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- 20 02 2003 - 12:19 - katatonik

Indien und Bollywood

Weil derzeit auf Reisen, hier nur ein Kurzhinweis auf die Reihe Bollywood Basic im Filmmuseum zu Wien.

Weil derzeit auf Reisen, hier nur eine Kurzfassung meiner Bemängelung der Konzeption: Die Rückprojektion des Sammelbegriffes “Bollywood” vom populären Kino der, sagen wir, 1970er bis in die 1930er ist vom Standpunkt der indischen Filmgeschichte eigentlich grotesk.

Sowohl vom formal-gestalterischen, als auch vom produktionstechnischen Standpunkt her ist etwa “Miss Frontier Mail” (1936) nicht mehr und nicht weniger Bollywood-Film wie alte Stummfilm-Zorros aus den USA, und auch nicht mehr und nicht weniger Vorläufer von Bollywood-Kino.

Die alten Filme mit Fearless Nadia waren in der Filmgeschichte Indiens sowieso bestenfalls charmante, aber doch Marginalien. Ich persönlich kann mir kein Verständnis des Wortes “Klassiker des indischen Films/Bollywood-Films” zurechtbilden, das diese Filme irgendwie als solche bezeichenbar machen würde.

Auch die Regisseure Guru Dutt und Raj Kapoor lassen sich meiner Einschätzung nach kaum unter Bollywood subsumieren. Man könnte sie wohl irgendwie unter dem Generalbegriff “indisches Unterhaltungskino” einschließen und schon auch irgendwie mit Bollywood in Zusammenhang bringen, aber dazu bedürfte es schon eines etwas differenzierteren Ansatzes.

Überhaupt wäre es längst an der Zeit, “Bollywood” als Genrebegriff zu konkretisieren. Dass nicht alles indisches Filmschaffen unter diese Rubrik fällt, ist selbstverständlich. Dass auch nicht alles populäre, vorwiegend zu Unterhaltungszwecken (jedweder Art) gemachte Kino darunter fällt, wohl weniger. Dass keineswegs alle Filme, die unter “Bollywood” laufen, in oder nahe bei Bombay entstehen, sondern ein stets wachsender Anteil in Südindien (Madras/Chennai) gedreht wird, scheint man in deutschsprachigen Landen kaum zur Kenntnis zu nehmen. Der belustigt-amüsierte Verweis auf die Schweiz als bevorzugter Drehort von indischen Unterhaltungsfilmen hängt mir übrigens schon zum Hals raus, ist sowas von durchgekaut und in der Art, wie er zumeist vorgetragen wird, auch nicht unärgerlich.

Ob “Bollywood” überhaupt in derselben Weise übergreifender Begriff ist wie “Hollywood”? Ob die beiden Begriffe wohl in derselben Weise auf ein durch sie sowohl geographisch als auch formal/gestalterisch als auch produktionstechnisch charakterisiertes Kino verweisen?

Wie gesagt: Weil derzeit auf Reisen, erst einmal kurz und nur im Anriß. Muss jetzt weiter Reisen gehen.


Sorry, hab den Eintrag jetzt erst entdeckt.

Als Genre ist Bollywood wohl kaum zu begreifen, so wenig wie Hollywood. Darin aber, dass es so etwas wie "Genres" und auch "Einheitlichkeit des Tons" (Spannung, Komödie, Drama) im engen Sinn nicht gibt, sondern eher so etwas wie Studio- bzw. eher noch Produzenten-Handschriften, die das "Masala"-Konzept unterschiedlich ausformen, liegt z.B. ein Charakteristikum - das Bollywood von Hollywood erst mal grundsätzlich unterscheidet.

Als umfassenden Überbegriff für Hindi-Unterhaltungskino finde ich Bollywood daher schon tauglich (soweit ich das beurteilen kann). Problematisch wird es bei den anderen Regional-Kinematografien, aus Tamil Nadu oder Malayalam - aber die bekommt man, so es nicht eine Hindi-Dub-Version gibt, (leider) ohnehin nicht bei uns und in Basic-Bollywood-Reihen zu sehen.

Und warum dann nicht Fearless Nadia (ein Star war sie schon - und ungewöhnlicher als Hollywoods Zorro allemal; Dorothe Wenner hat übrigens ein - leider ziemlich schlechtes - Buch über sie geschrieben) ebenso dazugehören soll wie Guru Dutt und Raj Kapoor, das wüsste ich nicht.

Wie eben Raoul Walsh ebenso zu Hollywood gehört wie die Fu-Man-Chu-Reihe und Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung".

Ekkehard Knörer (Mar 4, 07:48) #


Korrektur: also entweder oder: die Sprache ist Malayalam, der Bundesstaat Kerala. Tamil Nadu ist der Staat, tamilisch die Sprache: aber es gibt eben - und nicht nur in diesen beiden Bundesstaaten - ein eigenständiges, teils extrem kommerziell ausgerichtetes Kino, das mit Bollywood zu tun hat (wie, um auch das noch loszuwerden, der Bollywood-Einfluss noch im Singapur-Kino der Shaw-Brothers beträchtlich war), aber, so viel ich darüber lese, über die Sprache hinaus auch charakteristisch anders ist; nicht zuletzt mit eigenen Superstars etc.

Ekkehard Knörer (Mar 4, 07:56) #


Die Frage ist, ob es dann noch irgend etwas an Unterhaltungskino in Indien gibt, das nicht Bollywood ist. Die Frage ist, ob man Bollywood als ein fransiges Label für indisches Unterhaltungskino haben möchte, oder ob man dem Begriff noch einen gewissen Informationswert darüber hinaus zusprechen möchte.

Ich tendiere - vielleicht etwas pathologisch - dazu, derlei Begriffe zuspitzen und differenzieren zu wollen. Offenbar ist das nicht, wie sie in der werbenden, umwerbenden, anpreisenden Redeweise von Filmfestivalankündigungen und dergleichen funktionieren. Es ist übrigens auch nicht, wie der Begriff in der indischen Filmpublizistik funktioniert. Da läuft ja vielleicht sogar noch stärker als hier fast alles unter Bollywood. Etwas großkotzig formuliert: Ich finde, man tut dem indischen Filmschaffen nichts Gutes, wenn man das übernimmt.

Ich würde das Label Bollywood schon auf Produktionen aus Bombay (Juhu) einschränken wollen, die einer bestimmten Produktionsweise entspringen und gewisse filmische Charakteristika aufweisen. Mal so vage gesagt.

Diese Produktionsweise gab es zur Zeit von Fearless Nadia noch nicht, weil das Studiosystem damals noch sehr anders war. Auch die Filme sind, meine ich, signifikant anders. Obwohl sie zu ihrer Zeit sicher populär waren, wage ich stark zu bezweifeln, dass sie auf die Durchschnittsproduktion in Indien ebensolch formativen Einfluss gehabt haben wie etwa die Filme von Raj Kapoor und (vielleicht in geringerem Mass) Guru Dutt. Und auch da würde ich eher von einem Einfluss auf Bollywood als von einem Einfluss in (innerhalb von) Bollywood sprechen wollen.

Ich habe vor etwa zehn Jahren mit einem Kino in Wien versucht, ein Filmprogramm über indischen Unterhaltungsfilm zusammenzustellen. Es lief unter dem Arbeitstitel "Bollywood's Best" und war, was die Vereinnahmung frühen Filmschaffens für das Label Bollywood angeht, sogar noch extremer (ich hatte keine Hemmungen, auch Dadasaheb Phalkes Filme darin einzuschließen). Heute würde ich das sicher ganz anders konzipieren.

Das Programm kam nie zustande, weil ein Großteil der Filme damals noch nicht untertitelt waren und der (damals neue) Kulturattache der indischen Botschaft nicht davon überzeugt werden konnte, dass "Sholay" und dergleichen wichtige indische Kulturprodukte sind, deren auch physischen Transport nach Europa er unterstützen sollte.

Wir haben statt dessen zwei Fearless-Nadia-Filme gezeigt, weil die bereits in Berlin gelaufen waren, untertitelt waren und sehr, sehr einfach zu bekommen. (Da haben wir dann kein Label "Bollywood" drangeheftet.)
Riyad Vinci Wadia, Großneffe von Mary Evans aka Fearless Nadia, der auch eine Dokumentation über sie drehte, ist da sehr rührig und auch sehr geschickt.

Was ich damit andeuten möchte: Meiner Einschätzung zufolge wird Nadia derzeit immer weiter in Richtung Bollywood gerückt, und zwar aus sehr praktischen Gründen (man kriegt die Filme sehr einfach), nicht aus filmgeschichtlichen oder genreartigen Gründen. Eigentlich ist diese Ausweitung des Labels gerade jetzt nachgerade grotesk, wo man doch, weil jetzt ja auch durch DVD/VCD viel mehr Filme mit Untertiteln verfügbar sind, stärkere Differenzierung erwarten könnte.

Es ist vielleicht nicht so interessant, sich über all diese Dinge gerade unter der Schirmherrschaft der Frage nach der Verwendung des Labels Bollywood Gedanken zu machen. Andererseits vielleicht aber auch gerade da - wie so etwas funktioniert, die Popularisierung fremden Filmschaffens unter bestimmten Labels, die dann geschichtlich rückprojiziert werden ...

katatonik (Mar 4, 12:12) #


Wäre ja wirklich interessanter, sich Gedanken zu machen über Kriterien und Spezifika des indischen Unterhaltungskinos. Was man dann Bollywood nennen will (über die Tatsache hinaus, dass inzwischen fast alles Bollywood genannt wird), wäre dann ja sehr sekundär.

Essenziell - immer nur meiner nach wie vor recht eingeschränkten Kenntnis nach - wären formal vielleicht: der Wechsel von Narration und Song & Dance und die explizite Ablösung des Song & Dance aus der Narration (Miss Frontier Mail ist ein Grenzfall: denn - choreografiert - getanzt wird nicht, gesungen allerdings schon), der Rückgriff auf eine begrenzte Zahl von mehr oder weniger kodifizierten Story-Formeln und -Elementen bzw. -Motiven und vor allem der Wechsel der Tonlagen, von Ernst zu Komik zu Spannung etc. und wieder zurück. (Inzwischen ist in vielen der Hinsichten ganz gewiss ein nachklassisches Zeitalter erreicht.)

Was eben auch heißt: Genres im engen Hollywood-Sinn (so genau sind die Grenzen, das ist inzwischen klar, sind da die Grenzen auch wieder nicht zu ziehen) gibt es nicht, kann es nicht geben.

Man müsste dann historisch nachsehen, wie sich das entwickelt und kanonisiert hat - im Kontext eines sich herausbildenden Studiosystems, dann nochmal regional unterschiedlich. Müsste man natürlich auch genauer untersuchen, wie genau sich die Unterschiede zwischen Bombay-Produktionen und anderen (auch in Hindi oder in anderen Sprachen) differenzieren und wiederum historisch festmachen lassen.

Für all das allerdings müsste man an die Filme kommen: mit meinen finanziellen Mitteln meistenteils immer noch eher ein Ding der Unmöglichkeit.

Noch'ne Anekdote übrigens: Vor nicht allzuvielen Jahren, als die ersten Bollywood-Filme auf der Berlinale liefen, wurden von ebenfalls am kulturellen Wert der Produkte zweifelnden indischen Filmzuständigen Kopien geschickt, aus denen der Song & Dance rausgeschnitten war: das konnte man dem westlichen Publikum nicht zumuten.

Ekkehard Knörer (Mar 4, 13:26) #


Explizite Ablösung des Song & Dance: das wäre vielleicht ein Ansatzpunkt. In Bollywood-Filmen jüngeren Datums vollzieht sich diese Ablösung ja unter anderem dadurch, dass die Gesangs- und Tanzkulisse ein von der Narration völlig abgelöster Ort ist oder zumindest so gefilmt wird, als ob. Bergkulissen (Schweiz oder Kaschmir). Auch wenn sich die Protagonisten dort schon befinden, wechselt die Kamera dann plötzlich in so eine Art Touristenvideo (Kutschfahrten durch die Schweiz, Skifahrten usw.). Nein, eigentlich ist das kein Phänomen der jüngeren Zeit. Ich kenne auch schon Filme der Sechziger, Siebziger, Achziger, wo diese Kulissensprünge auftauchen.
Bei Raj Kapoor hingegen gab es so etwas nie. Es tauchen da nicht plötzlich illustre indische Volkstanzgruppen auf, die sonst im Film nie zu sehen sind, auch keine Berge und Europäer oder Londoner Einkaufszentren. Der Gesang bleibt vor Ort, auch die anderen tragenden Rollen des Filmes bleiben dabei und tanzen mit oder sehen zu oder zeigen sich von der rabaukenhaften Natur des singenden Vagabunden Kapoor spielerisch entrüstet (die Frauen). Mir kommt so in der Erinnerung vor, dass das doch eine sehr andere Art ist, Gesang und Tanz in Filme einzubinden. Nicht so eine explizite Ablösung von der Narration wie in den gängigeren Bollywood-Produktionen.

Globalisierungsauswirkungen sind auch sehr interessant zu beobachten, wobei ich mit Globalisierung darauf anspiele, dass der indische Markt für ausländische Waren geöffnet wurde, die Wirtschaft dereguliert, und dass eine größere Anzahl von Menschen Geld hat und Reisen kann und auch reist.

Bollywood-Filme, die zum Teil in England spielen, Londoner Einkaufszentren als Hintergrund für rührende Familienvereinigungsszenen. Wie Musikvideos ausstaffierte Tanzszenen, wie Modeschauen inszenierte Gesangszenen, die den Marine Drive von Bombay als Catwalk für die in jedem Schnitt ein anderes Kostüm tragende Schauspielerin benützen. Eine indische Filmwissenschaftlerin meinte einmal, diese Art von Gesang- und Tanzszenen wie Modeschauen, die den Film als eine Art Schaufenster einsetzt, würde in Indien besondere Bedeutung haben, weil es dort mit Ausnahme von großstädtischen Zentren eben einfach keine Läden mit Schaufenstern gibt. Ach ja, hunderttausend Aspekte.

Und immer auch die Frage nach dem unglaublich vielschichtigen Publikum: vom europäischen Großstadt-Hipster über den in den USA jobbenden indischen Computertechniker bis zu den indischen Großmüttern in Southall, den indischen Hilfsarbeitern in Kuwait, den Rikschafahrern in Calcutta, den kichernden Studentinnen von der Delhi-Universität.

An die Filme kommen ist mittlerweile nicht mehr so schwer. Die meisten indischen Läden in deutschen Großstädten (auch in Wien) haben Videos und, noch interessanter, viele haben Video-CDs oder DVDs, die englische Untertitel haben. Die sind auch nicht so teuer, glaube ich.

katatonik (Mar 7, 02:23) #

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