Die 107 Flüsse Tokios, zumindest einer davon
107 Flüsse soll es in Tokio geben. In der Nähe des Hotels der Kanda-Fluss, ein recht schmales Gewässer, an dem entlang asphaltierte Pfade durch begrünte, mit Bäumen bewachsene Flussuferzonen führen. Ferngesteuert im Jetlag dort herumspaziert, recht lang, erst eine Bachstelze hier, dann eine recht große Schildkröte unten am Flussufer. Enten, die etwas üppig ausgefallen sind. Ein charakteristisches Piepsen, und, tatsächlich, da drüben sitzt ein — Eisvogel in der Sonne. # Ein riesiger Yuzu-Baum mit prallen Früchten neben einem buddhistischen Tempel mit Friedhof. # An vielen Bäumen und Sträuchern dunkelpinke Blüten, eine Pflanzenart, die keine Kirschblüte ist, denn für die sind wir einige Wochen zu spät. Eine Kirschblütenversäumertrostpflanze? # There could be yellow desert sand from China tomorrow, impeding our sight of Mt. Fuji. # Männer in der U-Bahn, die ihre Rucksäcke am Bauch tragen (Rücksichtnahme, Vorsicht). # Warteschlangen vor Mittagessenrestaurants. # Die Amerikanerin im Laden für Holz- und Lackgeschirr, sie hätte genau zwei Minuten Zeit, möchte zwei Reisschalen kaufen, das wäre ihre budget range (hält der Verkäuferin Handy hin). # Menschen, die in U-Bahnen schmusen. # Der junge Mann mit der Hand auf der Hüfte der jungen Frau. # Ein lässiger Teenager, der einem dann fluchenden Grauhaarigen einen Sitzplatz in der U-Bahn vor der Nase wegschnappt. # “A willing burden is no burden” am Rücken des gelben T-Shirts, das der füllige Besitzer eines Blumenladens trug; der Text war zwischen den Hosenträgern etwas schwer zu entziffern. # Die jungen Männer am Nebentisch beim Mittagessen (wir so: Schweinefleisch mit Kimchi und gebratener Fisch, beides jeweils mit Reis, Salat und Misosuppe, insgesamt 11 Euro) trinken Bier, Gespräche über Frisuroptionen (Strähnchen ja oder nein, wenn ja, welche Farbe) und darüber, ob ein anderer, abwesender junger Mann eine Freundin hat, haben könnte, haben sollte. # Zu fünft sitzen wir da in einem schmucklosen Seminarraum und halten eine Vorbesprechung ab. Einmal sagt einer was, dann nicken alle, Pause, dann sagt ein anderer was, dann brummen alle Zustimmung, Pause. Es wackelt leicht. Es wackelt länger. “Bebt es?”, fragt M. Also genau genommen sagt er nur “beben?” (“yureru?”). Pause. “Mmmh, yureru”, sagt Y. Pause. “Soo desu ne”, sagt O. Wir nicken. (Das war wohl ein Beben mit Epizentrum in Nordjapan, dort Stärke 7,4.) # G. sagt, die Menschen hier würden ihre Haare als Privatsphäre verwenden; wenn sie allein sein möchten, senken sie die Köpfe und lassen sich von ihren Haaren umgeben. # Vereinfachungen der dramatischen Natur. Die letzte Reise hierher fand vor Smartphone- und Internetdienstzeiten statt. Damals hatte ich so ein klappbares Mobiltelefon am Flughafen gemietet; Erinnerung an pixelige Bildkommunikation mit listenförmigen U-Bahn-Netzkarten, vage. Jetzt kommen wir nach einem Spaziergang durch Nippori auf die Idee, nach Asakusa fahren zu wollen, flugs spuckt mir das Mobiltelefon die richtige Busroute aus, zeigt mir genau die Abfahrstelle am Busbahnhof an. Wir entdecken gute, simple Restaurants in Kellergeschoßen von Bürogebäuden, in die man nicht einfach so hineinstolpert. Ich kann mir mit G. einfach ausmachen, dass er dann halt zum Abendessen nachkommt in den anderen Teil der Stadt, wo ich eine Besprechung mit universitären Gastgebern habe. Ich kann ihm dann, als wir anderen vor dem Lokal stehen, noch schnell ein Foto vom Restauranteingang und der Aufschrift des Namens schicken (der in für ihn nicht lesbaren Schriftzeichen da steht), damit er nicht auf den letzten Metern scheitert. Beim Abendessen scherzen wir mit den japanischen Gastgebern über Retrotechnologie, wie zum Beispiel die Smart EX Shinkansen Reservation Page, die zwischen 23:00 und 05:30 keine Käufe annimmt, genau genommen: Du kannst schon Karten kaufen, aber keine Sitzplätze auswählen, und nach 05:30 schicken wir Ihnen eine Bestätigung der Zugnummer und der reservierten Plätze per E-Mail.