Enjoy the Silence

Ich versuche, in meiner Erinnerung jene Bar wiederzufinden, die es damals hinter der Heidelberger Stadthalle gegeben haben soll und die es nun, nach deren langjähriger Renovierung, nicht mehr gibt. Ich finde sie dort nicht mehr. Ich finde auch nicht mehr jenes Gespräch, das J. in diese Bar verlagerte, wo ich ihm erzählt hätte, wie ich zum Studium einer geografisch recht fernen Kultur gelangt wäre, nämlich durch den Wunsch, nackt auf weißen Pferden durch dortige Gegenden zu reiten, mit Nomaden. Ich dagegen verorte diese Erzählung im so genannten Professorium, wo man sich als neue Professorin der Kollegenschaft vorstellt. Ich weiß, dass ich dieses Element der Selbststilisierung dort vorgetragen habe, allerdings ohne Nacktheit und ohne weißes Pferdefell, da bin ich mir denn doch ziemlich sicher. Es ging vielmehr um die romantische Vorstellung, mit Nomaden durch weite Gegenden zu reiten, die tatsächlich dereinst irgendwo im Hintergrund meines Gemüts weste, dann aber mit der realen Erfahrung des Erlernens komplexer Sprachen kontrastierte, des Sich-Herantastens an etwas über Texte, was ich alles natürlich heute, rückblickend als Professorin, viel spannender fand als Pferderückenromantik, nackt oder bekleidet.

Es ist nicht möglich, in drei Tagen alle Orte in einer Stadt wieder aufzusuchen, in der eins etwas mehr als fünf Jahre zugebracht hat, da mag die Stadt noch so überschaubar sein. Fünf durchbrochene Jahre, aber doch fünf Jahre. Vor allem die Orte in den Wäldern, auf den Schiffen, entlang der Flussufer mussten jetzt unbesucht bleiben, auch die Thermen in der Umgebung, die Saunen. Die nächtlichen Orte, die offiziellen Orte, die mittäglichen Orte, die Abendessenorte, die Einkaufsorte, viele davon. Es ist ja auch nicht notwendig, alles damals Besuchte noch einmal aufzusuchen. Es ist möglich, sich Neues zu suchen, oder den Zufall entscheiden zu lassen. Das Gehgedächtnis in den Beinen führt in kleine Nebengassen; plötzlich stehe ich vor der Praxis der Allgemeinmediziner (Ehepaar), die ich auf Empfehlung vieler im Umfeld aufgesucht hatte, als was war. Erinnerung an knarzende Türen, morgendliche Blutabnahmen, langes Sitzen in Warteräumen. Die Ärztin, die auf meine geäußerte Sorge “ich trink ein bisserl viel Wein in letzter Zeit” beruhigend berichtete, auch sie würde gern am Abend ein Fläschchen Rotwein, zur Entspannung, das sei alles kein Grund zur Beunruhigung. In der Hauptstrasse ein angestammtes Café mit Konditorei, die ehrwürdige alte Besitzerin fand sich einmal in der Nebenkabine bei der Physiotherapie ein; ich hörte lokale Plaudereien mit dem Therapeuten mit an, von einer Art und in einem Dialekt, wie sie in den Gängen der Universität, stets englisch beschallt, nicht vorkamen. Ein Dialekt, den auch die hartgesottenen älteren Damen im Thermalschwimmbad pflegten, einem pfundigen Freibad mit 50m-Becken, das bereits im April öffnete, und wo die Damen auch bei eisigem Regenwetter in der Dusche noch einmal einen Kübel Eiswasser über ihre Körper gossen, dabei plaudernd. Jetzt hatte es noch zu, leider. In der Innenstadt immer noch das Gewürz- und Schokoladengeschäft in einem Innenhof; ich lasse mir schokolierte Nüsse empfehlen und parliere mit dem Inhaber über Innenstädte und deren Transformation ins Entleerte.

Hast du von M. gehört? Sie ist plötzlich an Demenz erkrankt. Man hat sich eine Zeit lang gewundert, dass sie sich nichts mehr merkt, dann kam sehr rasch die Diagnose. Frührente. Sie kann noch Fahrrad fahren, aber sie erkennt ihre Kolleg*innen nicht mehr. Man sieht sie, aber sie sieht einen nicht. (M., Professorin, hoch engagiert, breit gebildet, nie müde wirkend, nie untätig, immer mutig, wir waren zumeist einer Meinung gegen Unsinniges.) Und das von D.? Während Covid klagte seine Frau über Rückenschmerzen, das war dann ein faustgroßer Tumor. Darmkrebs. Sie starb mit 44, jetzt sitzt er da in diesem mediterranen Land mit den Kindern, 3 und 8. (D., der kluge Kollege mit Dressman-Anmutung, der sich in eine Gastwissenschafterin aus jenem mediterranen Land verliebte; es wurde eine wirklich große Love story. Er zog mit ihr in jenes Land, fand dort einen Job an einer Uni, zwei Kinder. Es klang einfach so gelungen.) M.s Geschichte erzählte J. noch frei heraus, bei der Geschichte von D.s Frau tastete er sich mit einigen Fragen vorab zögerlich vor, um zu erspüren, ob ich noch aufnahmefähig für Schlimmes wäre. Wie zur Aufheiterung erzählte er dann noch von F.s Krebserkrankung, denn der Krebs wäre behandelbar und auch in Behandlung. Immerhin. Aber, hey, der B. hat seine Dissertation fertig, weisst du noch, schwierige Sache, Familienkrisen dahinter ohne Ende, hatten wir ja alle nicht mehr dran geglaubt, aber jetzt, tolles Ding, 700 Seiten.

In dem einen Lokal mit dem erinnerten guten Essen (es ist immer noch sehr gut) an einem Tisch mit einem etwas älteren Heteropaar platziert worden, aus der Gegend vom Akzent her, jedenfalls von nicht allzu fern, aber nicht vom Ort. Sie bereiteten sich auf bevorstehende Gespräche über einen Grundstückskauf vor, zwischen Bemerkungen über das Essen und gemeinsamer Urlaubsorganisation mit anderen woanders. Wir versicherten einander, wie gut das Essen hier wäre; kleine Spannungen wurden höflich entschärft (ich spürte ihr Stirnrunzeln, als meine Tapas zuerst angeliefert wurden, obwohl ich ja das Lokal später betreten hatte als sie).
Es wurde langsam und abwägend gesprochen, mit Ruhe. Rührend bedachtsam entwarfen sie im gemütlich schummrigen Lokal auf seinem Handy eine Nachricht an andere Miturlaubende zu Vereinbarungszwecken, die sehr warm klang. Sie einigten sich darauf, noch ein “… wie es sich ja schon letztes Mal bewährt hat” an prägnanter Stelle einzufügen. Jetzt denke ich, so etwas würde ich denn doch als etwas passiv-aggressiv empfinden; im Restaurant war ich dagegen still gerührt. Eine Frage der Lichtstimmung. Am Nebentisch in meinem Blickfeld eine Gruppe aus sechs Personen, ein Elternpaar, vier jüngere erwachsene Damen und Herren, deren Söhne und Töchter darunter, jedoch nicht eindeutig auszumachen, wer wer und wer mit wem. Ein junger Mann mit habituell lautem Lachen, den die neben ihm sitzende junge Frau anzischte (deutsches Wort für “to hush somebody” einfügen oder erfinden). Der Vater ein etwas langsam wirkender Wirtschaftsmensch, des Wortes nicht sehr mächtig und sich dessen bewusst (Witzeln darüber, wie er an einem der vergangenen Tage unerwartet zu einer Rede in einer Vollversammlung aufgefordert worden war). Die Mutter daneben stumm, bis sie mit einemmal mit gelehrter Rede über die Effekte von Stress auf den Organismus überraschte und sich so als Medizinerin herausstellte.

Der im positiven Sinn urbanste Ort der Stadt immer dieses Ecklokal an einem kreisförmigen Verkehrsungetüm, zerschnitten von Straßenbangeleisen, in der Mitte vergessenes und dann doch gepflegtes Grün, jetzt gelbe Blümchen. Das Lokal hieß bei mir immer “Café am Römerkreis”, das steht ja auch drüber, in einer Typografie aus einer anderen Zeit, aber de facto heißt es P11. Nicht, dass ich hier besonders oft gewesen wäre, wenn, dann auf ein spätes alkoholisches Getränk. Ein improvisiert wirkendes, anheimelnd wummelndes Lokal mit großen Fenstern. Da hängen Menschen ab, die ich für Studierende halte, neben anderen, die ich für Tourist*innen halte, und zwischendrein kommen Nachbarn mit ihren Hunden vorbei, auch noch nach 22 Uhr. Man spielte Depeche Dingsbums, “Enjoy the Silence”, eine Nummer, die ich gut kenne, aber trotzdem, ich gestehe, am Handy nachschlagen musste. Sorry, Dingsbums.
Gefühlt alle paar Jahre suche ich übrigens nach dieser Version von “Enjoy the Silence”, die auf einer Mute Records Compilation aus dem Jahr 1991 drauf ist, und gefühlt alle paar Jahre finde ich heraus, dass es sich um einen “Extract” aus einem 15minütigen Mix handelt, und ich notiere das nun endlich hier, vielleicht komme ich in ein paar Jahren drauf, dass ich das hier notiert habe: YouTube Link