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- 6 05 2026 - 14:35 - katatonik

Erzählte ich bereits?

Vor dem Hotel der breite Peace Boulevard, für fast die ganze Dauer des Aufenthalts gesperrt wegen des “Hiroshima Flower Festivals”. Die surreale Erfahrung einer beiläufig wahrgenommenen Massenattraktion. # Einige der sehr alten Straßenbahnen fahren immer noch. # Die stets beruhigende Wirkung der die Stadt durchziehenden Flussarme. Erinnerungen an Sommernächte, die nicht wirklich kühl wurden, mit kalten Getränken an Flussufern, Grillenzirpen. # Ein Hotel mit Armaturen aus der Showazeit. # Das Stadtzentrum von Hiroshima, im Regen oder nachts wie aus Blade Runner, tagsüber und bei Sonne wie ein Foto von Martin Parr. # An einem Ort des mehrjährigen Lebens vor längerer Zeit nach Spuren Ausschau halten, eher so im Nebenbewusstsein, aber die Zeit des aktiven Aufsuchens von Erinnerungen ist vorbei. # Groberinnerungen, an Gegenden und Stimmungen geknüpft, keine Feinerinnerung; Gebäude umgebaut, abgerissen, Lokale vergangen; Menschen im Irgendwo verschwunden. Dort ein kleines Restaurant irgendwo in einem oberen Stock, eingeladen von fröhlichen älteren Menschen, denen ich etwas Deutsch beibrachte, das luftigste Tempura, das du dir vorstellen kannst. # In Nagarekawa, dem Viertel mit den hunderttausenden Bars und Restaurants und Hastdunichtgesehen, der Abend mit R. aus Kanada und dem älteren wohlhabenden Arzt, dem sie etwas Englisch beibrachte, in einer Hostess-Bar mit gutem Whiskey.

Zwischendurch Denken an Antics mit H., wie wir einen Einkaufswagen stahlen, ihm einen Namen gaben, den ich nicht weiß, und in ihrer Garage parkten. Wir behandelten ihn wie ein Lebewesen, wir sprachen über ihn wie ein Lebewesen, wenn wir einander trafen. Wie wir einmal unbedingt einander Torten ins Gesicht drücken wollten. Ich trieb bei einem Laden in meiner (ruhigen) Nachbarschaft Tortenböden auf, rührte Schokocreme für die eine an, Sahne für die andere, besorgte einen Spritzbeutel und fabrizierte etwas, das man sich so richtig gerne ins Gesicht drückt. H. steuerte Tortentransportbehälter bei. Wir waren zu einer Party eingeladen, wie immer in einer recht kleinen Wohnung, gingen dann dort irgendwann nachts auf die Straße vor dem Haus, abends, und taten unser Ding vor belustigten Partybesucher*innen. Wir fanden es toll. Die Gastgeberin mochte das alles nicht, obwohl wir denkbar vorsichtig waren, nichts von dem Tortengeschmiere in ihre Wohnung zu tragen. Also wirklich.

Beim Anblick eines bestimmten Krankenhauses Erinnerung an einen Fahrradunfall: Ein rechts abbiegendes Taxi fuhr mich sehr, sehr langsam an, die ich sehr, sehr langsam über eine Kreuzung fuhr. Direkt vor einer Polizeistation, wie praktisch, in der Nähe des Krankenhauses, wo der Taxifahrer sofort mit mir hinfuhr. Er wartete mit mir, wartete die Verarztung meiner paar werdenden blauen Flecken ab, und führte dann mich und das Fahrrad (im Kofferraum) nach Hause. Ein Vorgesetzter von ihm kam auch vorbei. In solchen Konstellationen gilt (galt?) der Autofahrer per definitionem als schuldtragend. Ich hätte, so erzählten mir andere, Entschädigungsgeld verlangen können. Ich tat es nicht. Der Taxifahrer hätte seinen Job verlieren können. Er tat es nicht.

Die Bar ist wieder umgezogen, schon vor einigen Jahren, raus aus Nagarekawa, weiter westlich im Stadtzentrum, in ein Gebäude, das im richtigen Ausmaß heruntergekommen wirkt. Vom ursprünglichen Besitzer*innentrio arbeitet nur noch B. hinter der Bar (jetzt mit weißem Bart), der mich als Österreicherin erinnert, meinen Namen nicht, doch es fallen Wörter wie “punk” und “wild”, die durchaus zu geteilten Erfahrungen passen. “Maruku natta”, sagt er zu mir über mich, was ich später nachschlagen muss. “You became mellow.” Yuri arbeitet nicht mehr, ihre Knie, sie kann nicht mehr hinter der Bar stehen. Und Mac, der Namensgeber der Bar, er ist verstorben, schon einige Jahre her — was ich weiß, aber wir sprechen nicht darüber. B. spielt unverzüglich Musik, die passt, David Byrne, was von Rei Momo, dann später Mr. Jones. Eine Runde sehr fröhlicher Japaner*innen mittleren Alters, ein so ein sehniger Motorradtyp mit Kopftuch, einer der aussieht wie Koji Yakusho, sie stürzen Vodka Sours und Whiskeys on the rock hinunter und greifen dann nach der akustischen Gitarre, die im Eck lehnt. Als der Motorradmann den Anfang von “Blackbird” intoniert, dreht B. die Lautstärke der Anlage wieder hoch. Während er sie runtergedreht hatte, hörte man von der Bar her mehr von dem, was eine junge Britin einem jungen westlichen Heteropärchen erzählte, so landerklärungsmäßig. Japan sei kein entwickeltes Land mehr, das hätte sie erkannt, da würde zu viel nicht mehr passen, zu viele Obdachlose, jugendliche Ausreißer*innen, mangelnde Toleranz für Homosexualität, alle Probleme des Landes erklärt sie den notgedrungen Zuhörenden, die sehr höflich sitzen bleiben. Nein, sie würde nie hier leben wollen, sagt sie, und ich frage mich, wie viele solche Suaden B. schon mitangehört hat. An einem anderen Tag treffe ich H., ja, in der Bar würden jetzt eigentlich hauptsächlich Touristen aufschlagen, die Atmosphäre wäre anders. Die japanischen “Regulars”, sie würden halt lieber pubcrawling betreiben, dafür sei Mac’s Bar nun aber an ihrem jetzigen Ort zu weit weg von den anderen watering holes in Nagarekawa. Und viele wären eigentlich wegen Yuri gekommen, ihrer unermeßlichen Freundlichkeit, begleitet von situationselastischer Strenge (gegenüber Besoffenen und Trotteln), und, nun ja, sie würde da nicht mehr arbeiten. Eine Bar, die auf einen neuen Charakter wartet, vielleicht.

Im Vordrängen in Warteschlangen sind Japaner*innen groß. Vor allem die -innen, Hut ab. # Dem jungen Schuhverkäufer fielen zu Oosutoria sofort Alaba und Arnautovic ein, natürlich wusste er über deren Team-Affiliationen und Mannschaftswechsel sehr viel besser Bescheid als ich. # Der halbtätige Workshop endete etwas früher als geplant. Organisator N. wirkte etwas hilflos, er hätte auch an diesem zweiten Tag noch mit mir gern zu Abend gegessen, so viel signalisierte er, aber ich konnte nicht mehr mit Gruppen sozialisieren, ausgegruppt. Ich schlug vor, wir könnten noch Kaffee trinken gehen, woraus dann eine sehr fidele Kaffeerunde mit Studierenden und Postdocs wurde, mit Käsekuchen und Sachertorte bei “Backen Mozart”, so heisst eine hiesige Kaffeehauskette. Wir saßen auf der Terrasse, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn damals konnte man nirgends draußen sitzen, absolut nix mit Gastgarten, außer vielleicht Biergärten auf Kaufhausdächern in der passenden Saison. Jetzt aber gar nicht so wenige Lokale mit zur Straße hin offenen Fensterfronten, und tatsächlich Terrassen und Gastgärten, also natürlich eher Gastgärtchen, die räumlichen Verhältnisse sind ja beengt. Wir schoben Tische zusammen und durften das, das mag man in Lokalen hier ja nicht immer, und gerne schoben uns die Leute am Nachbartisch noch einen Sessel rüber.