Zerspant
Naan Gerd (“gerd”, Farsi: “kreisförmig, rund”). # Alan Abrahams und Jan Jelinek: Take me, I’m yours, Mai 2026. # Zerspante Tage # Bei einem Vortrag gewesen anfangs der Woche, wo mir nun, am Sonntag, gar nicht mehr einfällt, wer und worüber es war. Ja, doch: Es war eine interdisziplinäre Veranstaltung über imperiale Infrastrukturen in recht alter Geschichte, eine sympathische, jung wirkende japanische Assyrologin sprach über Assur, in der aufzählenden, vorstellenden, enzyklopädieartigen Weise, wie japanische Vorträge oft gehalten sind. Man hatte andere, eher seniore Repräsentanten regional benachbarter Fächer als respondents geladen, sie blickten von der Projektionswand als Zoomgesichter herab. Eine kuriose Kombination, Umständen geschuldet, mir war dann etwas zu viel “wonderful” dabei. Es kam zu einem Abendessen, draußen, in kleiner Gruppe, die Kollegin fächerte für die japanische Gästin alle möglichen Essensoptionen auf, und natürlich war die Japanerin damit total überfordert, und das macht man in Japan auch nicht so, da wird entweder von den Gastgebern bestellt, weil es ihre Zuständigkeit ist, für die Umgebung des Gastes zu sorgen und zu erspüren, was gerade angemessen wäre (denke ich, man denkt sich die Dinge ja so zurecht), oder es wird höflich eine bestimmte Option als regionaltypisch oder Spezialität des Hauses empfohlen, und das wählt eins als Gast dann natürlich erwartungsgemäß. Es kam dann also zu einer Schnitzelempfehlung, die japanische Kollegin verzehrte es dankbar, hernach kam es zu Grappa. # Nachts nach Hause radelnd.

Die Reinanke ist ein Süßwasserfisch, der sich von Plankton ernährt. Man könne, so der Fischhändler, die Reinanken der Seen in Kärnten und Oberösterreich nach ihrem Geschmack unterscheiden, denn das Plankton der einzelnen Seen unterscheide sich merklich. # Es fällt manchmal leicht, sich in Formen einzufinden. # Gespräche in mehrere Richtungen, was ein fertigzustellendes Dokument zur Planung betrifft. Suche nach dem richtigen Tonfall aus Bewusstsein für nötiges Sparen, denn es müssen ja alle unbedingt sparen (was geht mit Vermögenssteuern?), und selbstbewusstem Drang nach Zukunftsentwicklung, # Alle reden von “Strategie”, oder von “strukturellen Problemen”. # “die wir konstruktiv begleiten werden” is the new “schaumamal”. # Wenn sich das Wasser wie Beton anfühlt, einfach weiterpflügen. Weitermachen, weiterrotieren, weiter atmen. Überhaupt: atmen. # Bei noch einem Vortrag gewesen, ansprechend, viele historische Details, alter Bekannter, altes Bekanntes, das wirkt erholsam. Danach Sichuan-Essen, anfangs wehre ich Versuche ab, mir die Zuständigkeit für die Essensauswahl zu übertragen (“du kennst dich da ja aus und has das letzte Mal so gut …”), dann orchestriere ich doch den Entscheidungsfindungsprozess und finde mich zufrieden drein. Nachts nach Hause radelnd. # Eine Lektüresitzung mit Kolleg*innen und Student*innen, ich kann mich auf so etwas nur noch peripher vorbereiten, gerade in so zerspanten Wochen, dann wieder so ein Glücksmoment, weil es dennoch gelingt, die Struktur eines aus dem Sanskrit in das Tibetische übersetzten Textes aus dem, sagen wir, 9. Jahrhundert, besser zu verstehen, einordnen zu können, worauf der Autor mit diesem und jenem Schritt hinauswill, das Verständnis der Kollegin, die sich in ihrer Arbeit auf diesen Text konzentriert, voranzubringen, zu unterstützen.

Im Café Hummel teetrinkend einen Text gelesen, von einem anderen, der sich sehr intensiv unter anderem mit einem alten von mir beschäftigte, was mich freute. Vorwiegend ältere Besucher im Lokal, die alle etwas aßen, dazu ganz grauenhafte Muzak vom Band, WTF?. # Kühles Wasser an kühlen Tagen, im Stadionbad mehr Krähen als Menschen. Sie, die Krähen, haben den spaßbadartigen Pool mit Rutsche ganz für sich, schreiten am seichten Poolrand im Wasser umher, baden sich schüttelnd, schlürfen Wasser. Aus dem Stadionbad durch den 2. Bezirk radelnd, noch zwei Flaschen Champagner aufgabeln, dann zu einer Feier, die eine Dreifachfeier wird, Geburtstag, Krankheitsanzeichenlosigkeit nach schwerer Krankheit, akademische Karriereoptionen der ankommenden Art. Das ist schön, aber dann auch stark orchestriert, detailreich erzählt. Ich sehe bemüht wohlwollend über mein Mißfallen hinweg. Der Champagner schmeckte den Menschen. # Zu viel, noch zu sprechen, noch mehr über Parameter des akademischen Seins zu sprechen, das ist gerade keine Form, in die ich mich an diesem Abend noch einfinden möchte, es findet sich in mir keine Form, in die ich mich noch einfinden möchte, aber es findet sich auch nichts spontan Ungeformtes, dem ich nachgehen könnte mit denen, die da sind. Man nennt es wohl Müdigkeit. Nachts nach Hause radelnd.

Elliot Sharp spielte im Celeste vor gefühlt dreißig Leuten (den hatte ich zuletzt irgendwann im B.A.C.H. gehört, vor gefühlt dreißig Jahren), im Anschluss an den charmanten “Club Okkult”, ein Projekt von Christian Reiner und Leonard Skorupa, das zu wohlig-kratzigem Blasinstrument Texte und Stimmen vorstellt, die sich im engeren und weiteren Sinne mit Okkultem befassen (gibt es ein Tor zur Hölle im 3. Bezirk?). # Formen des gewogenen Herumsitzens, Süffelns und Hörens. Es werden diese Woche wohl mehr als 70 Kilometer Fahrrad werden.
