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- 22 04 2026 - 14:19 - katatonik

Die fremden Körper, die bekannten Körper

Der Berg Takao westlich von Tokio — eine knappe Zugstunde von Shinjuku entfernt —, dort oben der Yakuo-in-Tempel der buddhistischen Shingon-Schule, der den Kult um die Kami-Gottheit Izuna Gongen aufnahm. # Wir nehmen die Seilbahn nach oben und stehen ganz vorne. # Nicht so viel los wie im November, wo zur Betrachtung des bunten Herbstlaubs Massen auflaufen. # Die Stifterstruktur der Religion in die Landschaft eingeschrieben: Holztafeln mit Spendernamen, Personen, Firmen oder Vereinigungen, säumen den Weg. # Du kannst dir ein Ritual bestellen: 3.000 Yen für einen Wunsch, 5.000 für zwei. Die Wünsche sind am Anmeldeformular vorkategorisiert: “Sicherheit für die Familie”, “Sicherheit für das Geschäft”, “Gesundheit”. Wir nehmen “Abwehr von Üblem”. In der dunklen Tempelhalle eine Abfolge von Begrüßungen, Erklärungen, Rezitationen (Mantras, Sutren), Sequenzen aus Paukenspiel und Muschelhorntröten, durch eine Gruppe aus Priestern und Mönchen in klaren Hierarchien, bis Holztafeln (Amulette) mit den Namen der Petent:innen herbeigebracht und über dem zentralen Feuer von jenem gereinigt werden. Das Feuerritual heisst “Goma”, es stammt aus Indien, wo es “Homa” heisst. # Am nächsten Tag werde ich bei einem Abendessen nach einem Workshop einen älteren Studenten kennenlernen, der Mönch am Yakuo-in ist und mir mit hochgradig ausdifferenzierter Ritualerfahrung erklären kann, wie sich das dort praktizierte Ritual von ebensolchen anderswo unterscheidet, was dramaturgisch effektiver ist, ästhetisch ansprechender, psychologisch kraftvoller. # Denkmal für das unbekannte Flughörnchen. # Der Berg zeigte uns seine Affen nicht. # Wanderer grüßen einander in Japan immer freundlich mit “konnichiwa”. # Ganz oben am Gipfel, nach immer noch einer Treppe, immer noch einem Hang, dann doch eine Aussicht auf den Berg Fuji. # Ich bin biografisch eher mit Westjapan verbunden. Mir ist der Fuji eher Blunzn, und ich mag Natto nicht. C. und Y. meinen, das sei für Westjapaner typisch. # Wir essen Soba am Berggipfel. # Vor den kleineren Tempeln und Heiligtümern am Takao-san stehen immer wieder Pilger, rezitieren, verbeugen sich. Wanderer und Pilger halten höflichen Abstand, der aber nicht zu groß ist. Man durchmischt sich eher, unprätenziös, das Religiöse wirkt sehr pragmatisch und grenzt sich nur ab einer gewissen Stufe bewusster ab (der Priester, der das Gatter vor dem Wasserfall schließt, weil er dort etwas zu tun hat). # Gleich neben der Bahnstation ein Onsen, in das wir vier geschlechtergetrennt einfallen. # Der Japaner schrubbt im Onsen gerne und ausgiebig. # Es gibt eine Sauna im Onsen, darin liegen Frotteematten auf dem Holz, auf die eins sich setzt (sie werden danach nicht gewechselt). # Es gibt einen Fernsehapparat in der Sauna, der Nachrichten zeigt, gerade vom gestrigen Erdbeben. # Nach der Sauna duschen manche Frauen nicht und gehen gleich wieder ins heiße Wasser. # Körperkulturen sind keine Sache von Hygiene und Rationalität, sondern Ergebnis erratischer Eingewöhnung. # Wir finden eine gemütliche Izakaya in der Nachbarstadt über Google. # Es gibt frittierte Austern. # C. isst gerne “Hoya”, wir schlagen nach, das sind Seescheiden, Tiere aus dem tiefen Meer. # Die Kellnerin, “resch” würde man sie nennen, die die Bestellungen laut über den Tresen ruft, wo sie die Köche, wiederholend, aufnehmen.