Go to content Go to navigation Go to search

- 6 05 2026 - 14:37 - katatonik

Natsukashii

Ein Flußufer mit Cafés und Restaurants, wie unerhört. # Gepäckplanungen. # Der Hund, der gerne Gurken aß. # Wir bemerken im Gespräch, dass wir älter geworden sind. # Sie hätte nur 10 Prozent der Asche und Knochen ihres eingeäscherten Vaters zurückbekommen, das sei in Japan so übrig. Sie hätte gehört, die restlichen 90 Prozent würden zu Bodendünger verarbeitet, für Golfplätze und so. Wie das bei uns wäre? Ich vermute, die Eingeäscherten landen bei uns zu 100 Prozent in der Urne, sicher bin ich freilich nicht. Die Sache mit den Golfplätzen sollte man weiter verfolgen. Japan hatte übrigens 2012 die höchste Einäscherungsrate global, bei 99,9%, sagt Wikipedia. Wikipedia sagt auch: “In Eastern Japan, all of the remains are transferred into the urn, whereas in Western Japan, only some of the remains are collected.” (Verweis: Kapitel “Scattering Ceremonies” aus Satsuki Kawano, “Nature’s Embrace: Japan’s Aging Urbanites and New Death Rites”, 2010, hier) # Ich hatte ein paar alte Fotos mitgebracht, die meisten aus der Bar, alles noch prädigital. Die beiden Japanerinnen sagten natsukashii. Natsukashii wird häufig mit “nostalgisch” übersetzt, das trifft freilich nicht notwendigerweise und nur teilweise. Das Wort bringt eine bittersüße Empfindung zum Ausdruck, bezogen auf etwas Erinnertes, das wertvoll ist, das geschätzt wird, freilich ohne deutlich ausgeprägte Sehnsucht, in die Vergangenheit zurückkehren zu wollen. Der Affekt ist eingebettet in ein deutliches Bewusstsein des Vergangenseins der Vergangenheit, der Vergänglichkeit. Ein weiches, warmes Gefühl, das Erinnerungen in der Gegenwart leben und atmen lässt. Jedenfalls möchte ich das Wort so verstehen: als eine Ermöglichung einer erlebten, geteilten Vergangenheit, in der Gegenwart Wirkung zu entfalten. Wenn H. und Y. “natsukashii” sagen, heisst das für mich, schön, diese Erfahrungen mit dir gemacht zu haben. Dazu gehört auch ein Foto, dass Y., eine andere Y. und mich zu dritt in Matrosen-Schuluniformen zeigt, zur Feier meines Abschieds aus Japan (ich rauche dazu eine riesige Zigarre, Y. und Y. zelebrieren mit ihrer Körperhaltung ihre je zwei langen geflochtenen Zöpfe). Andere mögen Madeleines natsukashii finden, bei uns sind’s Zöpfe, Schuluniformen und Zigarren als Ingredienzien weiblicher Existenz in seedy Bars. # I. hätte in dem Hotel gearbeitet, in dem G. und ich nun absteigen, was ein Zufall. Vor ein paar Jahren hätte er Kontakt gesucht, wäre ein paar Mal vorbeigekommen, aber, hey, er rauchte dauernd Marihuana und trank zu viel, das war dann bald genug. # Als der Name eines Typen nicht einfallen will, fällt der Satz “you know, the guy whose penis we painted.” Sofort wissen alle, um wen es ging. # Sie wäre in einem Krankenhaus in Okayama gewesen, erzählt H., da hätte es drei Aufzüge gegeben, von denen nur der in der Mitte Braille gehabt hätte. Woher sollen die Blinden wissen, welchen Aufzug sie nehmen können? H. ist so jemand, die dann an den Infoschalter des Krankenhauses geht und dort nachfragt. Sie erhielt keine befriedigende Antwort und kam zum Schluss, die Berücksichtigung von Blinden sei in jenem Krankenhaus nur eine Alibiangelegenheit gewesen, um gut dazustehen. # Im Endeffekt ist es nicht wichtig, ob es in Gesprächen vorwiegend um mit Traurigkeit oder Leid verbundene Dinge geht, sondern, wie Gespräche tanzen können. # Bei einem der Fotos, es zeigt einen US-amerikanischen Kumpel und mich an der Bar, lachend, von H. aufgenommen, winkt uns A. in H.s ehemaliges Arbeitszimmer, da hängt ganz oben ein Bild an der Wand, das sie gemalt hat, nach ebendiesem Foto. Je suis baff. # Altenpflegegespräche: hier immer als default, dass die alten Eltern aufgenommen werden, gepflegt werden von den Kindern. Eine Person sprach von einem Pflegeheim, das für ihren Ü90-Vater nun in Betracht gezogen werde. Sie ist eine unkonventionelle Person.