Ballaballa, die zweite

Der Empfang fand in einem dunkel getäfelten Raum statt, dem Stadtsenatssitzungssaal. Riesige Glockentulpenluster schufen festliches, doch dumpfes Licht. Am Majolikakamin mit dem Stadtwappen, den dereinst die Hafnerinnung der Stadt Wien schenkte, eine Aufschrift: Sapientia aedificabitur, prudentia gubernabitur domus. “Durch Weisheit wird ein Haus gebaut / und durch Verstand regiert.” (Eine Variation auf Vulgata, Proverbia 24:3, wie ich im Nachhinein recherchiere.) Darunter steht noch 1885, das sehe ich freilich erst auf der historischen Planzeichnung, im Nachhinein.

Eine Band klimperte Begleitjazz. Die zum Empfang geladenen Ballbesucher*innen sammelten sich, nachdem sie am Weg in den Saal für ein Red Carpet-Foto mit dem Ballorganisator posiert hatten. Ein Podium mit Standmikrofon wurde zugerichtet. Eine Rede des Ballorganisators, dann eine Rede der Kulturstadträtin. Bedrohungen der Demokratie allerorten, die Wichtigkeit der Wissenschaften, ein Schlenker zur Verbindung von Wissenschaft und Volksbildung, eine etwas zu selbstgefällig geratene Begrüßung einer Abordnung von Studierenden aus Harvard. Im Publikum geflüsterte, geraunte Hinweise auf anwesende, gesehene Wissenschafter*innen, Kulturpersönlichkeiten, Politiker*innen, gelegentlich von Internetsuchen am Mobiltelefon abgestützt. Fotograf*innen schlängelten sich durch, verrenkten sich mit ihren riesigen Tüten, um durch die Menschen durch einen bestimmten Winkel auf ein bestimmtes Bild hinzukriegen.

Das Fotografieren, die bestimmende Kultur- und Kontaktform des Abends. Bei der Eröffnung halten viele ihre Mobiltelefone hoch in Richtung des Tanzparketts, im sehr vollen, riesigen Festsaal. Wenn einander jüngere Menschen, von denen es auf diesem Ball (für mich überraschend) sehr viele gibt, begegnen, kommt es unverzüglich zu gemeinsamen Selfies. Man kann Altersstufen übrigens auch daran unterscheiden, ob das gemeinsame Bild in Form eines Selfies angefertigt wird (jünger) oder durch Bitte um Hilfestellung an Dritte (älter). Die großen Gruppenfotos von Mitgliedern einzelner Institute, Institutionen oder anderer Körperschaften, sie finden auf den Feststiegen statt. Manche Gruppen haben Profifotografen dabei, andere designieren eines ihrer Mitglieder zum Fotografen. Man müsse ja froh sein, wenn heutzutage der Fotograf sein eigenes Gerät beherrsche, er hätte dies unlängst einem an seiner Einrichtung erklären müssen, sagt ein Herr mit Fliege während unseres Gruppenfotos zu einem anderen. Gegen Mitternacht werden vor dem Balltransparent auch einige junge Menschen mit Bürgermeister und Wissenschaftsministerin fotografiert; es bleibt unklar, warum gerade die (die Harvarder?). Es gibt im übrigen auch Eventfotograf*innen, deren Fotos später über die Ballwebsite angeboten werden (auch zum Kauf). Den kostenpflichtigen Fotografen habe ich gar nicht bemerkt; von den vielen, vielen in niedriger Auflösung gezeigten Fotos her schienen ihn übrigens auch sehr viele der nichtweißen Besucher*innen nicht bemerkt zu haben.

Der Ball der Wissenschaften hat einen dezidiert nicht genderspezifischen Dresscode: Man will Frack, Smoking oder schwarzen Anzug bzw. langes Abendkleid oder knielanges Cocktailkleid, legt aber ausdrücklich nicht fest, Menschen welcher Geschlechtskonfiguration welchen Code pflegen sollen. Die Bekleidung verbleibt weitgehend im Rahmen des Erwartbaren. Einige jüngere Menschen widersetzen sich der Konvention und erscheinen als fluffige Wollzelte (sympathisch, dass sie reingelassen wurden), manche Frauen mittleren Alters kleiden sich ins Avantgardistische hinein, andere ins Schluffige. Frauen unter 40 zeigen viel, viel Haut, und beachtlich viel davon ist tätowiert. Die Männer bleiben pinguinesk, mit Mascherln. Bälle sind, Wissenschaft hin oder her, Schaukästen für herausgeputzte Frauenkörper. Das Gros der jungen Frauen sieht exakt so aus wie die Models in den Online-Kleidungsshops, die ich im Zuge der eigenen Kleidersuche im Vorfeld durchbrowste. Sehr eng anliegende Kleider bis ins Pornöse. N. hatte wenig Zeit und lief noch rasch zwei Tage vor dem Ball in ein Großkaufhaus. Als ich im Lauf des Abends bemerke, dass mindestens eine andere junge Dame mit dem von ihr gewählten Modell (fließendes Kleid in Altrosa, bestickte Brustpartie) unterwegs wäre, sie so sinngemäß, ja, man könne unter den Ballbesucherinnen auch eine Spur der von ihr nicht ausgewählten Kleider aus jenem Großkaufhaus ziehen.

Das Ballwesen ist mir neu, fremd. Nicht nur mir; die zufällig am Tisch neben mir platzierte Frau mit g’standenem Wienumgebungs-Dialekt stellte sich mit einem pfundigen “mia san jo ned so de Ballgeher” vor. Ihre spätere Bemerkung, als sie eine Riesenbreze verzehrte, “waun I mi scho aufbrezln muass, gibt’s hoid a a Brez’n dazua”, traf ganz meinen Humor. Im Vorfeld erzählten mir ein paar Ü60er, dieser oder jener Ball wäre auch super, da würden sie immer hingehen, aber ich erkannte nicht, was aus ihrer Sicht Bälle “super” macht. Bälle sind groß, sie pflegen, scheint mir, als Veranstaltung eine Art lowest common denominator, eine populare Unterhaltungskultur aus einer anderen Zeit, mit Gehobenheitsanspruch. Das Ballorchester am Wissenschaftsball macht in Unterhaltungsklassik (Auftakt mit Berlioz, immerhin), pflegt resche Walzer und verfoxtrottbaren Jazz. Es gibt eine Tangobar und eine Bar mit Jazzband (Saxofon). Es gibt eine Diskothek im Keller: Tanzbares, auf das sich mehrere Generationen verständigen können. Hits, nicht aus dem letzten Jahr, aber auch nicht zu retro; so 2000er-mäßig halt, Sophie-Ellis-Bextor-Stil.

Vielleicht ist es für den Wissenschaftsball speziell, aber hier fällt mir jedenfalls die große Bandbreite an Altersstufen auf. Der Ball ist unter jungen Menschen, Studierenden, offenbar sehr populär. Ich gewinne auch den Eindruck, dass die großen naturwissenschaftlichen Forschungsinstitute (ISTA, IMBA, CEMM), vor allem die Lebenswissenschaften, sehr gut vertreten sind mit ihrer internationalen Studierenden- und Postdoc-Bevölkerung. Wien als Ballstadt, ein besonderes Attraktionsmoment für Menschen aus den USA, den UK oder China, das war mir im Vorfeld auch bei der Recherche der Herausputzingredienzien aufgefallen. Ich mietete mein Ballkleid bei einem einschlägigen Verleih, Änderungen und Reinigung inklusive. Man findet bei solchen Services, von denen es in Wien mehrere gibt, schnell Internet-Bewertungen von begeisterten Menschen aus anderen Ländern, denen der Verleih noch rasch aus einer Notlage geholfen hat — eigenes Kleid mit Fluggepäck verloren gegangen, Schuhe vergessen oder sowas. Bei Kleidauswahl und Anprobe im Verleih waren da zwei Debütantinnen aus Deutschland, deren eine sich im Kleid abfilmte und ihrer Mutter rasch zwecks Feedback das Video schickte, und Smokings probierende Herren aus Irland. (Welche Geschichte verbarg sich wohl hinter dem Erscheinen einer genervt wirkenden Mutter mit zwei ca. 11jährigen Mädels, die schnell noch von einem Tag auf den nächsten ein Kleid für ein Mädel geändert haben wollte? Würde ich das wissen wollen?)

Was machst du auf einem Ball? Essen jedenfalls nicht viel; auf Wiener Bällen, entnehme ich der Website des Wissenschaftsballs, werden traditionell nur Snacks gereicht und verzehrt. (Verweis auf das Angebot mehrgängiger Vorballbesuchsmenüs in ausgewählten Restaurants.) Auf diesem Ball hier wird viel gegangen und spaziert; das Rathaus ist groß, und die diversen Attraktionen sind verteilt. Es geht durch den Festsaal, seine Seitengänge, die ihn umgebenden großzügigen und verschachtelten Stiegenhäuser. Es gibt Stationen, die man besuchen kann, an denen Wissenschaft in leicht rezipierbarer Form vorgeführt wird. Pasta Cacio e Pepe, mittlerweile ein Dauerbrenner im Feld der Wissenschaftskommunikation. Ich weiß nicht, wie viele Physiker*innen sich an der experimentellen Verfeinerung des optimalen Rezepts bereits versucht haben. Es gibt auch eine Styling-Station. Es gibt verschiedene Bars. Selbstverständlich kann eins auch tanzen, wenn dem keine physischen Hindernisse entgegenstehen (looking at you, Achillodynie!), die die Sitzphasen etwas länger ausfallen lassen. Plaudern, Sitzen. Mit den Bewegungsmöglichkeiten des Kleides spielen. Es sitzt eng am Oberkörper, hält aufrecht, stützt, das ist angenehm und nicht einschnürend. Es hat Taschen, was mir die Fortführung meiner Standardstehhaltung mit in Hosentaschen vergrabenen Händen (leicht wippend dabei) ermöglicht und die Mitführung von Clutches oder anderen Formen körperexterner Aufbewahrungsbehältnisse erspart. Der Rock ist weit und ermöglicht breitbeiniges Stehen und Sitzen, sehr bequem. Das Kleid ist lang und erfordert beim Treppensteigen nach oben Eingriffe, die mal mehr, mal weniger elegant gelingen (Orientierung am Filmischen, kurz die Vision von Audrey Hepburn als kleiner Elefant).

Der Abendverlauf ist durch Zentralereignisse zeitlich locker strukturiert: 21:00 Eröffnung, 24:00 Auftritt der Sängerin Juliette Khalil, gemeinsames Absingen der Ode an die Freude, danach Quadrille als Publikumspartizipationstanzspiel (Hochachtung dafür, die Bewegungsabläufe, die die einander Unbekannten dafür einüben mussten und zu zwei Zeitslots in der Diskothek auch konnten, schienen mir recht komplex). In den Logen sind Bildschirme aufgestellt, sodass du auch dann noch einigermaßen siehst, was auf der Tanzfläche abgeht, wenn du an einem Tisch weiter weg sitzt. Nachts dann noch ein Konzert von Sofie Royer, das ich nicht mehr sehe. Ich wäre als Nichtballbesuchende geneigt gewesen, einen Ball mit einem Konzert oder einer Party zu vergleichen, aber tatsächlich ähnelt ein solch großer Ball eher einem Stadt- oder Stadtteilfest. 4000 Leute sollen anwesend gewesen sein. Im Wiener Rathaus verteilt sich eine solche Menge recht gut. Der Ballsaal ist übrigens 71 Meter lang (Abstand zwischen den Orchesternischen an den Stirnseiten), 20 Meter breit, 18,5 Meter hoch; er verfügt über Mooreichenparkett. Zu den Feststiegen mit ihren Zwischenpodesten befragte ich Lumo, einen KI-Assistenten. Lumo nennt diese Art der Treppenarchitektur “Zweiläufige Treppe mit Mittel-Palier” (oder “Zentral-Palier”), aber sonst kennt das Internet diese Formulierung nicht. Vielleicht habe ich auch die Frage falsch formuliert, who knows, aber es gibt Anschauungsmaterial.

Im Festsaal wird langsam gegangen, denn in den begehbaren langen Seitengängen staut es sich rasch. In meiner gewiss auch von filmischen Darstellungen geprägten Vorstellung wurde im 19. Jahrhundert, als Damenkleider weit ausladender waren, in solchen Gängen eher geschritten als gegangen, promeniert, dabei parliert. Hier ist sich die Menge gesellschaftsmotorisch nicht so ganz sicher und changiert zwischen Promenieren, Rumstehen, Anstehen, Durchschlängeln und Wegdrängeln. Der unclubartige Club der einander still würdigenden Frauen in den 50ern ist massiv präsent: Einander fremde Frauen in den 50ern bemerken einander oft, nicken oder lächeln zu. Da gibt es so ein recht verhaltenes Sisterisierungsding, das sich selten zu Gesprächen verdichtet, aber diskrete Verbindungen schafft. Das ist manchmal freundlich entspannt (ach, schön, ein anderes freundliches Wesen mit vermutlich ähnlichem Erfahrungshorizont), manchmal offensiv (yay, wir sind noch da, und zwar with a vengeance!), manchmal resignativ (uns bemerkt sonst ja keiner mehr, und wir finden, wir sollten eigentlich bemerkt werden, aber was soll man machen, es ist ermüdend). Mit älteren Frauen funzt das nicht so recht, jedenfalls für mich nicht oft. Jüngere Frauen bemerken andere, die deutlich älter sind als sie, kaum (das Lesbenpärchen am Nebentisch des Balls sei hiemit explizit ausgenommen, hallo, meine herlächelnden Damen).

Es ist übrigens nicht richtig, dass ich nun zum zweiten Mal in meinem Leben auf einem Ball war, wie ich in den letzten Wochen jeder Person, die es nicht hören wollte, erzählte. Es war der dritte, denn den tatsächlich zweiten vor etwa 24 Jahren hatte ich total vergessen. Unorginellerweise wählte ich unwillkürlich für diesen Text hier denselben Titel wie für jenen von vor 24 Jahren, woraufhin mich Textpattern auf den alten Eintrag aufmerksam machte. Es ist schön, verlässlich schlechten Geschmack zu haben.
