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- 14 02 2026 - 10:12 - katatonik

Might as well face it

An einem Tag der Woche sang morgens eine Amsel, im Halbdunkel, halblaut, nicht der ganz leise Wintergesang, der sich wie ein Kurzwellenradio anhört, nicht ganz der markante Frühlingsgesang. Ein Halbgesang. An einem anderen Tag hörte ich aus den Bäumen entlang der Westbahntrasse Meisen Frühlingstöne von sich geben, während ich vorbeiradelte. Das war kurz, bevor ich stürzte, weil ich das in meine Fahrbahn einkurvende Gleis, das feucht war, in einem zu steilen Winkel erwischte und abrutschte. Der Sturz verlief leicht, auf Händen und Knien, etwas abgeschürfte Knie, nicht einmal wirklich abgeschürft, eher angeschürft, die Handwurzeln bissi gestaucht, der eine Daumenballen etwas mehr, aber auch zwei Tage danach kein blauer Fleck, nada. Ein Halbsturz, wennst mich fragst, so von der Wirkung her. Dem Körper kann Bizarreres passieren.

Menschen verzahn mich ins Theater oder zum Karaoke; ich verzah sie zu Musik. Ich schätze das, es ist ein Geben und Nehmen mit Anregungen zu was mit Kultur, mit Gelegenheiten für mannigfache Begegnungen der verabredeten und zufälligen Art.

Volkstheater in den Bezirken, eine stimmige, großartig flachwitzige Übertragung von Schillers Räubern in die dynastische Atmosphäre eines Plattenproduzenten der 1970er Jahre, gespielt in einem unerwartet, unbekannt riesigen Saal der Volkshochschule Rudolfsheim-Fünfhaus, der bis zu 492 Personen fasst und damit noch nicht einmal der größte Volkshochschul-Veranstaltungssaal der Stadt ist, an jenem Abend übrigens ausverkauft.

Ensemble Aktionstheater im Theater am Werk im Kabelwerk an der südlichen Peripherie der Stadt (bzw. in einem dort relativ rezent gestalteten Stadterweiterungsgebiet mit U-Bahn-Anschluss), das Stück Speed — mit Livemusik unterlegte, choreografierte Textcollagen, mit den Schauspieler*innen des Ensembles erarbeitet, die Bewegungen und Bewegungsradien des spätmodernen Subjekts in einer Atmosphäre sich verdichtender, überlagernder Krisen und Katastrophen auslotend. Zu einem Aktionstheater-Stück wurde ich schon vor einem Jahr einmal verzaht, durchaus begeistert; ich registriere, dass die gestalterischen Routinen des Ensembles an mir rasch ermüden. Leicht perplex gewesen, dass ein junger Mann auf der Bühne eine Nazigroßmutter hat, aber niemand im Stück auch nur ansatzweise mit Nazinachbarn zu tun hat.

Werner Schwabs Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos, eine perspektivisch fantastische Inszenierung eines Klassikers des Austrogroteskentheaters, den erlebt-imaginierten Wahnsinn eines Grazer Zinshauses auf eine Bühne projizierend. Trifft genau meine “in jedem Keller des Landes ist ein Fritzl verborgen”-Haltung zum Land, die manchen etwas überzogen scheinen mag. Auf der Bühne im Akademietheater ist der Boden die Wand, und die Wand die Bühne. Das Publikum hat alles im Blick von vorn und doch aus der Vogelperspektive, eine beklemmende Welt mit fixiertem Mobiliar, durch die sich erbarmungslos der Schwerkraft ausgelieferte Figuren nur mühevoll bewegen können. Bei einigen Lachern im Publikum der Gedanke, dass Schwabs Sprache mit Witz, Brutalität und Tragik zugleich, eine auf eigene Art uneigentliche Art des Sprechens, heute auf, äh, jüngere Menschen denn doch ganz anders wirken muss als damals in den frühen 1990er Jahren, als seine Stücke rauskamen.

Am Austrowahnsinn arbeiten sich auch Königlollipop im “Porgy und Bess” ab (neues Album Pantheism at Praterstern), berückend vielseitig, vom langsam zu getragenem Klaviergeklimper vorgetragenen Text mit kontrastreich melodiöser Hitlerisierung bis zur sehr deftig verbalisierten, zackig artikulierten “Herdenimmunisierung”. Text-Ton-Scheren biegen um mehrere Ecken, begleitet vom musikalischen Experiment, die ganze Bühnenanordnung ein einziger Proberaum mit den hier und dort verteilten Standmikros, mit dem Klavier hinten in der Mitte und dem Synth links vorn und dem Schlagzeug rechts vorn und links hinten abgelegten Blechblasinstrumenten. Davor spielte übrigens die Pianistin Jordina Millà, auf nicht passend passende Weise die Vielseitigkeit des Abends mit recht zarten Tönen am präparierten Klavier einleitend.

An einem Samstagabend Karaoke zu neunt im “Shangri La” in Erdberg, an der östlichen Peripherie der Stadt, bzw. dort, wo ein ehemaliges Schlachthofviertel der Stadt relativ rezent Stadterweiterungsgebiet usw. usf. Wir befanden uns in einem Raum, der “Club Mao” hieß. Ein Kühlschrank mit Getränken, passend zum Mao-Thema auch “Hainan Hai Nan The Original Coconut Milk Juice” mit ausschließlich chinesischer Dosenaufschrift, soll aber grauslich sein, sagen die anderen, die schon einmal da waren; ich koste nicht. Ein Bildschirm mit angeschlossenem PC und Tastatur, das System erlaubt Musikauswahl über Apps auf Handys.

Wir singen gute sechs Stunden lang dahin, ein wunderbares Medley aus den disparaten musikalischen Welten der Anwesenden; generationsmäßig und überhaupt bissi auseinander. Im kleinen Raum ergibt sich wunderschönes Gruppensingen, das am besten bei “Felicità” funktioniert, das wirklich alle in den Gebeinen haben. Überhaupt hat Italopop (“Una Festa Sui Prati”, “Azzurro”) auch für Personen wie mich, deren Italienisch eher fragmentarisch ist, überraschende Animierungskraft, da vibriert der Mundraum auf ungeahnte Weise, da erwachen die Bronchien, die Öhrchen machen “oh”, das Freudensensorium kriegt was zu tun. Andere kennen Robert Palmers “Addicted To Love” nicht (ich hatte nicht am Radar, wie oft dessen “Might as well face it, you’re addicted to love” am Ende wiederholt wird, das ist tatsächlich addictive), oder “Left To My Own Devices” von den Pet Shop Boys, das ich ebenfalls darbiete. Mir sind wiederum Helene Fischer, Lady Gaga und Tarkan fremd. “Road to Nowhere” und “Psycho Killer” sind anderen bekannt, aber den Namen der Band konnten sie nicht gleich nennen — sie schienen auch von der Auswahl von “Under Pressure” leicht überrascht, welche mir absolut zwingend schien (“Mmm num ba de!”), wogegen ich nicht mit Karel Gott gerechnet hätte (“Fang’ das Licht”). (Und, was, da ist ein “Bismillah” in “Bohemian Rhapsody”? Wie konnte mir das nur entgehen?) Recht viel Liebeslyrik im Liedgut, eh kloa, dabei sehr, sehr viel Affektivität des Heteromannes, die zwischen kaum maskierter Aggressivität (Bruno Mars, “Grenade”, bistdenndufertig) und welteneröffnender Zuneigung mit herzerwärmender Fürsorge (Proclaimers, “500 Miles”) changiert. Wir treffen uns dann jedenfalls alle bei “Felicità” und “Losing My Religion”. Das Spiel mit den Liedern, ihrer Auswahl und ihrer Performance, ist dermaßen einnehmend, dass gar nicht auffällt, wie wenig Alkohol an jenem Abend getrunken wird, daschauher, und eine Obstplatte haben wir auch verputzt.