Die Nachrichtenlage ist uneinheitlich
Der junge Mann am Gehsteig, ein Feinrippshirt oder ein anderes, flagelliert sich gedankenverloren beim Gehen mit mehreren Schlüsseln am langen Band. Vor dem rebellischen Buchladen parkte ein Maserati. Vor dem Bürogebäude im ersten Bezirk, Jugendstil, parkte ein Bentley. In Pakistan produzieren sie jetzt viel mehr Solarenergie. Im Radio spricht einer aus einem alpinen Bundesland von Murenabgängen, wo sie jetzt aufräumen müssten. Aufräumen. Leo Riegler hat ein neues Album herausgebracht, es heißt Laminat Schlossdiele Natur. Es gibt auch ein neues Album von Attwenger, schon seit einigen Monaten; es heißt Wos. Es widerfahren Dinge.
Monoblockstühle stehen nachlässig vor Lokalen. Die Parks der Stadt sind merklich kühler als ihre Umgebung. Nachts ist jetzt abends, halb zehn zum Beispiel, also 21:30, da spielen im Auer-Welsbach-Park noch sehr viele Kiddies bei Flutlicht Ball, schaukeln, fahren Rad; Mütter, Väter, andere Erwachsene bei den Umzäunungen, unter den Bäumen, an den Rändern. Auf den Parkbänken sitzen junge Menschen und lesen Bücher unter Straßenlampen, Parklampen. In einem der neuen Bürogebäude bei der U4-Station-Meidling, am Wienfluss, ist nur ein Geschoß erleuchtet, das siebte oder achte, ein Fitnesscenter, wo abends, nachts, Bewegung auf Laufbändern und Ergometern sichtbar wird. Von Wasserknappheit ist die Rede, an einzelnen Orten. Private Swimming Pools dürfen nicht mehr wiederbefüllt werden, in Gegenden, die gar nicht im Ruf stehen, poolreich zu sein. Von Kanälen ist die Rede, die aus entfernten Flüssen gegraben werden müssen, weil Dorfbrunnen austrocknen. Befragte Experten beruhigen und sehen Österreich auch auf lange Sicht gut mit Wasser versorgt, aber es sollte doch bald einmal regnen. Artikel informieren über Wassergewinnungsstrategien in Ländern, die bereits seit langem mit Trockenheit umgehen, die Trockenheit gewohnt sind, wo es Wüsten gibt.
Leo Riegler singt sein Hitler-Lied “Mister Grant” im Wilhelmsdorfer Park in Meidling, das natürlich kein Lied über Hitler ist, in dem aber das Wort vorkommt. Dabei entstellt er aber das “Hitler” bis zur Kenntlichkeit, “Hilti”, “Hilter”, bis zum “Hillinger” kommt er in seinen Lautverschiebungen. Ein junger Mann rollt auf Roller Blades in den Wilhelmsdorfer Park, so ein Ausgefranste-Jeans-Typ mit Muskelshirt und einem sehnigen, muskulösen Körper, der nicht aufgepumpt wirkt. Er holt für andere, die in super erfreut begrüßen, noch Getränke von irgendwo, es gibt beim Wiener Kultursommer ja nie was zu trinken, wenn es nicht eh schon vor Ort etwas zu trinken gibt. Danach ist er barfuß. Eine junge Dame trägt zu ihren schwarzen Superminishorts schwarze Stiefel. Sie sind weit an den Waden, und die Wespen fliegen gerne in die Stiefelhöhlen.
Das Kongressbad sperrt erst um neun Uhr auf. Das ist am ersten Tag der zweiten Hitzewelle immer noch früh genug, um entspannt hinzuradeln, das Wasser erfrischend zu finden und entspannt zurückzuradeln. Die Badbesuchenden machen einen routinierten Eindruck. Sonnengegerbte ältere Damen. Eine füllt eine Sprühflasche mit kaltem Wasser, als täte sie täglich nichts anderes. Eine andere hebt zu Wiener Nörgelton an, weil der Kartenleser am Einlass nicht unverzüglich auf die Karte der jungen Frau reagiert, die vor ihr in der Schlange steht. In der Stadt gibt es Trinkbrunnen, die auch Wassernebel versprühen. Im Straßengastgarten eines italienischen Restaurants innerhalb des Gürtels zückt ein recht blasser Mann einen Fächer, dem man auf den ersten Blick eine elegante Fächerhandhabung nicht zutrauen würde, aber er macht das ganz hervorragend.
“Die Wiese ist so trocken, hören Sie das nicht?”, fragt Leo Riegler. G. und ich diskutieren ergebnislos, ob man in diesen Zeiten noch Hunde an Wände pinkeln lassen kann, darf. Einerseits wäscht kein Regen die Hundepisse ab, andererseits trocknet sie schneller. “BrainDead” ist eine angenehm antiquierte Sommerserie (sie stammt aus 2016, Dank an Herr Kutter für den Hinweis). Space bugs infizieren die Gehirne politischer Akteur*innen in Washington. Viele Entwicklungen, die seit 2016 aufgetreten sind, werden vorausschauend dadurch erklärt: Verhärtungen politischer Fronten, der offensive Einsatz von Unwahrheit, die kalkulierte Herbeiführung von Kriegen, freihändiges Wedeln mit Terrorismuskarten. Eine kleine Gruppe aufrechter Personen (Demokraten und auch Republikaner, aber letztlich doch mehr Demokraten) kämpft dagegen — aussichtsreich, vermittelt die humorig pointiert angelegte Dramaturgie. Leo Riegler singt und spricht davon, die Wunschinsel seiner Zukunft vergessen zu haben, sogar das Meer, in dem sie sein soll. Strawberry Fields Forever.