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- 5 05 2002 - 20:24 - katatonik

Der Zirkel des Verstehens

“Es scheint mir, daß sich das, was Wittgenstein über S. Freud sagte, paraphrasierend auf den gegenwärtigen Fall übertragen läßt (und dies vielleicht sogar mit größerem Recht als es auf den von Wittgenstein gewählten Fall zutrifft). Die Theorie des hermeneutischen Zirkels hat die Anziehungskraft einer Mythologie. Ihr Reiz besteht darin, daß sie der wissenschaftlichen Tätigkeit des darüber reflektierenden Philosophen und Historikers eine Art von tragischem Muster gibt. Vielen von uns Philosophen und Geisteswissenschaftlern wird gelegentlich unsere Unfähigkeit, Fakten und Hypothesen säuberlich trennen zu können, in der Arbeit wie in Diskussionen mit Kollegen lästig und unschön vorgekommen sein. Und mancher von uns wird sich in Situationen, in denen diese Untrennbarkeit besonders hartnäckig und besonders unerfreulich zutage getreten ist, insgeheim gewünscht haben: „Wäre ich doch ein Naturforscher geworden! Dann könnte ich wenigstens klar sagen: ,Hier die Fakten und da die zur Erklärung dieser Fakten verfügbaren Hypothesen’”. In einer derartigen psychischen Situation, in der wir von Minderwertigkeitskomplexen gegenüber den ,objektiven’ und ‘präzisen’ Naturwissenschaften befallen werden, ist es dann vielleicht eine ungeheure Erleichterung, wenn einem vom Hermeneutiker erzählt wird, daß sich im geistigen Leben eines Historikers oder eines verstehenden Philosophen so etwas wie die Form einer Tragödie findet, von der man dann noch erfährt, daß es Heidegger geglückt sei, sie in der Sorgestruktur des menschlichen Daseins ,ontologisch zu verankern’: der Mensch als vorurteilsvolles und wiederholendes Wesen könne nur das an Verständnis herausholen, was er in einem Akt des Vorverständnisses zuvor schon hineingelegt hatte.
Statt in solcher Mythologie Zuflucht zu suchen, kommt es darauf an, Klarheit über die wirklichen Schwierigkeiten zu gewinnen, die sich hinter der Wendung „Zirkel des Verstehens” verbergen. Wie die bisherige Analyse gezeigt hat, sind es mehrere heterogene Schwierigkeiten. Und wie eine weitergehende genauere Analyse zeigen würde, sind von diesen Schwierigkeiten in verschiedenen Gradabstufungen alle Wissenschaften potentiell bedroht.”

Wolfgang Stegmüller: “Der sogenannte Zirkel des Verstehens”. Natur und Geschichte. X. Deutscher Kongreß für Philosophie, Kiel 8.12. Oktober 1972, herausgegeben von Kurt Hübner und Albert Menne. Hamburg: Felix Meiner 1973, 21-46. Abgedruckt auch in (und daher hab ichs): Stegmüller, “Das Problem der Induktion: Humes Herausforderung und moderne Antworten. Der so genannte Zirkel des Verstehens.” Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1996 63-87.
Als Fußnote zu allfälligen Unterscheidungen zwischen Geistes
und anderen Wissenschaften, wo ja der so genannte Zirkel des Verstehens gern als besonderes hermeneutisches Merkmal der Geisteswissenschaften hervorgehoben wird. Zu Unrecht, meint Herr Stegmüller.

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