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- 11 03 2002 - 12:46 - katatonik

Und noch ein nettes Gespräch

diesmal zwischen Klaus Nüchtern und Klaus Taschwer (NT) und Terry Eagleton (TE), britischem Literaturwissenschaftler und Autor einer ganzen Reihe von Büchern, die derzeit in unterschiedlichen Stadien des Staubansetzens und Bekritzeltwerdens bei mir rumliegen und demnächst wohl mit unterschiedlichen Stadien der Erleichterung, der Skepsis und des Enthusiasmus kommentiert hier vorkommen werden:


NT: Ein von der US-amerikanischen Postmoderne besonders wertgeschätztes Objekt ist der Körper. Sie meinten diesbezüglich in Ihrem Buch, dass der Sozialismus eines Che Guevara der Somatik von Michel Foucault und Jane Fonda gewichen sei. Wie erklären Sie sich diese Körper-Obsessionen in Theorie und Praxis, die ja immer radikalere Formen annehmen?

TE: Ich denke, dass das Interesse am Körper so-wohl eine Vertiefung als auch eine Verlagerung der sozialistischen Kritik bedeutet. Es ist in dem Sinn eine Vertiefung, dass seit den sechziger Jahren die sozialistische Kritik auf bis dahin unthematisierte Bereiche wie die Sexualität oder die Alltagskultur übertragen wurde. Zugleich gab es von der Mitte der siebziger Jahre an aber auch andere Arten von politischen Problemen, die schwerer lösbar waren. Die radikalen Energien wanderten als Folge davon anderswohin ab, zum Beispiel in Richtung Körper. Ich sehe das als einen der Gründe für das Aufkommen der Postmoderne. Dazu kommt, dass der Körper in einer immer abstrakter werdenden Gesellschaft den Vorteil hat, etwas Konkretes, Angreifbares zu sein – auch wenn das im Widerspruch zur postmodernen These von seiner unendlichen Formbarkeit steht.

NT: Das ist ja auch eine der Behauptungen, die Sie kritisieren…

TE: Richtig. Was ich in vielen postmodernen Konzepten – von Michel Foucault bis Judith Butler – für überzogen halte, ist die Betonung der Fügsamkeit und Veränderbar-keit des Körpers, die Behauptung von der Unendlichkeit des Begehrens sowie die Be-tonung von Heterogenität und Pluralität. Um es kurz zu machen: das ist für mich alles sehr kalifornisch. Die postmoderne Version des formbaren Körpers ist die jüngste Form einer idealistischen Phantasie. Dahinter steckt diese tiefverwurzelte US-amerikanische Zurückweisung aller materiellen Grenzen und Zwänge.

NT: Was hat ein Marxist dem entgegenzusetzen?

TE: Die marxistische bzw. die materialistische Perspektive auf den Körper ist eine sehr viel nüchternere; sie ist zugegebenermaßen weniger aufregend, weniger sexy. Das Marxsche Interesse am Körper liegt in der körperlichen Arbeit und im Leiden, in der gattungsbedingten Beschränktheit und Hinfälligkeit. Der Körper hat sich nicht so stark verändert, er ist noch immer ein natürlicher Teil der Gattung und der materiellen Welt – und wir können das nicht so einfach wegkulturalisieren und weghistorisieren.

NT: Die obsessive Beschäftigung mit dem Körper hat aber doch auch sehr stark mit den Bemühungen um Selbstästhetisierung zu tun. Gibt es auf Seiten der Linke überhaupt eine positive Form davon?

TE: Es gibt da natürlich verschiedene Auffassungen. Ein in der Postmoderne wichtiges Konzept war jenes vom späten Foucault, der eine Ästhetisierung des Selbstverhältnisses und des Körpers beschrieb – also diese ganze Art und Weise, sich selbst zu einem Kunstwerk zu machen. Das steht für mich sehr stark in der Tradition Nietzsches. Der ästhetisierte Körper, von dem Foucault spricht, ist für mich eine Version des “Übermenschen”. Ich kann darin nicht die geringste soziale Dimension erkennen. In einer linken bzw. radikalen romantischen Tradition wäre die Frage der Selbstverwirklichung sehr viel wechselseitiger zu denken. Während die liberale Postmoderne fordert: “Verwirkliche alle Kräfte und Möglichkei-ten, solange Du nicht jenen der anderen in die Quere kommst”, so würde das Postulat einer linken Tradition etwa folgendermaßen lauten: “Verwirkliche jene Kräfte und Möglichkeiten, die es erlauben, dass das andere in wechselseitiger Art ebenfalls tun.” Ich denke, dass darin eine bedeutsame politische Ethik steckt.

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