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- 7 12 2006 - 21:11 - katatonik

Donnerstagssaunagruppenbeobachtungen

Es könnte auch Zufall gewesen sein, aber die Donnerstagsvormittags-Damensaunagruppe heute war entschieden sympathischer als die Donnerstagsnachmittags-Damensaunagruppe von sonst gelegentlich.

Sie waren nicht so grüpplich, nicht so grantig den nicht als Gruppe saunierenden Damen gegenüber, wenngleich auch sie, freundlich zwar, ihre eigenen Duftessenzaufgüsse ebenso rücksichtslos durchzogen wie die Nachmittagstrutschen.

Irgendeine von den Weibern hat immer etwas dabei, Orangiges, Eukalyptiges, Zitroniges. Damit wird nicht geträufelt, sondern gegossen, beinhart, und wenn eine protestiert, wie A. das gerne tut, gilt sie als Unwesen. Überhaupt gilt man Saunagruppen gegenüber schnell als Unwesen, wenn man nicht selbst als Gruppe schwitzt. Dabei fährt manches von diesem Duftzeug stechend in die Nase und ist auch zu den Augen höchst unangenehm. Wie sich Formaldehyd bei diesen Temperaturen so fühlt, will ich auch nicht wissen. Kulturell betrachtet ist diese Dufterei sowieso völlig verwerflich, schändlich, übel, denn sie stellt das unangemessen Dekorative über das passend Funktionale, sie lenkt ab vom Wesentlichen, nämlich dem mit Getratsche verbrämten Schweiss.

Aber entspannter und freundlicher waren die Vormittagsschwitzerinnen auf jeden Fall, so viel ist klar. Die Anekdoten waren auch besser, anders, eher ins Sanft-Melancholische gehend als ins Deixeske.

Eine der Nachmittagstrieferinnen hatte ja unlängst von ihrem Mann erzählt, dem Parkinsonkranken, und wie sie jetzt mit ihm am besten im Auto zur Therme Soundso aufs Land fahren könnte. Das Urinieren stellte sich als Kernproblem heraus, und man kam gemeinschaftlich während des Aufgusses (Eukalyptus, brennend) überein, eine Flasche mitzunehmen wäre das beste, denn für Männer sei eine Flasche in Sachen Pinkeln eben doch ideal, unübertrefflich gewissermaßen. (Ich frug nicht, wieso. Man mischt sich in diese Gruppenplaudereien sowieso ungern ein, auch, wenn es nicht ums Pinkeln geht, also, wenn es keine Gruppenpinkelplaudereien sind.)

Die Lieblingsanekdote heute erzählte die Dürre unter den alten Damen, die eine, die im Alter nach innen gesunken war, unter all den anderen, die nach außen ausbeulten, hier und dort, ungleichmäßig.

Unlängst war die Dürre mit der Briefmarkensammlung ihres Mannes im Dorotheum. (Der Mann verstorben schon, offenbar.) Die Kinder hätten kein Interesse daran gehabt. Er hätte ja sorgfältig gesammelt, alle Sondermarkensets der österreichischen Post komplett, seit dem Jahre Schnee. Aber die Kinder halt kein Interesse, sie auch nicht.

Im Dorotheum hätte da gerade ein Mann in der Schlange gestanden, der seine eigene Briefmarkensammlung wieder auszulösen gekommen wäre – ich gebe zu, die Sache mit den Konjunktiven bereitet mir Mühen und gehe daher zum Indikativ über, bis das nächste Achterl aus dem Kühlschrank kommt.

Der Mann also beim Auslösen seiner Sammlung, fragt, was ham’S denn da. Sie erzählt. Er sagt, fragen’S, was’S kriegen dafür, und kommen’S dann zu mir. 900 Euro wollte ihr der Dorotheumsmann geben, der Sammler bot ihr 1000, die sie nahm. “Wir war’n im G’schäft.” Sie hat die 1000 dann zu Hause in Teile zu je 200 “z’riss’n”, was ich eine besonders schöne Formulierung fand, und an ihre Kinder verteilt. (Derweil schwenkte eine der eher ausgebeulteren Damen bereits die Aufgussfahne wild in der Luft, die aus einem an einem Stecken befestigten Handtuch bestand. Die Luft war orangig, aber nicht scharf.)

Man möge sie komisch nennen, sagte die Dürre, aber sie ist dann zum Friedhof gegangen und hat ihm das erzählt. Früher hätte sie es ja immer sehr seltsam gefunden, wie ihre Mutter am Friedhof mit den toten Großeltern geredet hat, denn die hörn’s ja nimmer, aber jetzt wird sie selber so, ist das nicht komisch? Der Mutter hat sie das damals nie gesagt, denn “des hätt’s ned gern g’hört”. Die anderen Damen sagen nichts Eilfertiges, nicht so dahingehuschtes Jaja, sondern lachen unterstützend. Nicht einmal lachen, eher so amüsiert-zustimmendes Freundlichsein, sowas in der Art.

Die Ausgebeulte auf der Bank sprach dann von anderen Friedhofsgeschichten, wie die 35jährige Polin, die ihr 85jähriger Vater geheiratet hatte, nach dessen Tod die Namen der bereits verstorbenen Vater-Anverwandten von der Familiengruft hatte entfernen lassen.

Beim Satz “was will’s denn, ein Jahr in Österreich, und sie hat ja eh die Gemeindewohnung von ihm kriegt” verließ ich die Sauna, denn das rote Licht über der Tür war erloschen und mein Kreislauf sicher genug angeregt.


Danke für die Geschichte. (Selbst werde ich leider ungehalten und genervt, wenn ich in engen Räumen nicht vor Informationen fliehen kann, aber so gut erzählt genieße ich sie.)

Kaltmamsell (Dec 8, 07:10) #

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