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- 13 10 2002 - 15:47 - katatonik

Wir basteln uns eine Regionalmythologie

Frau Annette Less-Möllmann in der Zeit vom 2.10.2002 (Titel: “Drängeln, Locken, Baggern”), den Humanethologen Karl Grammer beschreibend:

“Bei diesem Thema kommt Grammers Ich-gegen-den-Rest-der-Welt-Charakterzug zum Tragen. Da erklärt er seine Umwelt gern für idiotisch, ein Verhalten, das in Wien “Sudern” heißt. Das Sudern hat er drauf, obwohl er gar nicht aus Wien, sondern aus Süddeutschland stammt.”

Ich bin ja echt begeistert von diesem Kleinod. Es gibt kaum Textstellen, die den Fehler des Wort-für-Sache-Nehmens besser belegen – also die Fehlannahme, bloß, weil die Dinge irgendwo anders anders heißen, müßten sie auch anders sein.


Oh nein, so blöd ist Annette Lessmöllmann mit Sicherheit nicht. Ich denke, ihre Annahme ist eher: Wo man extra einen Begriff für eine bestimmte Verhaltensweise hat, da wird diese Verhaltensweise besonders verbreitet und charakteristisch sein. Und dass die Wiener sich hervorragend darauf verstehen, andere für idiotisch zu halten, dafür gibt es doch wohl 'independent evidence': zum Beispiel in Ihrem Beitrag. (Annettes zweite implizite Annahme - dass nämlich das Sudern für die Süddeutschen weniger charakteristisch sei als für die Wiener, wage ich nicht zu beurteilen.)

lorenz (Oct 18, 09:31) #


Fern liegt es mir, über den Geisteszustand von Frau L. Aussagen zu treffen. Die Textstelle selbst bietet sich aber kraft ihrer Formulierung einfach als Beleg fürs Wort-für-Sache-Nehmen an. Die von Ihnen ins Treffen geführte Annahme hätte man ja mit anderen sprachlichen Mitteln viel besser und unmißverständlicher umsetzen können.
Was den Schluß vom Vorkommen eines Ausdrucks auf das verbreitete Vorkommen der bezeichneten Sache ist, so wäre auch da *gerade* bei menschlichen Verhaltensweisen Vorsicht angebracht: Ausdrücke erhalten sich oft, wenn die von ihnen bezeichneten Verhaltensweisen schon seit längerer Zeit verschwunden ist, vor allem, wenn das Dahinschwinden der Verhaltensweisen von einem nicht unbeträchtlichen Bevölkerungsanteil als Verlust einer liebgewonnenen Identität empfunden wird. Das Reich des nostalgischen Sprachgebrauchs ist groß, fürwahr.
Aus eigener Erfahrung kann ich übrigens bekräften, dass das Sudern weder als Verhaltensweise noch als Ausdruck in Wien im Schwinden begriffen ist. Als Gewohnheitssuderantin kann ich ferner berichten, dass ich mich in der Gesellschaft von Süddeutschen bemerkenswert wohl fühle. Gemeinschaftliches und grenzübergreifendes Sudern mit Süddeutschen - kein seltenes Ereignis!

katatonik (Oct 18, 14:49) #

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