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- 11 07 2002 - 14:45 - katatonik

Der Artikel zur fremdkulturellen Literatur

Laut aufgelacht beim Lesen dieses Anpreisungstextes für einen Artikel über afrikanische Literatur im Inhaltsverzeichnis des “Falter”:

“Aminata Sow Fall, Nuruddin Farah, Moses Isegawa oder Wole Soyinka repräsentieren unterschiedliche Generationen von Schriftstellern, die eine wachsende Leserschaft mit der Realität und den Träumen eines Kontinents vertraut machen.”

Unter Kontinentalrealität und Kontinentalträumen tut’s der afrikanische Autor scheinbar nicht – Hut ab.
Der Artikel selbst (sogar online, inklusive eines technisch leicht verhunzten Interviews mit Aminata Sow Fall) folgt einem gewissen Strickmuster, das sich für die Darstellung fremdkultureller Literaturen mittlerweile entwickelt zu haben scheint:

  1. Selbstgeißelung europäischen Imperialismus’
  2. Selbstgeißelung europäischer Ignoranz
  3. Aufzählen einiger in Europa herrschender Stereotype über die Fremdkultur
  4. Hinweis auf die tatsächliche Vielschichtigkeit der fremdkulturellen Literatur
  5. Darstellung einzelner fremdkultureller Autoren und ihrer Werke im steten Leistungsvergleich mit europäischer Literatur (“muß den Vergleich mit … nicht scheuen”), wenn möglich unter Heranziehung wertvoller Kritikerautoritäten

Meist sind in solchen Texten doch alle diese Elemente präsent. Der “Falter”Artikel (von Erich Klein) ist kein extremes Beispiel dieser Gattung; man hätte den ersten, in seiner Oberflächlichkeit ärgerlichen Selbstgeißelungs und Stereotypenteil gut streichen und die Vergleichsaufrechnerei im zweiten Teil entfernen können. Dann hätte man einen recht passablen Einblick erhalten.
Tja. Wo früher fremdkulturelle Literaturen geringschätzig dargestellt worden sein mögen (weil eben nicht abendländisch), werden sie heute lobend dargestellt vor dem Hintergrund europäischer Selbstanklage (weil eben nicht abendländisch). Die damit indirekt vollzogene Selbstbespiegelung bleibt die gleiche. Das verärgert, und es ginge wohl auch anders.


Denksport halt.
Aber kein doofer.
Wenn er einer im richtigen Moment wieder einfällt.
Btw. Ihr Name, Frau Katatonik, erinnert mich seit mehreren Tagen immer an den Herrn Stoik.... thx

blue (Jul 11, 14:57) #


Oft gibt es noch ein ganz besonders ekliges sechstes Strickmuster, das die Vergleichsaufrechnerei und Leistungsschau-Rhetorik gekonnt unterläuft: nämlich die Lobpreisung der Ursprünglichkeit und Unverstelltheit der Fremdkultur. Von keiner Zivilisation korrumpiert, sozusagen, stattdessen reines Empfinden. Da lebt der Traum vom edlen Wilden fort.

kutter (Jul 12, 15:38) #


Stimmt. Die Leistungsschau-Rhetorik operiert ja schon unter der Voraussetzung, dass gewisse Gemeinsamkeiten zwischen der je betrachteten Fremdkulturliteratur und der je herangezogenen Abendlandliteratur bestehen. In diesem Artikel ging es unter anderem um Musil, da ist also schon ein recht differenziertes Leistungskriterium am Werk.
Es könnte allerdings auch so sein, dass die Leistungsschauvergleicher oft schon gegen vorangegangene Wildheitsverherrlicher anschreiben, so nach Art "es ist nicht statthaft, afrikanische Literatur als urwüchsigen Ausdruck des Primitiven zu betrachten, weil es durchaus afrikanische Literatur gibt, die den Vergleich mit abendländischen Hervorbringungen nicht zu scheuen braucht". So in etwa analog zu "Afrikaner können durchaus mit Messer und Gabel essen". Scheint mir eigentlich plausibel, dass der Zusammenhang so läuft; hab' jetzt aber keine konkreten Beispiele.

katatonik (Jul 12, 19:38) #


Sehr plausibel, und diese beiden Muster sind letztlich verwandt, weil die Leistungsschauvergleicher ein bestimmtes (abendländisches) Maß angelegen und dann geschaut wird: "Na, wie weit sind sie da dran?" Um dann im einen oder anderen Falle zu konzidieren: "Alle Achtung, Vorsprung durch Technik schmilzt!" Aber was rede ich, das hast Du oben mit "indirekt vollzogener Selbstbespiegelung" ja schon viel treffender beschrieben.

kutter (Jul 12, 20:23) #


Anders gesagt: "Wo der Technikvorsprung schmilzt, der Kulturkanon verfilzt".

katatonik (Jul 12, 20:25) #


Um dann mit der Kulturkanone auf Spatzen zu schießen.

kutter (Jul 12, 20:42) #


Kulturkanonier: ein Beruf mit Zukunft.

katatonik (Jul 12, 20:47) #


Der Kulturkanonier (vulgo: Literaturpapst) ist auch eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Weltherrschaft. Überlegen Sie sich also lieber noch einmal, ob Sie dieses Ziel wirklich anstreben wollen.

kutter (Jul 12, 20:54) #


Eine wichtige, aber nicht die einzige. Meine Strategie läuft anders (wie, werde ich natürlich nicht verraten).
Sie könnten sich aber überlegen, sich für den Kanoniersposten zu bewerben. Allerdings würde das mit dem Nobelpreis dann nicht mehr hinhauen, weil Kulturkanoniere ja selten solche kriegen. Andererseits: Wenn ich schon Weltherrscherin bin, warum dann nicht auch noch einen Kulturkanoniernobelpreis einrichten?

katatonik (Jul 12, 20:58) #


Nicht nur aus pazifistischen Gründen habe ich meine hoffnungsvolle Jungkanonier-Karriere schon vor langer Zeit abgebrochen. Also her mit dem Nobelpreis. Ähm, oder muss ich erst noch was schreiben?

kutter (Jul 12, 21:07) #


Gemäß unseren Satzungen sind zwei phantasievoll gefälschte Rechnungen über Schreibzubehör ausreichend für Erlangung eines Nobelpreises. Bitte am Camp-Eingang abgeben.

katatonik (Jul 13, 18:51) #


Wenn's schon sooo einfach ist - hier sind meine Unterlagen: http://Kutter.antville.org/images/nobelpreisrechnung/
Hiermit erkläre ich aber trotzdem schon vorsorglich meinen Verzicht, solange G.Grass das Ding nicht zurückgegeben hat. Außerdem würde ich lieber ausgezeichnet werden für mein noch in Entstehung begriffenes Werk "Tod eines Bloggers", eine naive, ursprüngliche Bauerndichtung, die den Vergleich mit Martin Salbei und Wolle Solyanka nicht scheuen muss.

kutter (Jul 13, 21:28) #


Sehr schön, Herr kutter, Sie haben uns überzeugt. Um G. Grass' Preisrückgabe kümmern wir uns zu gegebenem Zeitpunkt.
Hiemit überreichen wir Ihnen die katatonische Nobelpreiskarte, die bei Erlangung katatonischer Weltherrschaft gegen die tatsächliche Preisurkunde getauscht werden kann:

die karte für den nobelpreis

katatonik (Jul 14, 14:58) #


Ich danke meinen Eltern, meinem Agenten, meinem Anwalt und widme diesen Preis den auf See gebliebenen Helden der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Danke, ich liebe Euch alle.

kutter (Jul 14, 15:08) #

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