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- 20 09 2001 - 01:03 - katatonik

Verhakte Analogien

Ian Buruma schreibt über alles Mögliche, vor allem aber über asiatische Angelegenheiten, wobei sein Spektrum von chinesischer Geschichte über Kricket spielende indische Maharajas und Politik in Singapur bis hin zu Erotik in Japan reicht. Ein roter Faden, der sich durch seine zahlreichen Essays und Bücher zieht, ist die strikte Ablehnung kulturalistischer Begründungen für politische Systeme: Die Annahme etwa, dass Asiaten für die Demokratie nicht reif oder geeignet wären, benützt von europäischen Zivilisationsverteidigern ebenso wie asiatischen Diktatoren, hat er wiederholt strikt zurückgewiesen.
Gestern stand ein kurzer Text von Ian Buruma in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, in dem Analogien zwischen Antisemitismus und Antiamerikanismus hergestellt werden. Dabei werden zwar keine platten Identifikationen propagiert, aber baff und ratlos macht mich das trotzdem.

”... Aber in zweierlei Hinsicht gleichen sie (= die islamischen Extremisten) den Nazis doch: Sie repräsentieren die muslimische Zivilisation und deren Werte genauso wenig, wie die Nazis die westliche Zivilisation verteidigt haben. Und ihre Dämonen sind ebenso rein symbolischer Natur wie die der Nazis. Und wenn es ihnen darum geht, in ihren jeweiligen Ländern an die Macht zu kommen, ist es auch bei ihnen der beste Weg, um Prestige und Rekruten zu erlangen, diese Dämonen aufzubauschen und ihnen den Krieg zu erklären. ...
Die Nazis behaupteten, Amerika hätte eine seelenlose, materialistische, entwurzelte Kultur, die sich einzig ums Geld und sonst gar nichts dreht. Extremistische Muslime teilen diese Ansicht – und stehen damit, wie man weiß, keineswegs allein. Letzte Woche tauchte, immer wenn es darum ging, den Amerikanern selbst die Schuld an dem Unglück zu geben, die Phrase vom „räuberischen Kapitalismus“ auf. Mit demselben Bild wurden über Jahrhunderte die Juden charakterisiert.”

Etwas später taucht der folgende Satz auf: “Auch Juden wird häufig vorgeworfen, sie hätten den Antisemitismus selbst zu verantworten.” Die Unsinnigkeit dieses Vorwurfs wird nicht weiter begründet; die Schlagkraft des ja nicht eben gestern geborenen Diskurses, der Antisemitismus ohne Juden sieht, Ausländerfeindlichkeit ohne Ausländer, und auf die sozialen und politischen Wurzeln von Gruppenfeindlichkeiten (Frustrationsabreagierung der Unterdrückten) ohne realen Zusammenhang mit dem Verhalten dieser Gruppen verweist, schwebt zwischen den Zeilen und klingt manchmal sanft an: “Die meisten Staaten des Mittleren Osten werden von mehr oder weniger säkularen Autokraten regiert. Radikaler Islamismus ist eine Option der Unterworfenen, ihre Frustration abzureagieren.” So, wie auch Antisemitismus im Dritten Reich als Option der Kraft-, Zukunfts- und Perspektivlosen galt, ihre Frustration abzureagieren, meint Buruma vermutlich.
Ich muß gestehen, mich macht diese Analogie baff: Antiamerikanismus und Antisemitismus als rein symbolgebundene Haltungen, denen somit auch nicht auf realer und politischer Ebene begegnet werden kann. Baff macht mich genau besehen zweierlei: Einerseits halte ich die These, Vorurteile wären bloß Mythen und man könne ihnen mit Fakten nicht begegnen, in dieser Form für gefährlich. Es mag sein, dass etwa jemand, der behauptet, Ausländer würden das österreichische Sozialsystem ausbeuten, durch Statistiken, die dem widersprechen, nicht vom Gegenteil zu überzeugen ist. Aber was ist damit gewonnen, einem solch Irregeleiteten einfach seinen Irrglauben als Mythos zu lassen und seinen Tiraden andächtig wie einem Märchen zu lauschen? Es mag durchaus sein, dass sich Menschen unbeachtet von Tatsachen ein Reich von Mythen schaffen, das sich aus ihrer empfundenen Machtlosigkeit im Alltag speist, aber berechtigt oder verpflichtet uns das, jedem Nonsens, den sie als Mythen perpetuieren, widerspruchslos zuzuhören? Gibt es nicht auch dann, wenn alle im Mythos leben, bessere und schlechtere Mythen, treffendere und weniger treffendere, wenn wir schon nicht die Worte “richtig” und “falsch” verwenden w ollen?
Andererseits macht mich die Analogie von Antisemitismus und Antiamerikanismus als symbolgebundenen Haltungen auch deswegen ratlos, weil sie mir zu diffus ist. Ich kann jetzt nicht genau sagen, wo es sich hakt, spießt und zusammenkrampft. Vermutlich aber dort, wo Buruma nicht zwischen politischer Kausalität und (sozial-)psychologischem Befund unterscheidet, wo die Andersartigkeit der Machtverhältnisse der beiden Fälle Nazis/Juden USA/Naher Osten ausgespart bleibt, wo die Behauptung, der Antiamerikanismus islamischer Extremisten hätte aufgrund seines symbolgebundenen Charakters sowie seiner Wurzel in spezifisch nahost-gesellschaftlicher Frustration nichts mit amerikanischer Nahostpolitik zu tun, einfach so im Raum gelassen wird. Das ist mir zu wenig, zu mißverständlich, und deswegen gehe ich jetzt verhakten, verspießten und zusammengekrampften Gemüts ins Bett.


ich weiss nicht, was der vergleich zw. anti-amerikanismus und antisemitismus hervorbringt, außer deinem gemütsknoten(?) und meiner annahme, der autor leidet an ebenderselben begriffsverwirrung wie die meisten der berichterstatter und sog. experten derzeit.

soviel ich weiss, sind "die araber" alle den semiten zuzurechnen, während im jüdischen volk nur noch ein kleiner teil semitisch ist (ca.10%?). letzteres ist aber vielleicht auch nicht so wichtig. dennoch bleibt der umstand bemerkenswert, dass also semiten antisemitismus unterstellt wird.

gut und schön, es geht natürlich auch darum nicht, trotzdem war es mir ein bedürfnis, darauf hinzuweisen. please correct me if i should be mistaken.

vielleicht liegt der kern des textes aber eben darin verborgen, dass extremismus und fanatismus verschiedene vornamen haben können und immer eine grosse sauerei anrichten.

p3k (Sep 20, 15:54) #


neinnein, das mit den antisemitischen semiten stimmt schon, obwohl das zwar begriffsgeschichtlich interessant ist (vor allem, wie sich da linguistische oder vielleicht auch rassentheoretische begriffe zu politischen hin verengt haben), aber darüber hinaus nicht sehr viel aussagt.
kern des textes konnte ich noch keinen finden. aber manche texte fallen eben einfach nicht unter die kategorie kernobst, sondern fallobst :-)

katatonik (Sep 21, 01:36) #


Guten Tag Birgit! Deine milde (?) Verärgerung über Buruma hat mich gestern früh zu weiterem Nachdenken angestiftet. Mein Senf dazu liegt auf dem Wörterberg (20.09.). Wenn Du Einwände gegen meine Wiedergabe Deiner Gedanken hast, bitte ich um Protest (leider habe ich keine so schöne Kommentarfunktion). Und es ist jeden Tag interessant, im camp catatonia vorbeizuschauen. Bitte weitermachen! Marco

Marco Vogts (Sep 21, 05:02) #

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