Lob der Halbtätigkeit
In der High-End-Keramikgalerie, die ansonsten très Wabi-Sabi war, perlte klassisches Klavier, bestätigend, dass kulturelle Qualität in Japan sehr gerne mit klassischer Musik markiert wird. # Vor zwei Tagen erstmals die Maschinen von Bōsōzoku aufheulen gehört, um 03:48. Gestern ebenfalls, jedoch verhaltener (Feiertagsbōsōzoku?). # Am Ende der halbtägigen Workshop-Sitzung, hybrid, dankte der Organisator allen online Teilnehmenden einzeln, namentlich und mit einem kräftigen “Arigato gozaimasu”. # Halbtägige Workshops, halbtätige Workshops. # Kaleidoskope. # Ich war recht kurzfristig aufgefordert worden, im Anschluss an den halbtätigen Workshop noch über ein Thema zu referieren, zu dem ich bis 2023 ein Forschungsprojekt leitete, dessen Ausläufer immer noch, nun ja, auslaufen, das jedoch einen Bereich berührt, zu dem ein ehrwürdiger Kollege in Kyoto bedeutend mehr wusste. Ich fühlte mich nicht wohl dabei und wünschte ausdrücklich ein Framing dieses Referats als informeller Forschungsbericht, nicht als formeller Vortrag. Dem wurde nicht ganz entsprochen, jedoch gelang es mir, was mich selbst überraschte, spontan ein einigermaßen kohärentes Referat zu präsentieren, sogar mit korrekten Jahreszahlen und allem drum und dran. Diese Erfahrung, dass du selbst erstaunt bist, was du sprechen kannst, während du sprichst. # Studierende wurden aufgefordert, Fragen zu stellen, doch ihre ebenfalls anwesenden Lehrer verhielten sich still, brachen nicht das Eis, gingen nicht mit gutem Beispiel voran, was nicht für sie, die Lehrer, sprach. Einer der Studis hatte dann doch etwas zu sagen, und die Sache verlief ins Günstige. # Man zeigte mir ein Foto von Professor H., 102 Jahre alt, umgeben von seinen Schülern (no gendering needed), ebenfalls grau- und weißhaarig. Zweimal im Jahr würden die Schüler zu Professor H. gehen, das wäre immer etwas sehr Besonderes. # Ein Abendessen in einer simplen Shokudō, einem separaten Tatamizimmer mit niedrigem Tisch, vorzügliches Essen, vorzüglicher Sake, eine ältere, resche Besitzerin & Kellnerin, die beim Abschied gut zu scherzen vermochte. # F. so: Dieses Restaurant hat über 30, 40 Jahre mehr Kolleg*innen im Fach gesehen als wir alle zusammen. # Ich hätte gerne die Geschicklichkeit von Kollegen M., soziale Situationen zu navigieren, das stille Nachbestellen von Gerichten und Getränken, wenn beim Essen einige noch hungrig oder noch nicht besoffen genug wirken, der elegante Themenwechsel, wenn eine Unterhaltung politisch prekär oder zu exklusiv wird, die Aufmerksamkeit dafür, andere noch mit einzubeziehen, die schon längere Zeit eher stumm und unbeteiligt verharren, ohne sie zu Redebeiträgen zu nötigen. # Tatsächlich ist die Qualität des öffentlichen Verkehrs in Kyoto bestürzend, wenn man aus der perfekt und in kurzen Intervallen durchgetakteten Metropole Tokyo hierher kommt. # Nachts noch durch dunkle Viertel laufen, bevor das Gewitter beginnt.