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- 10 08 2001 - 17:03 - katatonik

Demnächst in jenem Theater

Wenn sich der Netzgrießbrei von Monsignore Saurwein wieder verflüssigt und Monsignore Saurweins Großhirnrinde aus den Klauen der russischen Organspendemafia, Zweigstelle Wien XVI, ersteht, wird auf der Euroranch vermutlich bald eine von mir zusammengestellte playlist mit Tracks der japanischen Sängerin Chiemi Eri (1937-1982) locken. Da ich nicht gerne dem Gebot journalistischer Kürze folge, hier nun ein paar unkurze Informationen zur Dame.
Mit 14 Jahren soll Chiemi Eri (Vorname Chiemi, Nachname Eri) erstmals mit jenem Lied aufgetreten sein, für das sie in Japan heute am bekanntesten ist – dem “Tennessee Waltz”. Aufgewachsen ist sie in der Nähe eines US-Soldatencamps, woraus manchmal ihre ungewöhnlich starke Vertrautheit mit amerikanischen Musikidiomen erklärt wird. Gemeinsam mit Hibari Misora und Izumi Yukimura bildete sie später das Trio “Sannin Musume” (“die drei Mädels”). Die “Sannin Musume” traten in einer Reihe von Unterhaltungsfilmen der Fünfziger Jahre auf, deren Handlung bestenfalls als Alibi für die Gesangsdarbietungen der drei jungen Damen diente (Marke “Conny und Peter treffen die Drei von der Tankstelle im Weißen Rössl am Wolfgangsee”). Hibari Misora verkörperte in diesen Filmen das in Liedgut, Sprache und Moral traditionell japanische Mädchen, Izumi Yukimura gab das Rock’n-Roll-Girl mit jede Menge Englisch im Geplapper, und Chiemi Eri stand als gutmütiges Landmädel, das japanisierte Fassungen amerikanischer Popmusik sang, irgendwo dazwischen.
Irgendwo dazwischen oder ganz einfach überall: Chiemi Eri sang Jazz-Standards von “My funny Valentine” bis zu “Take the A-Train” und sogar eine Fassung des Kurt Weillschen “September Song”, gleichzeitig aber auch zahllose “Enka”, romantisch-triefende Schlager mit japanischen Volksmusikelementen, an denen kein Karaoke-Abend trockenen Auges vorbeikommt, und letztlich auch Volkslieder im eigentlichen Sinn. Ein bisserl verjazzt, ein bisserl sentimentalisiert, ein bisserl zum Wippen und ein bisserl zum Schmachten. Später sah man sie dann auch oft in Musicals (“My Fair Lady”, “Annie Get Your Gun”). Originale Plattencovers gibt es auf dieser japanischen Seite zu sehen, Fotos, teilweise aus Filmen, gibt es hier.
Der Mix enthält Beispiele für alle diese Musikformen. Leider weiß ich über die japanischen Tracks so gut wie gar nichts, außer dass es sich um in mir großteils unverständlichen Dialekten gesungene Volkslieder handelt. Zugänglicher sind hingegen “Uskudara” und “come on-a my house”, weil sie nun einmal amerikanische Vorbilder oder zumindest Vorgänger haben. “Uskudara” ist eigentlich ein türkisches Volkslied, bekannt auch unter den Titeln “Uskudara gideriken”, “katibim”, “katip uskudara gideriken” (über diese Seite kommt man zu einer Aufnahme der türkischen Sängerin Safiye Ayla aus 1949 – zum Vergleich). 1952 hatte Eartha Kitt in den USA eine Fassung von “Uskudara” herausgebracht. Nach Japan kam das türkische Volkslied wohl über den US-Umweg. Sowohl Eartha Kitt als auch Chiemi Eri unterbrechen den Gesang mitunter, um die im Volkslied besungene Legende ihrem Publikum zu erklären, das vermutlich eher spärliche Kenntnisse des türkischen Brauchtums hatte – Befriedigung des Nachkriegsdurstes nach exotischen Destinationen durch Verschlagerung von dortigem Legendengut, mit ein bisserl was für die Volksbildung mit eingesprengt.
“Come on-a my house” machte in einer ungleich rasanteren Fassung als der von Chiemi Eri 1951 Rosemary Clooney (Tante des allseits bekannten George) in den USA zum Star. Interessanterweise gibt es auch noch eine laszive Schlaftablettenvariante von Julie London (zu hören hier).
Ich habe Chiemi Eri über den werten Mac und die werte Yuri kennengelernt, zwei heilige Wesen, die in Hiroshima eine legendäre Bar namens “Mac’s Bar” unterhalten. Schon seit zwanzig Jahren oder so, ein Ort der manchmal räudigen, meist charmanten und gelegentlich durchgeknallten Begegnung mit Mensch, Musik, Alkohol und Küchenschabe.
Vor allem Samstags gegen vier Uhr früh paßte “come on-a my house” prächtig dorthin, wenn brasilianische, japanische und japano-brasilianische Mädels, japano-peruanische Gastarbeiter in den Mazda-Werken, ein paar bleichgesichtige Studenten und die Stamm-Crew, bestehend aus leicht desorientierten japanischen jungen Menschen und definitiv desorientierten Englisch lehrenden Bleichgesichtern, über die Schnapsleichen amerikanischer Soldaten tänzelten. In der Nähe von Hiroshima gibt es eine US-Militärbasis, von der aus jeden Samstag massenweise junge und meist unglaublich stumpfe Muskelpakete zwecks Hormonspielen in die Stadt einritten. (Zu den Hormonspielen kam es wegen übermäßiger Alkoholisierung dann meist nicht.)
Da wiegte man sich dann zu Chiemi Eri. Bis zehn Uhr vormittags oder so. Vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet Chiemi Eris stimmliche Universalität den Hintergrund für den Ausklang von Nächten in so einem Hinterzimmer der “Globalisierung” abgab.


der sven ist leider krank und in der klinik. der arme. genaueres auf anderem wege.

mkt (Aug 10, 07:32 pm) #


auweh.

katatonik (Aug 11, 06:03 am) #

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