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- 3 05 2002 - 01:57 - katatonik

Chronik und Panorama

Was Zeitungen oft unter Chronik und Panorama reihen, wäre auch mal eingehender Betrachtung wert. Auf der “Panorama”Seite der Süddeutschen Zeitung finden sich regelmäßig kleine Splitternachrichten über nichteuropäische und nichtnordamerikanische und nichtaustralische und nichtneuseeländische Weltgegenden (kurz, die Nicht-Weltgegenden). Soziale Statistiken, Erdbebennachrichten und politische Aufruhrberichte stehen neben Meldungen wie “Britney Spears verliert letzten Milchzahn” oder “Andrew Agassi küßt seinen linken Zeh”. Das ist auch reizend: Ein Bericht über Frauenbeschneidung und deren teilweise erfolgreiche Bekämpfung im Chronik-Panorama-Teil des Standard. Gleich neben “Gary Glitter droht Ausweisung aus Kambodscha”, Nachrichten von Björks Schwangerschaft und den neuesten Abenteuern volltrunkener junger Männer, die ein archaisches Ritual namens “Abrüsten” auf eigentümliche Weise zelebrieren. (Wenn dieses Sch***-Blatt übrigens nicht bald aufhört mit dieser nervigen Glückskeks-Werbung, die wo da immer so raschelt, werde ich sechshundert Hektoliter süßsaures Schweinefleisch in Schlitzeschlatzesauce über ihrem Redaktionsgebäude ausgießen lassen.) Warum das übrigens ins Ressort Wissenschaft fällt, ist mir schleierhaft.
Im übrigen denke ich bei der Lektüre von Chronik-Nachrichten regelmäßig an den Herrn Felix Féneon(1861-1944, Portrait von Paul Signac anno 1890), Kritiker, Anarchist, aber auch
und das ist hier das wichtigste – Autor von “Nouvelles en troies lignes”, bewundernswert lakonisch formulierten Nachrichtenmeldungen der Sparte Chronik. Haikus der Gesellschaftsbetrachtung, wenn man so will.
Hier gibt’s einige davon auf Englisch übersetzt. Hier ein Briefwechsel zwischen Herrn Féneon und Alfred Jarry. Die “Classe de seconde 9” (was auch immer das im französischen Schulsystem heißen mag) des Lycée Marguerite de Flandre hat literarische Fantasien über Féneons Dreizeiler verfaßt. Auch auf deutsch übersetzt gibts die “nouvelles”, unter dem Titel “1111 wahre Geschichten” in Eichborns Anderer Bibliothek. Scheint aber vergriffen zu sein.
Zur allgemeinen Ergötzung hier noch ein paar handgestrickte Übersetzungen aus dem Französischen:

“Eine junge Dame saß am Boden, in Choisy-le-Roi. Einziges Identifizierungswort, dass ihr ihre Amnesie gestattete auszusprechen: “Model”.”

“Nostalgisch gestimmt erhängte sich der Belgier Notermans, Knecht, im Stall einer Herberge in Saint-Just, nahe bei Provins.”

”’Mißtraut dem Alkohol und der Wollust’, teilte der General Privat in seinem Abschiedsbefehl der 32. Division mit.”

“In einem Café, Rue Fontaine, Vautour, tauschten Lenoir und Atanis wegen ihrer nicht anwesenden Frauen einige Kugeln aus.”

“Zehn Jahre Zwangsarbeit (abzusitzen in Nancy) für Tournour. Dieser junge Mann hatte einen Reisenden getötet, dem er als Führer diente.”

“Herr Scheid, aus Dunkerque, zielte drei Mal auf seine Frau. Da er jedes Mal daneben schoß, nahm er seine Schwiegermutter ins Visier: Der Schuß saß.”

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