Go to content Go to navigation Go to search

- 3 07 2007 - 19:20 - katatonik

Klagenfurt, Bachmannpreis

Dieses Jahr in die Bachmannpreisübertragung reingekippt, weil ich donnerstags viel kochen wollte und dazu etwas mir noch Unbekanntes hören.

Nicht alles gehört. PeterLicht gehört, im nachhinein über Videostream, und gleichzeitig dazu selbst gelesen, dann auch noch ein paar andere über die Tage verstreut gehört, gelesen (Andrea Grill, Martin Becker, Thomas Stangl, Björn Kern, Jörg Albrecht, Jochen Schmidt). Dann wieder rausgekippt.

Ich habe spontan Meinungen oder Einstellungen zu den Autoren und -innen entwickelt, wie es eben so ist, aber das ist nicht interessant. Interessant ist, wie sich diese Einstellungen auflösen, verhärten, verändern, wenn über die Texte gesprochen wird. Das ist der Vorgang, der die Bachmannpreislesung für mich interessant macht.

Nebenbei habe ich in den letzten Tagen auch noch einige Weblogs abgesurft, wie man das so macht, wenn man viel gegessen und getrunken hat und ein Ereignis teilweise miterlebt und dazu gerne wissen möchte, was andere so denken, was im Resonanzraum so schwingt.

Mir hat sich da eine ganz fremde Welt aufgetan: die, die nur noch über PeterLicht als medialen Selbstvermarkter ätzen (so ähnlich wie Corino, der in einem Radiobeitrag sinngemäß meinte, wenn man nicht gerade verfolgter Literat in einem tolalitären Regime sei, könne man sich solche Fisimatenten nicht leisten – hat der sie noch alle? Wo lebt der?), oder die, die anlässlich der Begeisterung für PeterLicht die Literatur an sich den Bach hinunter gehen sehen, aus verschiedenen Gründen.

Schockierend daran mitunter der Ton: so ein bissiges Rumsabbern, ja, sabbrig-schleimig und beißend zugleich. Was bildet der sich ein, hält sich wohl für was Besseres, durchtrieben-hinterlistiger Kerl, der die Jury zum Narren hält.

Es ist mir egal, ob die Gesicht-Nichtzeigerei von PeterLicht mit Augenzwinkern oder mit Kalkül oder aus anderen Motiven betrieben wurde, die man als unlauter betrachten könnte. Es ist ja nicht so, dass andere Autoren und Autorinnen nicht Selbstpräsentationsstrategien einsetzen würden. Nur bedienten sie damit im Vergleich weniger stark die Rezeptionsmechanismen des Mediums Fernsehen. Macht sie das zu besseren oder schlechteren Literaten und -innen, ihre Texte besser oder schlechter? Ich glaube nicht. Sind zwei Drittel der Jury so blöd, sich von puren Medienmanipulationsmechanismen manipulieren zu lassen? Ich glaube nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich den PeterLicht-Text auch noch in ein paar Wochen gerne lesen würde, ob er jetzt Literatur ist oder nicht. Ich leiste mir den Luxus, das nicht beurteilen zu müssen. Es gibt sowieso genug Beurteiler, die in ihren Weblogs suadieren, als wären sie Bachmannpreisjurymitgliedbots. Keine Ahnung, warum die das tun. Es ist etwas lächerlich.

Warum ich den Text beim ersten Anhören spontan gut fand: er bildete eine zeitgemäße Innenperspektive glaubhaft ab. Das Sicheinnisten in der Katastrophe, nicht nur das Sichselbstüberzeugen davon, dass es einem gut geht – das kennt man ja.

Das in Schleifen reproduzierte und immer weiter vertiefte Reden davon, dass es einem vielleicht doch schlecht geht, ohne dass aber Erkenntnis davon entstünde. Man kann von sich selbst wissen, dass es einem schlecht geht, man kann auch wissen, dass sich die Welt zerstört, und weiß es trotzdem alles nicht. Es ist alles klar und hell und trotzdem verdammt finster. Das ist eine Erzählung, und sie trifft mehr von der Welt, in der ich lebe, als viele andere.


Corino hat was von einem CSU-Politiker, finde ich. Man mag von Radisch halten, was man will (ich finde sie längst nicht so schlimm), aber irgendwie kam mir das vor wie dieses Spiel “Ich bin schon länger im Geschäft als Sie, meine Dame”.

goncourt (Jul 3, 23:41) #


“Es gibt sowieso genug Beurteiler, die in ihren Weblogs suadieren, als wären sie Bachmannpreisjurymitgliedbots. Keine Ahnung, warum die das tun. Es ist etwas lächerlich.”

Diesen Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Die Weblogs, die ich lese, und die darüber berichtet haben (und die Berichterstattung finde ich allgemein nicht ausufernd), schilderten ihre Wahrnehmung eines Ereignisses, das ihnen offensichtlich etwas bedeutet.

(Überhaupt: Menschen schreiben ins Internet, wie und warum ihnen Texte, Musik, Architektur, Therapiemethoden, Filme, Theorien etc. gefallen. Lächerlich?)

Ich stimme zu, dass der Bachmannpreis gerade dadurch interessant wird, dass das Textverständnis sich durch das Hören und Sehen des Vortrags einerseits und die Jurydiskussion andererseits verändert. Ich empfinde allerdings kluge Weblogkommentare eher als weiteres Glied in dieser Entwicklung.

Über den Text von PeterLicht kann man wohlberechtigt geteilter Meinung sein. Ich selbst bin geteilter Meinung über ihn.

wasweissich (Jul 4, 08:13) #


Ja, vielleicht haben Sie recht, und mein Eindruck war überzogen, verstärkt von allerlei Gedanken, die ich mir so über Weblogs mache, und wohin die sich entwickeln, und wieso. Ach, ich weiß nicht.

katatonik (Jul 4, 20:59) #

  Textile Help