Three in a row
Mittwochs ein Konzert in der Sargfabrik, einem Wohn- und Kulturprojekt im 14. Bezirk, im dortigen Badehaus: Fugu, das sind Fredl (Raumschiff Engelmayr), bekannt von Bulbul, und Heimo Wallner. Trompete und heiserer Männergesang zu Konservenrhythmen, Keyboard und E-Gitarre. (Älteres Hörbeispiel hier, neues Album in Arbeit.) Verschrobener Doom in den Texten. Wo sich “you are my universe” auf was mit “curse” reimt. Das Ganze im Hall eines recht intimen, hellblau verfliesten Schwimmbads mit mehreren, kleineren Räumen, vor einem Halbrund aus Liegestühlen und zwischen 20 und 30 Anwesenden. Im Anschluss durfte “fröhlich gebadet” werden. Die Gäste konnten die Sauna des Etablissements benützen, den charmant schmalen Swimmingpool, den gut beheizt brodelnden Whirlpool. Zum Baden erschienen auch “regulars”; das Badehaus hat einen Clubbetrieb mit Mitgliedschaft (Warteliste elendslang) und ist nur zu besonderen Gelegenheiten für Allgemeinheiten geöffnet. Konzertgäste und Badeclubler verblieben in beiläufiger Kopräsenz bei Getränken und Snacks in der Küche.

Eine ältere Frau frug mich gleich direkt “wo kummst’n her”, und auf die Antwort kamen dann Geschichten aus der “Hippiezeit”, wo sie in jener Gegend als Ärztin tätig gewesen sei. Wilde Geschichten, sehr wilde. Arbeit mit Suchtkranken, von denen sie viel gelernt hätte. Sprünge in die Steiermark, auch dort Arbeit mit Suchtkranken, auch dort viel gelernt, schon hart. Heute sei ja alles so anders, das war der Refrain, aber dann kam’s nie zur Ausführung des wie anders. Sie sei 80. Ich bemühte mich, aus ihren hastig vorgetragenen Redesplittern ein Bild zusammenzusetzen, hätte auch gern hie und da nachgefragt, aber ich kam nicht zu Wort und war nach dem Saunabesuch auch zu müde für energieintensives Zuhören. Es schien nicht möglich, ihrem Reden zu entkommen, also bewegte ich mich langsam in Richtung Ausgang, den Drive einer anderen aufbrechenden Gruppe nützend, der ich mich anschließen konnte, ohne mich ihnen anzuschließen.
Donnerstag die Young Gods im Flucc. Schweizer Herren (Fribourg), die seit Jahr und Tag wohlstrukturierte Klanggewitter erzeugen, manches davon in für mich nicht ganz so ansprechender Weise gradheraus rockig, vieles freilich atmosphärisch dicht und präzise gewebt, dazu der sehr distinktive Gesang von Franz Treichler, der über eine sehnig ergraute, konzentrierte und gelassene Bühnenpräsenz verfügt, dazu wurde ziselierendes Licht gereicht. Treichler heißt übrigens mit vollem Namen Francisco José Conceição Leitão Treichler. Sein Vater stammte aus Brasilien, vormals Redakteur oder Leiter (ich recherchiere das nicht nach, englischsprachige Wikipedia) der portugiesischen Abteilung von Radio Swiss International (wusste nicht, dass es eine solche gab oder gibt). Die in der Wikipedia nicht namentlich genannte Mutter Deutschschweizerin. Meinem Whatsapp-Kulturzirkel aus Ü60ern waren die Young Gods übrigens nicht bekannt, überraschend; sie hätten dorthin gepasst. Man kann übrigens durchaus sagen, dass die Band Kultstatus hat, was sich auch an einer recht hohen Dichte älterer (ahem) Herren aus dem Kulturleben Wiens im Publikum zeigte. (Man erkennt einander, hat einander aber lange nicht mehr gesehen und kannte einander vor längerer Zeit ohnehin recht peripher, sodass keine Seite sich zu Zunicken motivieren kann.) Es laufen auch einige mit schwarzen Sweatshirts herum, auf deren Rücken WE ARE ALL YOUNG GODS steht. Ich fände WE ALL ARE YOUNG GODS unpeinlicher.
Genremäßig gehörten die Young Gods ursprünglich (es gibt sie seit 1985) wohl zu “Industrial”. Die folgende Transformation unter Aufnahme von Impulsen aus dem weiten Feld der rezenteren Elektronikmusik hört sich ziemlich nahtlos und stimmig an. Im Verlauf des Abends ging das Repertoire nach der anfänglichen Darbietung von Tracks aus dem neuen Album Appear Disappear chronologisch weiter zurück, psychologisch sehr effektiv; die Nick- und Wippdichte unter den älteren Semestern im Publikum stieg an. Skin flowers am Ende war dann schon richtig herzerwärmend, aber das ist natürlich auch einfach eine herzerwärmende Nummer. Die Young Gods sind im übrigen keine Band, die live total anders klingen und wirken als aufgenommen. Eher eine Wuchtigkeits- und Mehrdimensionalitätsliveband als eine Performanzüberraschungsliveband.

Freitags im Echoraum Auftakt zu einer um Ben Ratliffs Buch “Every Song Ever” gebauten Konzertreihe (Website), live Paul Wallfisch (bis vor kurzem Musikkurator am Volkstheater), der famose Schlagzeuger Budgie und Martin Siewert, bei einem Stück verstärkt durch Oliver Stotz. Ratliffs schon 2016 erschienenes Buch nimmt ostentativ das Hören in der Cloud, das Hören in Zeiten der leichten Verfügbarkeit von Unmengen von Musik, zum Ausgangspunkt für die Frage, wie Zuhörende einen bewussten Zugang gestalten können zu allen möglichen Arten von Musik. Der Umgang mit Überfluss. Das Finden und Bauen von Wegen durch den Überfluss, die notgedrungen anders sind, sein werden, als die Wege, die physische Übertragungsmedien wie Vinyl, lineares Radio und in der Welt verstreute Plattenläden ermöglichten — die musikalisch Produkte mit einschließen, die mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Möglichkeiten produziert, aufgenommen und verbreitet wurden. Ratliff entwickelt dazu Kategorien, entlang derer er sich durch Musik verschiedener Zeiten und Arten hört: Repetition, Slowness, Speed, Transmission, das sind die ersten vier, die im Echoraum performiert wurden. Das Buch macht viel Spaß, hat viele Lücken, wirft viele Fragen auf, vor allem zu Entdeckungsmechanismen im Zeitalter des Algorithmus.
Am Ende jedes Kapitels steht zusammengefasst eine recht heterogene Playlist mit vielen der Stücke, die im Kapitel selbst angesprochen wurden. Der Ansatz des Konzertabends war, ausgewählte Stücke zu covern, in einem Trio aus Klavier (plus Synthorgel), Schlagzeug und Gitarre plus Elektronik. Gemüsegarten: Chic, Sara Vaughan, Schostakowitsch, Andy Bey, James Brown, Steve Reich, Scarlatti, Nusrat Fateh Ali Khan. In einem Zwischendurcherklärbärgespräch meinte Siewert, das Covern wäre nicht unbedingt sein präferierter Zugang gewesen. Ich habe ihn so verstanden, dass er lieber zu den Kapitelkategorien (wie “Repetition”) improvisiert hätte. Es ließe sich darüber trefflich weiter sinnieren, was ich an jenem Abend interessanter gefunden hätte als den Aspekt, dass in Ratliffs Playlisten wenig Musik von Frauen vorkommt — das Gespräch zu diesem von der Moderatorin (Astrid Schwarz) vorgebrachtem Punkt verlief recht lust- und erkenntnislos. Wallfisch sprach so in Richtung “die Musikgeschichte ist halt so”, was einerseits so ist, andererseits aber natürlich auch nicht, und Schwarz dann so “ja, aber Eliane Radigue oder Delia Derbyshire”, und das ist zwar auch so, dann aber wiederum auch nicht, je nun. Es blieb im Anschluss an diese Engführung des Themas keine Möglichkeit mehr für andere Perspektiven, leider.
Improvisation hätte ich in der Tat gerne mehr gehört; mein Lieblingsstück des Abends war der erste Satz von Schostakowitschs 15. Streichquartett (Kategorie Slowness), gespielt nur von Wallfischs Klavier und Siewerts Elektronik, die exquisit subtil ins Blubbern kam. Steve Reichs “Four Organs” (das Stück mit Stotz; Kategorie Repetition) berückte durch Danebendriften. Das ausgeklügelte Stück entglitt der bemühten Konzentration aller Beteiligten leicht. Ich fand das eine schöne Metapher, vielleicht die schönste des Abends, auf das Verhältnis zwischen Musizierenden, Musik und Hörenden, auf die unausgeglichene Verfügbarkeit von Ton, Ressourcen und Zeit.
Viele der von Ratliff ausgewählten Stücke sind US-amerikanisch; viele der vom Trio ausgewählten Stücke daraus waren US-amerikanisch. Am Ende warf einer im Bargeplauder die kritische Frage auf, warum man gerade jetzt, wo uns da alles um die Ohren fliege, quasi einen amerikanischen Song-Abend gestalten müsse, was einerseits so ist, andererseits.
oh! von den young gods kenne ich nur ein lied, pas mal, und das war auf irgendeinem cd-sampler von der pop.komm oder vom musikexpress oder… es ist jedenfalls lange her, ah ja 1989: https://www.youtube.com/watch?v=aIXqpX0FgAs
ich find es sehr schön, dass ich diese außerordentlich detaillierte review jetzt hier lese, weil ich mich auch über vieles in ihrem bandcamp profil freue, zuletzt vor allem über the last days of may von fennesz.
liebe grüße!