellung und Untersuchung bedürfen. Weiss nich, ob das jetzt zu dem paßt, was du meintest. Oh gnädige Unklarheit.

katatonik (Sep 28, 19:57) #


Ja, jetzt hast Du mein Misstrauen treffend beschrieben und meine Argumentation voll versenkt. Jedenfalls unter der Prämisse, dass es erstmal unwichtig sei, wann, woher und in welchem Kontext Wissen verbreitet wird. Mein Problem ist, dass ich in Situationen wie der jetzigen (bei der Rushdie-Schimmel-Kontroverse damals war's ähnlich) einen unheimlichen Widerstand gegen die westlichen Welterklärungskategorien entwickele und mich ärgere, dass so viele Fachleute bei diesem Spiel mitmachen, sich als "Experten" abfragen lassen und ihre Beiträge dann häufig in einen legitimatorischen Zusammenhang gebracht werden.

Du hast Recht: es ist vieles dabei, was über den Tag hinaus brauchbar ist, und ich sollte mir deshalb etwas mehr rezeptorischen Positivismus gönnen.

Aber ich wünschte mir eben trotzdem ein Feuilleton, das gerade jetzt vor Essays über die Spielarten des Christentums nur so strotzt. :-)

Marco Vogts (Sep 29, 00:42) #

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