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- 30 09 2007 - 20:49 - katatonik

Unlängst im Hotel, erschöpft und hustend

Unlängst im Hotel (sehr fein übrigens), erschöpft und hustend nach der Konferenz, auf Arte hängengeblieben, auf der Suche nach Freitagsfernsehen, für das man sich nicht schämen muss. Es lief Die Frau vom Checkpoint Charlie, netzauf, netzab gepriesen als ARD-Produktion des Herbstes, Fernseh-Zweiteiler, Veronika Ferres in Hauptrolle.

Danach lief eine Dokumentation über die Frau, deren Lebensgeschichte Grundlage des Zweiteilers ist: Jutta Gallus versuchte 1982 über Rumänien aus der DDR zu fliehen, mit ihren beiden Töchtern (Doku: gemeinsam mit einem Lebensgefährten und dessen Sohn, Film: nur sie und die Töchter). Es geht schief. Man stiehlt ihr (fast) all ihr Geld und alle Reisedokumente. Sie fährt nach Bukarest und beschafft sich neue Pässe, aber bei der Botschaft der BRD. Das Ganze fliegt trotzdem auf (Internetz: im Leben bei den rumänischen Sicherheitsbehörden, wo sie sich noch ein Ausreisevisum beschaffen muss, Film: am Bahnhof Bukarest, knapp vor der Abfahrt nach Wien).

Man bringt Mutter und Töchter zurück nach Berlin, wo sie getrennt werden. Die Mutter ins Gefängnis, die Töchter ins Heim (Doku: die Töchter leben dann weiter beim Vater, der von der Mutter geschieden ist, Film: sie leben im Heim). Zwei Jahre sitzt die Mutter im Gefängnis, dann geht’s ab in den Westen, Freikauf durch BRD. (Quellenriss: trank zwei Weißburgunder in der Hotelbar, Wiedereinstieg im Film: im Osten reden böse Schergen den Töchtern ein, die Mutter sei tot, was in der Doku nicht vorkommt.)

Mutter macht dann Öffentlichkeit mit Transparenten und Aktionen aufmerksam, eben am Checkpoint Charlie, sonst auch, etwa beim Papst in Rom.

Im Film gibt es eine liebestechnische Verquickung, die die Dokumentation nicht enthält: Der Lebensgefährte der Mutter von anno dazumal war es, der sie verraten hat bei der Flucht, der hohe Stasi-Kontakte hat, für sie arbeitet, gegen sie arbeitet, Spannung eben. Wie gesagt: Die Dokumentation erwähnt nichts von einer solch zerrissenen Person, während der dort auftretende, anscheinend brav regimetreue Exmann im Film völlig fehlt (sofern er nicht in meiner Weißburgunderphase auftrat). Auch der Bruder von Frau Gallus, nach Dokumentation ein mutiger, vom DDR-Regime bedrängter Mann, fehlt im Film.

Eine ihrer Aktionen führt Frau Gallus zu 1985 zur OSZE-Tagung nach Helsinki, wo sie sich medienwirksam ankettet. In der Dokumentation will die Stasi die lästige, da eben medienwirksame Person, zu diesem Zeitpunkt loswerden, und zwar endgültig. Ex-Lover übernimmt Leitung des Beseitigungskommandos. Es kommt zum Showdown von Stasischergen (ohne Ex-Lover, der sie vorher warnen will, aber sie hört ja nicht auf ihn, wo er sie doch früher verraten hat) und Frau im finnischen Wald, wo sie irgendwelche zufällig da herumlaufenden Finnen (Jäger? Haben jedenfalls Schusswaffen dabei) retten. Nichts davon in der Dokumentation.

Es gibt da auch einen Journalisten (vermute ich), Typ knarziger Stern-Schreiber mit Diplomatenkontakten und betulicher Zuneigung zu Frauen und Alkohol, wie man sie eben aus dem Ostwestfilm der Kaltkriegszeit kennt. Der ist natürlich zufällig am Bukarester Bahnhof bei der Verhaftung von Frau und Kindern dabei und später dann, nach meiner Weißburgunderphase, Freund der Frau im Westen. Er gerät aber ins Zwielicht, als sie ihn der Spionage für die DDR verdächtigt. Auch das nicht in der Doku. Eigentlich ist der Film in dieser Hinsicht sehr durchsichtig: Alle politischen Spannungen und dramaturgische Kernunsicherheiten werden in Männer verlagert, die mit der Protagonistin was haben. Die Zwiespältigkeit muss in den Geliebten sein, nicht in anderen Menschen, und schon gar nicht in Konstellationen (Konstellationen kann diese Art von Film ja gar nicht darstellen, nur unfreiwillig, und das ist eben so, wie ein Komiker, der Komik nicht darstellen kann: unfreiwillig komisch).

Die Töchter glauben dann schon, die Mutter wäre tot, aber auf einer Party, bei klandestinem Westfernsehgenuss, sehen sie sie natürlich zufällig grad in Helsinki, und dann wissen sie, sie lebt noch. Der gespaltene Ex-Lover ist noch gespaltener. Das Regime kann jetzt natürlich nichts mehr machen, wo doch die Töchter die Wahrheit wissen.

Im Film geht die Sache dann nahtlos ins freudige Ende über: Töchter dürfen raus, rührselige Vereinigung von Mutter und Töchtern am Checkpoint Charlie, mit berührt zwinkernden Amisoldaten, hach, die ganze liebe Kleinfamilie am Checkpoint Charlie ist froh (sogar die Kameras drücken ein Tränchen ab), sicher können sich auch die bösen Ostsoldaten die Rührung nicht verkneifen. Mutterliebe ist halt toll. In der Dokumentation erzählt Frau Gallus, wie sie ihre Töchter in einem Büro erstmals wiedersah (Anwalts- oder Regierungsbüro, hab’ ich vergessen).

Man muss Arte für die Nacheinanderschaltung von Fernsehzweiteiler und Dokumentation danken. Das haben die sicher absichtlich gemacht, um die Schamlosigkeit der Film-Dramatisierung dem Publikum nachvollziehbar zu machen, das nach 23:00 noch zusieht.


O Trashtvphase!!!

micro_robert (Oct 1, 06:59) #


Sie Sofashakespeare!

katatonik (Oct 1, 16:38) #


Ja, das ist doch wieder ein Mogelmogelmogelfilmchen gewesen. Wo doch die da oben, also die das Fernsehen uns zeigen, sonst immer in fast allen ihren Filmen eigentlich immer die Wahrheit erzählen, nichts als absolut genau das Leben: vom Dialog zum Licht zum Möbel zum Ort zum Regen vor dem Fenster. Finde ich aber beruhigend, dass es immer wieder wache, hustende Menschen gibt, die ganz doll aufpassen – und einen Film nicht ganz ansehen ist besonders hilfreich, um fehlende Konstellationen aufzudecken… Danke für die Arbeit.

Frau Hess (Oct 13, 15:04) #


Ich mache hier Web 0.7. Da darf man auch während eines Films woanders Wein trinken und muss überhaupt nicht arbeiten und kann über all das schreiben.

lkatatonik (Oct 13, 19:13) #

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