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- 16 01 2002 - 20:48 - katatonik

Mit Leuten reden bis zum Erbrechen

Letzten Sonntag sprach der Kärntner Landeshauptmann in einer Fernsehrunde, wiederholte alle Lügen, die er schon seit Wochen auftischt, und keiner der Anwesenden – vor allem nicht der moderierende Journalist – machte auf die Lügen aufmerksam. Mehrmals wiederholt der Kärntner Landeshauptmann, die Amtsenthebung von Verfassungsgerichtshofpräsident Ludwig Adamovich wäre nur mit einer Stimme Mehrheit verhindert worden. Einmal wird zaghaft eingewandt, dass die Abstimmungsverhältnisse nicht veröffentlicht worden seien, Haider das also gar nicht wissen könne. Aber nachgehakt wird da nicht. Woher weiß der Kerl das, und warum fragt ihn keiner?
Einer der Anwesenden – Journalist, nicht moderierender, – überbot sich in onkelhaft-freundschaftlichen Ratschlägen an den Rabauken. Er hätte ja in der Sache eh recht, der Verfassungsgerichtshof gehört eh reformiert, aber was muß er denn immer so elephantenhaft im Porzellanladen rumtorkeln. Isser nicht lieb, unser kleiner Bubi, ein paar Manieren noch und rauf an die Regierungsspitze.
Heute Mittag sprach man im Radiojournal über den tschechischen Ministerpräsidenten Zeman, der die FPÖ als “postfaschistisch” bezeichnet hatte. Ja, da müssen wir jetzt unsere Experten fragen. Schon kommt Lothar Höbelt ans Telefon gesöbelt, Historiker, Autor in FP-nahen Publikationen und Wissenschaftlicher Leiter der Freiheitlichen Akademie (“F-Akademie”). Der Mann durfte schon gestern mitternachts im Fernsehen vor Gelassenheit sprühen und sein Fachwissen dahingehend ausbreiten, dass man sich um Herrn Zeman nicht zu kümmern bräuchte, der würde sowieso bald abgewählt, wogegen unser Kärntner Landeshauptmann bei seinem politischen Format sicherlich noch lange Zeit die österreichische Politik bestimmen würde. Er hat das nicht ironisch gemeint, das mit dem Format, wenngleich ich gestehen muß, dass mir seine sagenhafte pechschwarze Glanzhaubenfrisur immer wieder suggerieren will, es handle sich bei ihm um einen ganz ausgebufften Ironiker.
Dann hat Höbelt auch noch gemeinsam mit anderen beklagt, wie sehr doch Tschechien in der Vergangenheitsbewältigung hinterherhinke – vor allem Österreich hinterherhinke -, weil die ja die Sudetendeutschen immer noch nicht entschädigt hätten usw. usf. Heute mittags im Radio also gab Höbelt einige Weisheiten zum Wort “postfaschistisch” ab: Die FPÖ kann keine postfaschistische Partei sein, weil sie nie faschistisch war. Das hat mich erleichtert, weil ich jetzt endlich ungestraft behaupten kann, ich wäre kein postmoderner Mensch, wo ich doch nie modern gewesen bin, ehrlich. Experten also. Der Journalist hört zu und übernimmt in seinen zwischen Höbelts Wortspenden geschalteten Beiträgen auch noch dessen Ausdrucksweise, Sichtweise, Tatsachenbehauptungen.
So wird das hier gemacht im Journalismus: Reden mit Leuten. Reden bis hin zum Erbrechen. Einsteigen auf deren Gerede bis zum Aufgesaugtwerden. Nicht nachfragen, nicht korrigierend eingreifen. Nicht überprüfen. Nicht gegenchecken. Alles im Raum lassen, solange sich keiner aufregt. Sollte man unter Umständen darauf hinweisen, dass Unabhängigkeit von Journalismus nicht darin besteht, alles zu verbreiten, was Kontrahenten sagen und aufmunternd-verständnisvolle Nickbewegungen in alle Seiten zu vollführen, auf dass keine Seite unbenickt bleibe? Sondern dass sie vielmehr verlangt, Behauptungen zu überprüfen, Lügen als solche zu bezeichnen, zu recherchieren, eine sachgerechte Position einzunehmen und dem auch Ausdruck zu verleihen? Es reicht eben nicht, dass wir eh alle wissen, dass gewisse Behauptungen nicht stimmen. Gibt es Obszöneres, als Medien, die vom Gesagtwerden, vom Gezeigtwerden und Ausgesprochenwerden leben, mit nichts anderem als Stillschweigen über Pseudo-Konsens vollzukleistern?
Da wird der Kärntner FPÖ-Obmann mit der Aussage zitiert, mehrere Rechtsexperten, darunter auch Heinz Mayer, hätten den Standpunkt vertreten, eine Nichtigkeitserklärung eines Verfassungsgerichtshofspru ches sei prinzipiell möglich. Hat der Journalist Herrn Mayer gefragt, ob er das auch wirklich gesagt hat? Oder ob er es tatsächlich so verstanden haben will, dass dadurch die Bestrebung der FPÖ legitimiert wird, diesen Spruch des VfGH für nichtig erklären zu lassen? Hat er etwa darauf hingewiesen, dass eine Nichtumsetzung des Spruches von ebenjenem Heinz Mayer – der übrigens seit Wochen sehr offen und deutlich gegen die Politik der FPÖ in Kärnten Stellung nimmt – gestern als Vorstufe zum Putsch bezeichnet wurde? Oder stimmt vielleicht auch das nicht?
Mit den Leuten reden bis zum Erbrechen. Dass mit der Annahme, Erbrechen wäre die beste Methode, den Organismus zu reinigen und zu kräftigen, etwas nicht stimmt, könnte einem freilich jeder einigermaßen geübte Bulimiker verklickern.


brava. und noch eine anmerkung zum we bløg / you're nalismus diskurs: wenn weblogs schon nicht unbedingt teil der lösung sein dürfen, so scheint journalismus jedenfalls ein gewichtiger teil des problems zu sein.

"the crisis consists precisely in the fact that the old is dying and the new cannot be born; in this interregnum a great variety of morbid symptoms appears." (antonio gramsci)

erbrechen möchte ich zu jenen symptomen hinzuzählen.

p3k (Jan 17, 18:57) #


in zeiten und an orten wie diesen möchte ich allerdings betonend hinzufügen, dass nicht journalismus per se teil des problems ist, sondern seine verballhornte, unzureichende praxis - dass er eben nicht so praktiziert wird, wie es seine aufgabe wäre. (sonst kommt gleich einer daher und will den journalismus abschaffen. man muß ja aufpassen; abschaffwütige finden sich fast schon an jeder zweiten straßenecke.)

im übrigen danke für den hinweis auf bbc prime unlängst. hinzufügung zum kabelangebot wäre mir fast entgangen. jetzt kommen die eastenders. fein.

katatonik (Jan 17, 19:59) #


es ist natürlich völlig richtig, die idee des journalismus gerade in dieser situation in schutz zu nehmen (remember "kranke gehirne von journalisten" bzw. "ordnung in die redaktionsstuben" von el minimo líder). allerdings auch bezeichnend, für die radikalität, die in österreich bereits regieren darf: was nicht hinreichend zufriedenstellend ist, soll einfach abgeschafft werden. die befürchtung ist somit nicht unbegründet.

p3k (Jan 18, 10:48) #

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