Hermeneutiken
In den Convenience Stores wurden die Regenschirmverkaufsregale in Eingangsnähe gerückt, und alle Menschen trugen Regenschirme; ein untrügliches Zeichen für bevorstehenden Regen. # In Ebisu (Stationslied: Harry Lime Theme) verließen wir den Zug am Ende der Plattform und nutzten die Gelegenheit für einige Fotos. Eine Frau mit ihrem etwa vierjährigen Sohn stand da und sah mit ihm den Zug an, Dinge erklärend, erzählend. Der Schaffner trat heraus und schenkte dem Knaben eine Süßigkeit. # Am Weg zur Kokugakuin-Universität traten plötzlich vier junge Menschen, südamerikanisch aussehend, aus einer Garage; sie hatten plüschige Bären-Onesies in unterschiedlichen Farbschattierungen an (rötlich, bläulich, grünlich, bräunlich). Vor der Garage standen Go-Karts, an denen sie vorbeigingen. Ich verstand nichts. # Zum Abendessen nach dem ersten Workshoptag gab es ein “Nihonshu-Hōdai”, also für zwei Stunden lang so viel Sake, wie man trinken kann. Das Lokal brüstete sich mit 100 Arten von Sake. Wir elf Leute tranken gut sechs, sieben verschiedene, von zart moussierenden über staubtrockene zu fruchtigen verschiedener Art, bananenartig, birnig, litschiesk. Ein fröhlicher, entspannter Abend mit viel Fisch. Der Nachtschlaf durchbrochen, der nächste Tag symptomlos. Guter Stoff. # K., früher ein jüngerer Studienkollege, kam aus Fukuoka nach Tokio geflogen, für ein Abendessen und eine dreistündige Workshopeinheit. (Rührung.) # In der Yamanote-Linie die junge Frau neben mir, orange gefärbtes Haar mit diesem Grauschleier, den alle bunten Haarfärbungen jetzt halt so haben und der bestimmt einen Namen hat. Sie sprach mit ihrer Freundin auf der anderen Seite, fuhr dabei mit ihren Fingerspitzen flink die Konturen und Falten der drei kleinen Dinosaurierfiguren ab, die an ihrem Rucksack hingen, als würde sie auf ihnen Musik spielen. # Die Taschentuchpackerl-als-Werbegeschenk-Verschenker vor Bahnhöfen sind verschwunden. Die gab es früher massenhaft; nie war es nötig, Papiertaschentücher zu kaufen. # In der auf Kunst und Fotografie spezialisierten Buchhandlung “Bohemian’s Guild” in Jimbōcho verlauteten aus dem Lautsprecher über mir sehr deftige, also wirklich deftige Pornosätze, von einer Dame gehaucht. Still nahm ich sie zur Kenntnis, während ich Regalmeter von pornomäßig total unverdächtigen Kunstbildbänden sondierte; bald wechselte der Sound zu etwas Deutschsprachigem, Stil irgendwo zwischen frühe Neubauten und Faust, ich konnte es nicht erkennen, aber es war recht cool. Das Wort “Banane” kam vor. Vor der Buchhandlung hatte ich in der Grabbelkiste eine Hitlerei-Sektion fotografiert, was ein junger Mann gesehen hatte. Einige Minuten später machte er mich im Laden in gutem Deutsch freundlich auf die Bauhaus-Abteilung aufmerksam. (Danke.) # In der auch auf Fotografie spezialisierten Buchhandlung zeigte ein junger Westler dem älteren Inhaber auf seinem Handy ein Cover eines Fotobuchs (Fotobücher in Japan: niedrige Auflagen, schnell vergriffen), sagte “I would like to buy this book”. Der Inhaber lachte laut auf: “Yes, we too!”. # Vor auch schon fast dreißig Jahren hatte ich in Jimbōcho sehr billige japanische Filmposter (schmal, länglich, vertikal) von B-Movies aus den 1960er bis 1970er Jahren erstanden. Solche Poster kosten nun sehr viel mehr. # Damals traf ich in Jimbōcho erinnert nur auf Nerds, männlich oder weiblich, Buchnerds, verschrobene Menschen, die in Büchern wühlten, Menschen, bei denen du denkst, die spielen Schach oder Go, wenn sie nicht gerade Bücher kaufen oder in ihnen blättern, und dazu ernähren sie sich von Cup Noodle. Heute laufen dort alle möglichen Leute herum, stehen mittags Schlange vor Curry-Restaurants, und in den Lokalen gibt es auch englischsprachige Speisekarten. # In Jimbōcho soll es mehr als 150 Buchhandlungen geben. # Freitag abends ist in der Yamanote-Linie Sardinengefühl. Die Menschenmasse störte mich nicht, ich hatte ja nur vier Stationen. Still nahm ich zur Kenntnis, welchen Regeln die (durchwegs stille) Masse, die sich an den Stationen selbst ergänzte, folgte. Wenn es dich in Richtung Tür drängt von hinten, lasse dich drängen, steig dann einfach mit aus und halte dich am Rand, bis du wieder einsteigen kannst. Nein, da war kein weißhandschuhbewehrter Typ, der die Leute so weit reindrängte, bis der Waggon geschlossen werden konnte. Aber da waren Leute, die auch noch reinwollten, auch zarte junge Menschen, die sich am Türrahmen festhielten und die anderen reindrängten, zusammendrängten, nicht unsanft, jedoch kraftvoll und bestimmt. Sie erledigten das Geschäft des Profis selbst, so, wie in den Supermärkten jetzt fast überall selbst ausgecheckt wird, wie in den Convenience Stores der Kaffee an Automaten von den Kunden selbst zubereitet wird. # Nach dem Abendessen in Takadanobaba lief uns der junge Kellner aus dem Restaurant im ersten Stock nach bis auf die Straße, um eine einzelne Yenmünze zurückzugeben, die mir beim Bezahlen aus der Geldbörse gefallen war.