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- 4 01 2002 - 02:00 - katatonik

Nicht alles, was kommuniziert, hat eine Strategie

Das mit der Medienkompetenz und strategie von Fundamentalisten oder anderen nicht gerade dem Standardbild des westlichen Durchschnittsbürgers entsprechenden Menschengruppen liegt mir auch schon länger im Hinterkopf herum. Allenthalben heißt es ja, islamische Fundamentalisten, österreichische Populisten oder globale Demonstranten würden sich durch ausgefeilte Medienbeherrschung auszeichnen. Die wissen, wie sie tun, um so zu erscheinen, wie sie dargestellt werden wollen, unterlaufen gemeinerweise journalistische Professionalität und werden daher, wenn sie einmal dargestellt worden sind, im nachhinein oft von professionellen Journalisten, die sich ungern unterlaufen lassen, gescholten.

Worin nun genau diese Medienbeherrschung oder -kompetenz besteht, hat mir bislang noch keiner gesagt. Es geht dabei ja wohl um mehr als um das Beherrschen bestimmter Ausdrucksformen oder rhetorischer Kürzel und auch um mehr als die richtige Nasenseite vor die Kamera zu halten. Aber worum? Noch dunstiger wird die Frage, wenn es um Medienstrategien geht. Was ist damit gemeint, wenn behauptet wird, dieser oder jener Akteur hätte eine gewitzte solche?

Geert Lovink, Medientheoretiker, spricht dazu in der Netztzeitung:

”... Klar kommuniziert bin Laden mit seinen Leuten. Ich möchte auch nicht behaupten, dass er keine technischen Mittel einsetzt. Die Videokassetten sind aber nicht für die globalen Nachrichtenmedien bestimmt. Dieser Unterschied ist schon wichtig. Viele dieser Organisationen glauben einfach nicht mehr an die Strategie, die Weltöffentlichkeit überzeugen zu müssen.
Das war in der Vergangenheit anders. Al Queda spricht nur zu Gläubigen, vielleicht zu den Muslims weltweit, aber sogar davon bin ich mir nicht ganz sicher.
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Medienkompetenz ist weltweit verbreitet. Das gilt für Technologie allgemein. Alle fahren Auto, bedienen Computer, schreiben gar Programmcode. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie Zugang zu den westlichen Kommunikations und Machtsystemen haben – oder sich das wünschen.
Islamische Fundamentalisten wie bin Laden zielen nicht auf Weltherrschaft ab. Sie sind nicht daran interessiert, was wir denken oder behaupten. Es ging am 11. September nicht um Überzeugung, deswegen gab es auch keine Erklärung. Was viele Fundamentalisten sich wünschen, ist Abschottung von der westlichen Welt.
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Das empört uns, die Strukturalisten und Technomaterialisten besonders, weil wir immer der Meinung sind, dass die Benutzung der Medien eine gewisse Aura erzeugt, so genannte Nebeneffekte. Die Idee ist, dass der Computer an sich ein Weltbild mit sich bringt. Diese Annahme wird nun radikal in Frage gestellt.”

Hier gibt’s übrigens massenweise Texte von Geert Lovink. Ach ja, dass er im zitierten Interview dann gleich von einem “postmedialen” Zeitalter redet, ist mir etwas zu dick aufgetragen.




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