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- 25 02 2007 - 21:08 - katatonik

Julian Barnes, Arthur & George

Am Bostoner Logan Airport hatte ich Zeit. Mich befiel die übliche Langstreckenflugpanik, nicht genug zu lesen dabei zu haben und irgendwann, wenn dann alle rundum schlafen, mit wachem Kopf und schlechtem Unterhaltungsprogramm ohne Lektürewelten im Schalensitz eingeklemmt zu sein.

Der Logan Airport hat innerhalb des Eingechecktseinsbereiches, oder wie man dieses ausschließlich den Tätigkeiten des Wartens, Defäkierens und Konsumierens gewidmete Zwischenreich sonst nennen mag, eine unerwartet gut bestückte Buchhandlung. Ich hatte Entscheidungsschwierigkeiten, doch nach einer halben Stunde griff ich zu Julian Barnes’ “Arthur & George”. Julian Barnes habe ich früher immer sehr gerne gelesen, irgendwann aus unbekannten Gründen damit aufgehört, aber warum nicht wieder damit anfangen. Der Flug verlief glücklich, danke. (Es gab zur Unterhaltung übrigens Ridley Scotts “A Good Year”, und Air France serviert gottlob Champagner.)

Arthur und George sind zwei Männer im viktorianischen Großbritannien. Sie stehen für historische Figuren, aber wer die sind, das entnehmen Sie bitte anderen Texten.

Der Roman ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit ihrer Kindheit, hin- und herspringend. Ein kurzer Text zu Arthur, einer zu George. Verhältnisse, familiär und sozial, kindliche Ängste, Andeutungen, Umgebungen. Empfindsamkeiten hie und da im dichten, starren Netz bürgerlicher Verpflichtungen, religiöser Regeln, ehrbarer Gesetze und familiärer Rücksichtnahmen. Zum Augenarzt wird der eine Sohn (Arthur), zum Anwalt der andere (George).

Die beiden Biografien werden sich erst spät kreuzen: Georges Familie wird jahrelang von anonymen Briefen und üblen pranks gequält (Annoncen, dass der ganze Hausrat zum Verkauf stünde, getürkte Katalogbestellungen). Das hört plötzlich auf. Einige Zeit danach werden in der Gegend, einer sehr ländlichen Gegend, Pferde und Rinder verstümmelt. George wird verdächtigt, verhaftet, verurteilt. Er bringt drei Jahre im Gefängnis zu, unschuldig.

Erst nach seiner Freilassung wendet er sich an Arthur, einen angesehenen, rechtschaffenen Mann der guten Gesellschaft. Nicht Kompensation für erlittenes Unrecht ist es, was er vorrangig begehrt, nein, seine Anwaltszulassung möchte er wieder haben. Arthur nimmt sich des Falles an.

Man könnte sagen, dass hier die eigentliche Geschichte beginnt, aber das ist so nicht ganz angemessen. Es gibt Vorfälle und einen Fall, ja, aber der Reiz des Romans liegt darin, die Ereignisse und ihre Folgen nicht aus den Lebensteppichen der beiden Männer herauszulösen. Ja, dank Arthur wird George (teilweise) exkulpiert, aber die Geschichte ist komplizierter als eine einfache Dialektik aus unschuldiger Verurteilung und Rehabilitation. Gerechtigkeit ist keine Frage der nachträglichen Wahrheitsfindung – oder doch? Das ist einer der Punkte, an dem Georges und Arthurs Haltungen sich scheiden.

Die Wahrnehmungen zählen, die Zweifel daran, was geschehen sein könnte und die Überzeugungen darüber, was geschehen sein muss. “Arthur & George” ist ein Buch des Verhandelns, nicht nur des gerichtlichen: Weshalb Georges Familie so gequält wurde, weshalb George verurteilt wurde, das wird im Rückblick in Wahrnehmungen verhandelt, zu ergründen versucht, aber nicht im Konfrontationsdialog des Meinungsabtausches, sondern in der Sprache des Romanciers, der die beiden Männer mit dem von ihm beschriebenen Handeln, Fühlen und Sprechen, nun ja, verhandeln lässt. (Das klingt jetzt sicher verquast, aber ich weiß es nicht besser zu formulieren.)

Eine der Lehren, die man aus Arthur & George ziehen könnte, wenn man denn aus Romanen Lehren ziehen möchte, ist, dass das Wissen, warum tatsächlich etwas geschehen ist, warum tatsächlich jemandem Leid zugefügt wurde, schwer zu erlangen ist. Aber wahrscheinlich geht es weniger um die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung (oder deren Unmöglichkeit), sondern darum, dass die Wahrheit zu finden nicht genügt, und dass, was man mit zweifelhaften Methoden findet, womöglich gar keine Wahrheit sein kann.

Das vielleicht Schönste an “Arthur & George” ist nämlich, dass George zwar um seine (teilweise) Rehabilitierung froh ist, doch die Argumente, mit denen Arthur den wahren Schuldigen gefunden zu haben glaubt, nicht goutieren will: Die Annahmen, die Arthur zum Schuldigen führen, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen, die ihn selbst verurteilten, denkt er.

Schade fand ich, dass der Historie dann doch noch Genüge getan wurde, dass man, so wie im zeitgenössischen Historienschinken, im Epilog noch erfährt, was den historischen Personen dann wie und wo wiederfuhr, und wann sie woran verstarben. Das hätte es nicht gebraucht; da hält sich die Literatur dann leider doch noch die platte Faktenlegitimation als Maske vor.


Ah, ich will aber immer alles übers Widerfahren und Versterben wissen. (“Arthur & George” noch nicht gelesen; jetzt aber Lust.)

Ekkehard Knörer (Mar 1, 09:57) #


Vom Widerfahren und Vererben darf die Literatur im Epilog gerne Zeugnis ablegen. Aber Wiederfahrens- und Versterbungsinformationsbedürfnisse mögen sich an Lexika wenden, äh, weiden.

katatonik (Mar 1, 20:05) #

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