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- 9 06 2002 - 10:03 - katatonik

Aufspringreflex

, der. Versuch von Journalisten, alle möglichen Ereignisse im Lichte eines Großereignisses zu interpretieren und so das Bild zu erzeugen, es handle sich dabei um ein Phänomen, um eine große, am besten gleich alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringende Wolke meist gefüllt mit giftigen Gasen.
Der Intendant der Wiener Festwochen, Luc Bondy, gibt im profil ein Interview, in dem es um Antisemitismus-Debatten (Möllemann, Walser) sowie Aspekte von Bondys Intendanz geht. Der Journalist erwähnt im ersten Abschnitt auch den Vorfall, dass Bondy bei einer Verlagsfeier dem Schriftsteller Karl Markus Gauss dessen befeiertes Buch “Mit mir, ohne mich” vor die Füße knallte, weil sich Gauss darin über Bondy lustig machte. Was hätte ihn, Bondy, so erregt?

“Bondy: Ich habe so heftig reagiert, weil er mein Aussehen angegriffen hat. Bevor ein “Buchmensch” wie ich im Affekt mit einem Buch schmeißt, muss viel passieren. Gauss kann sagen, Bondy ist eitel, unangenehm. Aber eine Polemik gegen die unabänderliche äußere Natur eines Menschen ist das Ende der Freiheit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gauss kein Antisemit ist – offenbar unbewusst hat er aber auf das rhetorische Arsenal des Antisemitismus zurückgegriffen.”

Weiter:
profil: Sie haben den Vorfall Gauss einmal als “typisch österreichisch” bezeichnet. Was haben Sie damit gemeint?
Bondy: Das sagte ich aus dem Affekt heraus, das war übertrieben. Leider wurde im Anschluss immer nur über meine Reaktion gesprochen, dabei hat der Arme ja ein Buch über ganz andere Sachen geschrieben. Er hätte sich ja entschuldigen können. Stattdessen hat er bei TV-Diskussionen immer gesagt: Es muss etwas Wahres dran sein, sonst wäre Bondy nicht so gekränkt. Das ist doch billig. Wenn man jemandem auf der Straße “Saujud” nachschreien würde und der würde bleich und rot werden, dann kann man doch nicht sagen: Es stimmt also, sonst würde er nicht so reagieren. Aber für mich ist die Sache erledigt.”

Dieses Interview wird von der Austria-Presse-Agentur aufgegriffen, deren Meldung darüber zu einem Artikel im Standard führt. Der beginnt so:
” Bondy wirft Karl Markus Gauss “antisemitische Rhetorik” vor

“Offenbar unbewusst hat er auf das rhetorische Arsenal des Antisemitismus zurückgegriffen”“

Bondys relativierende Aussage “Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gauss kein Antisemit ist” kommt in dem Artikel zwar auch vor; Bondys Zusatz ”... aber für mich ist die Sache erledigt” fehlt allerdings. Aus dem Artikel verbleibt der Eindruck, es würde sich um einen aktuell erhobenen, offenen Vorwurf handeln, während aus dem Interview der Eindruck entsteht, es würde sich um eine für Bondy bereits abgeschlossene Geschichte handeln. So fügt sich Stein um Stein das Bild der öffentlichen Empörung über Antisemiten allerorten zusammen, und zehn Minuten später kommt dann der Manwirdjanochsagendürfen-Reflex.
Übrigens: Den Satz “Aber eine Polemik gegen die unabänderliche äußere Natur eines Menschen ist das Ende der Freiheit” finde ich äußerst interessant.
Übrigens: Man erörtere den Unterschied zwischen “x ist Antisemit” und “x spielt mit antisemitischen Klischees”.





übrigens: braucht jedes land seine kleine antisemitismusdebatte. ich dachte ja erst, fm4 würde den part übernehmen (da ist vor kurzem herr blumenau wieder unnötig ausgerastet, in der sache vielleicht nicht so falsch, aber der ton führt vermutlich dann doch nur zu trotzreaktionen). aber so mit schlagzeilen macht der standard das ja auch ganz gut...

p3k (Jun 12, 16:43) #

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