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- 4 07 2023 - 21:58 - katatonik

Moving parts

Freitags war mein Büro kahl. Schreibtisch, Laptop, Monitor, Tastatur, Bürostuhl. Liegestuhl, Decke. Gepackte Kartons. Die Regale weg, die Bücher weg, die Kästen weg. Pflanzen, die die pandemiebedingte längere Abwesenheit von allen Menschen — mit Ausnahme der grünbedaumten Putzhilfe — überlebt hatten, aber als die dann in Pension ging, jämmerlich verreckten.

Es war unwichtig. Die action war freitags im Seminarraum des Instituts: jährliche Sitzung – erstmals seit Pandemiebeginn wieder live – des wissenschaftlichen Beirats des Instituts, die in verschiedenen Blöcken und personellen Zusammensetzungen einen ganzen Tag lang in Anspruch nimmt. Die Packer waren instruiert, diesen Tag Pause zu machen. Man kann nicht Beirat betüteln und Umzugsfuzzis betüteln, gleichzeitig geht das nicht. Nachmittags führten wir den Beirat in das neue Gebäude, das Otto-Wagner-Gebäude schlechthin, da ziehen wir hin, so wie viele, viele andere, und fragen uns, ob wir da reinpassen. Der Beirat war entzückt, hey, es ist Otto Wagner, und unsere Bedenken wegen Fünf- und Siebenpersonenarbeitszimmern, sie verblassten vor der Raumsituation in London, Zürich, Heidelberg, wo Beiratsmitglieder herkamen.

Abends dann traditionell das Essen mit allen, die wollen, das ganze Institut plus Beirat; es endet immer mit Schnaps, diesmal Birne, erstmals seit 2019 wieder, und, man glaubt’s nicht, das hat wirklich niemand gesagt, obwohl alle, ja, so froh, in personam ist das doch wirklich was anderes, viel konstruktiver, produktiver (und es stimmt).

Montags ins neue Büro, wo die noch leeren Regale schon aufgebaut sind. Letztabstimmung von Regalpositionen, hier was tauschen, dort bitte noch dafür sorgen, dass die Steckdose, jetzt hinter dem Regal, noch verwendbar ist; der Tischler wird ein Loch ins Regal bohren, der ist super, sag’ ich Ihnen, ein Topmann. Ich öffne das Fenster, wieder ein altes Kastenfenster, sowas, und schon höre ich von draußen das Krckswiwi eines männlichen Rotschwänzchens, das ist erfreulich. Ich habe Heilige um mich, die die Feinabstimmung des Einzugs vornehmen, die sagen, wo was hingehört, die bleiben, die fehlende Schrauben in Schränken monieren, die anrufen, bei Stellen irgendwo im Hintergrund, von denen ein Nebel an Dysfunktionalität zu uns wabert. Die Außenjalousien funktionieren nicht, also wirklich alle, tja, schon blöd, wo doch die Klimaanlage, die viel gepriesene, auch nicht, tja.

“Alles modern Geschaffene muß unser eigenes besseres, demokratisches, selbstbewußtes, unser scharf denkendes Wesen veranschaulichen”, schrieb Otto Wagner 1913, und als ich dann im Café Exchange in der Kassenhalle meinen ersten Matcha Latte nehme (anständig, schön bitter, nicht einer von der picksüßen Variante), denke ich daran, wie wir in diesem Gebäude eine Art von Forschung durchführen werden, die die Prämissen dieser zentraleuropäischen Moderne in ein anderes Licht rücken können, unterlaufen können, ihre Selbstverständlichkeit in Frage stellen, dezentrieren. Mal schauen, wie das so wird.

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