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- 10 11 2002 - 20:46 - katatonik

Hühnerfutter

“Sie konnte nicht ahnen, dass sie gleich am ersten Tag im Irak zur Teamchefin ernannt würde, zur Chefinspektorin der UN- Biowaffenkommission. Und mit aller Phantasie der Welt hätte sie sich nicht vorgestellt, dass die am tiefsten in die Produktion von biologischen Massenvernichtungswaffen verstrickte Person, mit der sie es im Irak jemals zu tun bekommen sollte, selber eine Frau sein würde: Doktor Rehab Rashid Taha, die von der New York Times später „the deadliest woman in the world“ genannt wurde.

Wie in einem richtig guten Film hat Gabriele Kraatz-Wadsack diese „tödlichste Frau der Welt“ dann auch noch gleich beim ersten Einsatz am ersten Morgen ihres ersten Tages im Irak kennen gelernt. Sie wurde ihr als Direktorin der Hühnerfuttermittel-Fabrik von Al Hakam vorgestellt, die an diesem Tag zu inspizieren war. „Sie wirkte nett. Eher europäisch gekleidet, etwa so groß wie ich, schulterlanges Haar wie ich, nur schwarz. Und sie sah weiß Gott nicht aus wie eine Biowaffenproduzentin. Aber wie die Leiterin einer Fabrik für Hühnerfutter sah sie eben auch nicht aus.“

Die blonde UN-Waffeninspektorin mit ihrem Haarfärbemittel und Kopftuch im Gepäck – und die dunkle Köchin von Massenvernichtungsgift in ihren europäischen Kleidern. Was für ein Drehbuch! Doktor Gabriele Kraatz-Wadsack und Doktor Rehab Rashid Taha sind etwa gleich alt. Beide sind promovierte Mikrobiologinnen. Die eine hat in München studiert, die andere in London. Aber auch das wusste natürlich noch keiner der Inspektoren an diesem 11. Januar 1995, an dem das große Katz-und-Maus-Spiel begann.”

Portrait von Dr. Gabriele Kraatz-Wadsack, UN-Waffeninspektorin, verfaßt von Evelyn Roll (Süddeutsche Zeitung, 9./10.11.2002).

Die Hühnerfutterfabrik wurde bald als Biowaffenfabrik enttarnt, und Frau Doktor Taha gestand dann auch (Frau Doktor Kraatz-Wadsack: “Sehr lange hat sie alles abgestritten. Aber sie wurde jedes Mal ein wenig rot, wenn sie lügen musste. Sie schämte sich, weil sie die Wirklichkeit verfälschte. Das mögen Wissenschaftler nicht. Eigentlich war sie ja auch stolz auf ihr Biowaffenprogramm. Uns gegenüber aber musste sie die dumme Hühnerdirektorin spielen.”)

In der letzten Woche bildete Frau Kraatz-Wadsack in einer Kaserne bei Wien die nun in den Irak reisenden Inspektoren aus.

Hier noch ein ausführliches Interview mit ihr.

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