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- 16 08 2001 - 01:00 - katatonik

Wespengespräche, Teil 1

Praschl meint, ich hätte damit gegen die “SparkNotes” gezetert, ist darob ratlos und ungehalten und bringt persönliche Erfahrungen ins Spiel, um Ratlosigkeit und Ungehaltensein zu begründen.
Dazu hier dreierlei, ziemlich ausgebreitet: Erst Klärendes zu meinem eigenen Eintrag, dann Persönliches und Stilistisches zu seiner Reaktion, dann Inhaltliches zu seinem Text, das über das, was ich zuvor geschrieben hatte, hinausgeht, weil sein Text mit dem, was ich geschrieben hatte, eigentlich nichts zu tun hat. Das kommt dan in Teil 2, das Inhaltliche.
Das Klärende
Die “SparkNotes” waren der Auslöser für meinen Beitrag, aber nicht dessen einziger Inhalt. Ich hatte in sehr lockerer Folge insgesamt vier Beobachtungen aneinandergereiht: (a) die Ankündigung des Massachusetts Institute of Technology (MIT), schon vor einigen Monaten, seine Lehrpläne im Internet frei verfügbar zu machen, (b) eine flüchtige Unterhaltung mit einem Digitalisierungsenthusiasten, der die Interaktivität von Wissen in unserm Zeitalter daran aufhängt, dass Wissen jetzt eben sozial existiert und nicht mehr im einzelnen Gehirne, (c) Erfahrungen, die ich als Leiterin einer universitären Lehrveranstaltung mit dem Zurverfügungstellen von Materialien im Internet gemacht habe, (d) die SparkNotes, vor allem deren “mission statement”, das ich für ärgerlich arrogant hielt. Sonst habe ich über die SparkNotes eigentlich nix geschrieben, die waren nur der etwas an den Haaren herbeigezogene Aufhänger fürs Herumassoziieren in Sachen Internet und Wissen. Das war ihnen gegenüber nicht freundlich, aber wer so ein “mission statement” schreibt (und solche statements haben ja doch auch eine Ausdrucksabsicht, auch wenn sie allgemein bescheuert sein mögen), dem gegenüber mag ich halt nicht freundlich sein.
Ich habe diese verstreuten Beobachtungen schamlos ausgebeutet, um einen meiner Lieblingsrefrains anzudeuten: dass eine bestimmte Form des Enthusiasmus dem Internet per se gegenüber sich mittlerweile lächerlich macht, und dass eine Betrachtung von Medien und Technologie, die die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Verwendung ausspart, zu kurz greift. Wenn ich diesen Refrain singend im Glitzersakko auf hiesigen Bühnen stehe, fällt der aus wunderhübschen Jungs und Mädels mit kurzen Röcken (auch die Jungs) bestehende Chor dann immer ein “pragma-tics”, “pragmaaaa-tics!”. Hach, was eine Vision.
Mein Eintrag war durchaus uneinheitlich und ziemlich spontan verfaßt. Keine durchgehende Polemik gegen ein bestimmtes Phänomen oder bestimmte Leute, sondern allenfalls ein Gezetere gegen eine bestimmte Form des Enthusiasmus, die merkwürdig riecht. Ein paar Fragen hatte ich übrigens auch eingebaut, ich bin mir ja gelegentlich nicht so sicher, ob ich nicht schon spinne.
Das Persönliche und das Stilistische
Es ist eine irrige Annahme zu glauben, weil jemand bestimmte Motivationen für seine Meinungen nicht äußert, könne man ihm solche willkürlich unterstellen.
Hans: Ach ich weiß nicht, soll ich die blauen oder die braunen Schuhe kaufen?
Markus: Im Unterschied zu dir halte ich die westlichen Industriestaaten für wesentlich mitverantwortlich an der ökonomischen Misere Afrikas.

Ich habe meine Überlegungen über Auswirkungen der Zurverfügungstellung von digitalen Texten an Studenten in Lehrveranstaltungen nicht durch persönlichen Ärger darüber motiviert, dass heutige Studenten im Gegensatz zu mir als Studentin nicht mehr in Bibliotheken herumackern müssen. Weder explizit noch implizit. Praschl: “Aber was mich vom CC (= Camp Catatonia) unterscheidet, ist, dass ich mich für dieses Gefühl schäme, weil es ein Ressentiment ist, ein Ressentiment gegen die kids, denen alles viel einfacher gemacht, alles vorgekaut, alles hingestellt wird”. Das ist billiger moralischer Distinktionsgewinn auf meine Kosten: Ich bin s o toll, weil ich mich über ein Ressentiment schäme, das das Camp Catatonia nur einfach hat. Fingerzeig, fingerzeig, buh. Ich habe das von Praschl angesprochene Gefühl des Ärgers nach Art von “die hams heute viel zu leicht” nicht erwähnt, ich habe es auch nicht und lasse es mir auch nicht unterstellen (ich weiß schon, was ich fühle). Ich muß mir also auch nicht mangelndes Schämen zuschreiben lassen. Für solch eigenartige atmosphärisch-emotionale Unterstellungen gibt’s in dem Text noch andere Beispiele, aber ich werd’ hier ohnehin schon so lange wie mein Zahnfleisch. Warum Praschl meint, es wäre notwendig, da so moralisch rumzuseiern und sich selber für so toll zu erklären, verstehe ich nicht, aber soll er, wenn’s ihm Spaß macht.
Ansonsten halte ich Praschls Text weitgehend für nicht nur an meinem Beitrag, sondern auch an relevanten Inhalten und Fragen vorbeigeschrieben. Ich schrieb etwa davon, dass mir Jubel über die kostenfreie Verfügbarkeit von Lehrplänen amerikanischer Prestige-Universitäten unangebracht scheint, weil unter gegenwärtigen Bedingungen ein politisch unsauberer Gebrauch dieser Verfügbarkeit wahrscheinlich ist, und weil ich glaube, dass diese Verfügbarkeit in einer Einschränkung von Lehrplanvielfalt weltweit resultieren kann. Praschl meint, dass nichts die von mir geschätzte Vielfalt mehr befördere als die Existenz des Internet. Punkt. Aus. Hat das irgendwas mit meiner Behauptung zu tun? Widerlegt es sie, relativiert es sie, behandelt es sie? Nicht, dass es mir auffiele.
Genauso bei dem meistem anderen, was er so schreibt. Ja, für einige ist das Internet eine tolle Sache, weil sie damit leichter an Texte kommen, für die sie sonsten in Bibliotheken rumwühlen müßten, in denen’s unbequem ist und wo man in die Bücher nix reinschmieren kann. Fein. Kann ich voll nachvollziehen. Geht mir auch so. Habe auch lieber Pullover und Texte als nur Pullover. Schmiere auch lieber rum. Finde Leute, die Texte digitalisieren und sie freundlicherweise zur Verfügung stellen, auch großartig. Hat das was mit einer meiner erwähnten Beobachtungen zu tun? Nicht mehr und nicht weniger als dass in Praschls Text auch irgendwie vom Internet die Rede ist. Find ich ein bisserl wenig für einen Text, der so heftig mit einem von meinigen umgeht. Praschls Erzählungen sind ja interessant, aber warum er da als durchgängigen Aufhänger meinen Text dazu braucht, verstehe ich nicht ganz. Fortsetzung gleich.

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