Go to content Go to navigation Go to search

- 14 07 2002 - 14:34 - katatonik

Resümee

”[Rudolf] Häusler wie [Reinhold] Hanisch, Dr. Bloch [Hausarzt d. Familie Hitler in Linz], [August] Kubizek und Samuel Morgenstern [jüdischer Glasermeister in Wien, der Hitlers Malereien verkaufte, starb 1943 im Ghetto von Litzmannstadt/Lodz], die einstigen Männerheimkollegen wie die Linzer Schulkollegen staunten über die politische Karriere, die H. ab 1919 in Deutschland machte. Kein einziger von ihnen hätte so etwas für möglich gehalten. Und daß derselbe Mensch, der sich mit Juden besonders gut verstand, nun plötzlich ein führender deutscher Antisemit sein sollte, ging den Kollegen von einst erst recht nicht in den Kopf.
Adolf Hitler, wie sie ihn kannten, fiel im grauen Heer der Wiener Gelegenheitsarbeiter und Arbeitslosen nicht weiter auf, weder durch besondere Begabung noch durch Skrupellosigkeit, einen Hang zum Verbrecherischen oder gar Dämonischen. Der junge H. war ein körperlich schwacher Sonderling, der regelmäßiger Arbeit auswich, sich in eigentümliche Theorien über die Entstehung der Welt vertiefte und das »deutsche Volk« vergötterte, ein jähzorniger »Streithansel«, der immer Recht haben wollte und seine Gesprächspartner niederredete.
Auffällig waren bei ihm am ehesten seine Starrheit im Denken, seine Unflexibilität und Verklemmtheit, seine Angst vor Frauen, seine Unfähigkeit zu Heiterkeit und Geselligkeit. Der bewundernde Kubizek: »Ein unbekümmertes Sichgehenlassen, ein In-den-Tag-hinein-Leben, mit dem glücklichen Gedanken >Kommt’s wie’s kommt!<, oder gar Über-die-Schnur-Hauen, ein derbes Ausgelassensein! Nein, das gab es bei ihm niemals.« Und: »der Typ des Wieners war ihm in der Seele zuwider. Schon diese weiche, an sich sehr melodiöse Sprechweise konnte er nicht vertragen. Vor allem aber haßte er die Nachgiebigkeit, die dumpfe Gleichgültigkeit der Wiener, dieses ewige Fortwursteln, dieses bedenkenlose Von-einem-Tag-in-den-andern-Leben. Sein eigener Charakter war diesem Wesenszuge der Wiener völlig konträr.«
Nie war in Wien die Rede davon, daß H. Politiker werden wolle, wenn auch sein Interesse an Politik unübersehbar heftig war. Sein Lebensziel war es, Baumeister zu sein.
... Aus den Wiener Verhältnissen läßt sich H.s Karriere jedenfalls nicht ableiten und schon gar nicht begreifen.”

Brigitte Hamanns Resümee nach etwa 570 Seiten “Hitlers Wien”.


Heute wäre Hitler garantiert Internet-Forentroll. Zuviel Hass und zuviel Zeit.

gHack (Jul 14, 15:16) #


Da die Internetanbindung von Obdachlosenasylen noch auf sich warten läßt, wage ich das zu bezweifeln.

katatonik (Jul 14, 15:29) #


Hitler würde auch nicht mehr in einem Obdachlosenasyl wohnen, sondern in einem kleinen Innenstadtappartement, und zwar in einem Stadtviertel, das zwar billig, aber nicht mehr oder noch nicht hip ist. Er würde "Wallpaper" lesen und ab und zu gelangweilt aus dem Fenster blicken. Sein Psychotherapeut hätte ihm ein Mittel verschrieben, das diese plötzlichen Ausbrüche etwas dämpfen hilft. Er fühlt sich seither wie in Watte gepackt, obwohl die Watteschicht nur dünn ist, etwa so wie diese weichen Schaumstoffblätter, in die chinesische Frauenhände kostspieligere HiFi-Komponenten einzuschlagen pflegen. Vielleicht geht er heute noch ins Kino und schaut sich "MiB II" an. Das Fernsehen ist ihm schon längst zu banal geworden.

gHack (Jul 14, 21:08) #


Oh, den kenn ich aber. Lebt aber nicht mehr.

katatonik (Jul 14, 21:24) #


Hitler könnte in der Welt, deren Lauf er stark beeinflusst hat, wahrscheinlich nicht mehr funktionieren. Aber solcherlei Spekulationen erschöpfen sich immer in mageren Etüden.

gHack (Jul 14, 21:27) #


Besser magere Etüde als überfetter Ernstfall.

katatonik (Jul 14, 21:33) #


Andere Zeiten - andere Freaks. Wut und Hass sind seither jedenfalls nicht ausgestorben. Und diese "was-wäre-wenn"-Spielchen finde ich fruchtlos. Schlimm finde ich dagegen, dass man auf dysfunktionale Phänomene in der Gesellschaft immer nur reagieren kann, dass man also als demokratische Gesellschaft immer in der Hinterhand gegen Provokateure ist. Man kann schon vorbeugen, aber die erfolgreiche Provokation ist ja die, die sich um die Vorbeugungsmechanismen herumschleicht oder gerade diese zur Provokation missbraucht.

gHack (Jul 14, 21:43) #


Ahem, mit dem "was-wäre-wenn"-Spielchen hast schon Du angefangen, gell? Ist aber nicht so wichtig. Nennt man die Dialektik von Vorbeugung und Umgehen der Vorbeugungsmaßnahmen nicht einfach, äh, "Leben"? "Entwicklung"? Andere Seite der Dialektik von Verbieten und Umgehen des Verbots?

katatonik (Jul 14, 21:51) #


Ja. Ist mir klar. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich den Text doch nicht lieber in die Wasted Comments Dump schicken sollte. Man sollte das Böse nicht allzusehr banalisieren.

Klar entwickelt sich auch das Böse. Gibt's ja schon bei "Black Adder": "I have a cunning (sic!) plan, Mylord!"

gHack (Jul 14, 21:54) #


Nein, banalisiert hast Du nix. Als Gedankenexperiment finde ich "was wäre wenn"-Spekulationen schon ganz interessant, solange man nicht vorgibt oder glaubt, dadurch allein Wesentliches an dem, was war, verstanden zu haben.
Ach, Baldrick! In meinem Wohnzimmer staubt übrigens die Komplett-Videoedition von "Black Adder" vor sich hin. Der Fernseher ist ja leider nicht mehr zeigefähig.

katatonik (Jul 14, 22:03) #


Ha! "Black Adder" hab ich mir seinerzeit auch komplett von "Arte" runtergesichert, als ich das noch empfangen konnte. Hatte bisher nur einmal in meinem Leben eine Wohnung mit Kabelanschluss.

Der Wallpaperhitler war schon eine Fingerübung, keine besonders gute... Aber dieser Medikationsaspekt hat was.

gHack (Jul 14, 22:07) #


Bei mir lauert Black Adder auf der Festplatte +G+ Das ist bequemer als von Video und Videos verstauben nur.

funzel (Jul 16, 13:24) #

  Textile Help