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- 30 01 2004 - 20:27 - katatonik

Näher im Scheinwerferlicht

In der letzten Zeit einige US-amerikanische Dissertationen gelesen, Bereich Buddhismuskunde.

Es heisst auf Deutsch merkwürdigerweise immer noch überall, wohin ich blicke, “Buddhismuskunde”, “Buddhismuswissenschaft(en)” mag sich nicht so recht etablieren, und “Buddhologie” wird landläufig auf einen besonderen Forschungszweig innerhalb der Buddhismuskunde angewandt, nämlich die Erforschung von Lehren über einen Buddha, oder über mehrere Buddhas (je nach erforschter Tradition) und deren Eigenschaften. Man kriegt die “Kunde” einfach nicht weg. Ach ja, das englische “Studies”, kann man nicht so recht übersetzen.

Amerikanische Dissertationen zu lesen ist immer ein stilistischer Kampf, Krampf. Vielleicht bringt man das Studenten dort wirklich so unhinterfragt als mechanische Methode bei:

Sage immer genau, was du machst und schreibe dabei immer in der ersten Person Singular, belege jede Binsenweisheit mit einem Literaturverweis, suche dir ein Referenzwerk, an das du dich methodologisch hältst und greife dessen Terminologie so oft auf wie möglich, auch wenn inhaltlich nicht mehr dabei herauskommt als zum Beispiel “Texte richten sich an ein bestimmtes Publikum und das ist nicht immer mit dem Publikum identisch, das die Texte dann wirklich lesen”. Führe den Leser an der Hand eines einfachen “wir” durch eine Erzählung, lege deine Arbeit als Erzählung an, immer, aber als eine Erzählung der Analyse, vertraue nicht auf des Lesers Fähigkeiten, implizite Themenübergänge zu erkennen, lege alle Nähte deines Textes offenbar und zeige am besten, wie du sie nähst.

Nachdem wir im vergangenen Kapitel gesehen haben, dass sich Texte immer an ein bestimmtes Publikum richten, aber nicht so einfach herauszufinden ist, an welches Publikum sich dieser Text richtet, möchte ich jetzt Argumente dafür liefern, dass sich dieser Text an das Publikum A richtet. Dabei beziehe ich mich auf Sekundärliteratur B und C, der ich zustimme, während ich Sekundärliteratur D ablehne.

Diese Nähkästchen-Haltungsprosa ist nach einigen Dutzend Seiten ungemein enervierend, dieses divenhafte Auftreten, als wäre das Wichtigste an einer Dissertation, sich im Scheinwerferlicht in eine Richtung zu verbeugen und in die andere zu treten und gleichzeitig an den eigenen Argumenten zu sticken, aber immer in voller Beleuchtung der eigenen Person.

Zufällig gleichzeitig gelesen Howard S. Becker’s Buch “Die Kunst des professionellen Schreibens: ein Leitfaden für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Würde ich jedem Studenten empfehlen, rückt ein Verständnis von Texten als etwas, das man überarbeiten muss, an dem man arbeitet, in den Vordergrund, hab ich an der Universität zum Beispiel nie gelernt, das, und dann auch noch Ausführungen darüber, wie die Wahl gewisser komplizierter Ausdrucksformen zur Eingliederung in wissenschaftliche Gemeinschaften dient, diese Signalisierungsprosa, rites de passage – das passt schon, ja.

Leider nicht diskutiert wird das umgekehrte Problem, auch mein Problem: dass man Texte nicht mehr abschließen kann, nur ständig noch weiter überarbeiten. So eine Konsequenz der Computerisierung von Textabfassung, unter anderem. Dafür ist das Buch allerdings noch zu früh erfasst. Am Computer zu schreiben kommt darin schon, aber noch nicht als Problem vor.

Becker äußert übrigens in besagtem Buch auch die Ansicht, der Sozialwissenschaftler solle Passivkonstruktionen meiden und in Aktivkonstruktionen beim Subjekt immer so konkret wie möglich sein, nicht abstrakt bleiben. Also nicht von “gesellschaftlichen Zwängen” schreiben, sondern von den Akteuren, die sie ausüben, Organisationen, Menschengruppen, du und ich. Das ist so eine Merkwürdigkeit, mit der ich nicht zurecht komme: diese Identifikation von syntaktischer Konstruktion mit Ideologie, mit Methode. Die Ideologie scheint mir auch zu einfach: als ob es nur so konkrete Akteure gäbe, als ob Gesellschaften nur in Handlungsform beschrieben werden könnten. Die Verdammnis dann auch zu einfach: als wäre Abstraktion grundsätzlich von ideologischem Übel und diene der Verschleierung, des Versteckens. Wissenschaftliche Texte dienen, das wäre dann impliziert, der Entlarvung von Schändlichem. Analyse und Entlarvung, auch nicht dasselbe, oder.

Dass, um wieder auf die Dissertationen zurückzukommen, aus der Erzählung der Analyse dann oft eine Arbeit wird, die nur noch so tun kann, als würde sie etwas analysieren und nachdenken, das soll hier auch nicht unerwähnt bleiben.


Das "Ich" finde ich in wissenschaftlichen Texten noch peinlicher als das "Wir".

gHack (Jan 30, 22:30) #


Nicht prinzipiell, weder das eine oder das andere, zumindest im Englischen. Die Regel, ein bestimmtes Pronomen hätte in einem wissenschaftlichen Text nicht/nur was zu suchen, weil das unwissenschaftlich wäre, entspringt genau so einer merkwürdigen Gleichsetzung von Textform und Ideologie/Methode, die ich eigentlich nicht verstehe.

Besser ein ehrliches "ich" als sein unehrliches Fehlen, besser kein "ich", wo es nur als Scheinwerfer dient.

katatonik (Jan 30, 22:47) #


Ich hatte immer den Eindruck, dass nahezu alle anglo-amerikanischen Wissenschaftstexte etwas zwanghaft um eine Führung des Lesers bemüht sind. Natürlich ist das falsch: Sie haben sicher recht, dass es eher Dissertationen sind.
Ich kann mir unter wissenschaftlichen Texten eigentlich (mehr oder minder nur) Ethnografien vorstellen, in denen ein "Ich" (kein "Wir") einigermaßen funktioniert: wenn etwas erzählt wird. Nur sollte das "Ich" irgendwann auch verabschiedet werden. Ich konnte das noch nie gut ertragen, wenn in gut und schön erzählten Texten ein Autor irgendwann versucht, seine in Beschreibungen bewährte Erzählerperspektive in Analysen fortzuführen. Andererseits rede ich hier wahrscheinlich sowieso nicht von wissenschaftlichen Texten: denn der common sense derer, die die gleichen Themen wie Ethnologen behandeln, aber niemals "Ich", sondern eher "Wir" sagen (und immer in der Mehrheit sind), behauptet ja eh: Ethnografie sei keine Wissenschaft.

Peithenen (Jan 31, 01:50) #


"Wirerei und Ichwesen zwischen Einerseits und Andererseits." Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie odersoähnlich.

katatonik (Jan 31, 19:39) #


Heidegger Vollmilch-Nuss.

gHack (Jan 31, 19:47) #


schoko-trübnis.

katatonik (Jan 31, 19:56) #


howard becker ist ein guter. das Ich bei den amis den ihre dissertationen ist auch gerne authentizitätssignal. dieses, ich bin dabei gewesen. so ähnlich. Sie wissen schon, was ich meine

supatyp (Feb 3, 13:18) #

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