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- 25 03 2005 - 13:44 - katatonik

Leben und Sterben

Ganz erstaunliche Dissonanzen ergeben sich, vergleicht man die Berichterstattung über die Wachkoma-Patientin Terri Schiavo in österreichischen Medien etwa mit Beiträgen des Weblogs Respectful of Otters vergleicht (Part I: The Medical Post, Part II: The Ethical Post, Terri Schiavo’s Freedom of Religion, und I swear this is my last Schiavo post – let’s hope not!).

In Austromedien hörte und las ich in den letzten Tagen nur davon, wie die Eltern an hohe Gerichte appellieren, wie republikanische Politiker die Unmenschlichkeit der richterlichen Entscheidung für das Entfernen von Schiavos Magensonde anprangern. Ein dramatischer Wettlauf gegen den Tod wird inszeniert. Gruselgeschichten, Euthanasie-Assoziationen. Schon sechs Tage ohne Nahrung. Nur noch wenig Zeit.

Man hört, die Richter hätten entschieden, dem Ehemann zu glauben, der meint, seine Frau hätte in so einem Zustand niemals künstlich am Leben erhalten werden wollen. Dass die Richter dafür (soweit ich das beurteilen kann, sehr gute) Gründe gehabt haben, sich die Entscheidung keineswegs leicht gemacht haben, nun, auf die Idee braucht man ja nicht zu kommen. Dass der Ehemann nicht einfach so beschlossen hatte, die lebensverlängernden Massnahmen bei seiner Frau abbrechen zu lassen, sondern gerade aufgrund der Schwierigkeit der Entscheidung das Gericht zur Klärung anrief, also nicht auf Abschalten klagte, sondern um Entscheidung bat, ach, wen kümmert’s. Dass die von den Eltern beigebrachten medizinischen Berichte größtenteils überhaupt nicht auf Untersuchungen von Frau Schiavo selbst beruhen, sondern auf Ferndiagnose, dass die Eltern sich bei ihren “sie hätte in so einem Fall leben wollen”Aussagen mitunter auf Sätze der 11/12-jährigen Terri berufen wozu denn ins Detail gehen. Dass der Fall so was von ausjudiziert ist, wie man einen Fall ausjudizieren kann, und es in hohem Maße absurd ist, dass er jetzt eine derartige Publizität und politische Wirksamkeit erlangt – braucht man nicht daran zu denken. Dass ein großer Teil von Terri Schiavos Gehirn nicht beschädigt ist, sondern schlichtweg nicht mehr existiert und sich daher auch nicht mehr erholen wird – Kleinigkeiten. Von weiteren Differenzierungen – Sterbehilfe vs. Nichtverlängerung künstlicher lebenserhaltender Massnahmen, Recht auf körperliche Integrität und daher Recht auf Verweigerung medizinischer Massnahmen – ganz zu schweigen. Im Weblog “Obsidian Wings” ist dazu zu lesen: What’s at issue in this case is not “life”; it’s patient autonomy.

Was ich übrigens nicht verstehe, ist, warum Terri Schiavo durch Entzug der Magensonde sterben muss; verhungern und verdursten scheint mir grausam und absurd.

Es ist weit weg, es ist in den USA, es hat Empörungspotenzial, es ist suggestionskräftig. Es gibt eine Dynamik, gegen die verzweifelt angekämpft wird; das ist dramatauglich. Kampf um Leben, ja, wie könnte man denn auch dagegen sein?


Nun würde mich allerdings interessieren, welche Gründe Sie hinter der Art der österreichischen Medienberichterstattung vermuten...kurz gesagt: Ideologie oder bloßes Ausnutzen der "Dramatauglichkeit"?

Franz Fuchs (Mar 25, 19:13) #


Unüberlegtes Reflexhandeln zunächst, Abrufen medialer Makros. Ideologie - weiss nicht, unbewusstes Reintapsen in die Fetischisierung eines diffusen Lebensbegriffs, wie sie von der christlichen Rechten in den USA vollzogen wird. Mischung aus beidem vielleicht: Dramaturgienutzung und Reintapserei. Sogar abgekupferte Agenturberichte der dpa machen das mit. Seltsam.

katatonik (Mar 25, 20:57) #

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