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- 22 11 2001 - 01:51 - katatonik

Fünf oder sechs Schwänke zur Aufklärung. Teil 2. Universalismen.

Von welchem Universalismus sprechen wir? Es geht um Werte, um den Anspruch, dass Demokratie und Menschenrechte universale Gültigkeit besitzen. Mir scheint allerdings, dass der Berufung auf die “Aufklärung” in dem Zusammenhang verfehlt ist. Die Menschenrechte gemäß der Deklaration von 1948 entstammen ungeachtet älterer Traditionslinien einem pragmatischen Ansatz, der sich vor dem Hintergrund der Erfahrung des zweiten Weltkriegs entwickelte – entwickelt wurde der Kanon jener Rechte, die zur Vermeidung zukünftiger Katastrophen am geeignetsten schienen, ungeachtet ihrer Verwurzelung in und Rechtfertigung durch philosophische oder andere Traditionen. Ich würde auch meinen, dass der Anspruch demokratischer Regierungsformen in einem ähnlich pragmatischen Sinn, äh, Sinn macht.
Sobald diese beiden zentralen Konzepte metaphysisch legitimiert werden sollen, stellt sich die Frage ihres Universalismus aber ganz anders. Dann geht es nicht mehr um die Realisierung bestimmter Verhaltens- und Regierungsformen, um die Befolgung praktisch sinnvoller Regeln, sondern um die Durchsetzung und Verbreitung von Haltungen und Meinungen darüber. Aus praktischem Universalismus wird universale Metaphysik.
Wo steht da die Aufklärung? Ich weiß es nicht, dazu weiß ich zu wenig.
Zu bedenken würde ich aber geben, dass man im 18. Jahrhundert trotz einer Fülle von Informationen über – zum Beispiel – asiatische Reiche und auch skeptischen Anmerkungen zur europäischen Überlegenheit eben noch vor dem Entstehen der das 19. Jahrhundert bestimmenden Kolonialimperien stand. Fragen nach politisch-militärischer und ökonomischer Dominanz des Westens stellten sich da noch nicht in der später prägnanten Schärfe. Diese Fragen werden sich aber wohl auch auf universalistische Ansprüche auswirken – wird nicht das Behaupten einer universalen Vernunft, die in jedem Menschen und jeder Gesellschaft realisiert werden kann, de facto zum Beharren auf einseitigen Interessen, wenn plötzlich eine Macht alle anderen beherrscht?
Vor diesem Hintergrund scheint es mir eigenartig, wenn man sich gerade in heutigen Universalismusdebatten auf die Aufklärung beruft. Mir riecht das alles nach versuchter Identitätsstiftung aus strategischen Gründen. Es ist auch, meine ich, zu wenig, den Predigern des “aufgeklärten Westens” eine Verfälschung des reinen Geistes aufgeklärten Universalismus’ in die Schuhe zu schieben und sich dann an ebenjenen Geist zu halten, denn der Zusammenhang zwischen Aufklärung und nachfolgenden imperialen Haltungen läßt sich nur dann als der einer Verfälschung oder Verwässerung der reinen Lehre sehen, wenn man Texte der Aufklärung verdammt selektiv und isoliert liest.

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