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- 17 06 2007 - 23:58 - katatonik

Begutachten, sehr schön

Sehr schön. Erstmals von den Herausgebern eines Sammelbandes gefragt worden, ob ich einen Beitrag begutachten möchte. Trotz anderweitigen Zeitdrucks möchte ich. Ja, das hat auch mit Eitelkeit zu tun, aber das müssen die Herausgeber ja nicht wissen. Die denken sicher, ich mache das aus purem fachlichen Interesse, unterfüttert von reiner Redlichkeit.

Der Verfasser des Beitrags erwähnt einen altindischen Text, den ich nicht so gut kenne. Das ist nicht ungewöhnlich; deren gibt es viele. Verdammt viele.

Ich betätige zunächst Google scholar, um möglicherweise einige rasche Verweise auf den Text zu erhalten – aktuelle Diskussionen über sein Alter etwa. Mal sehen, ob es zu so exotischen Dingen etwas gibt.

Ich lande bei einem Artikel aus einem Online-Journal, der zunächst den Satz, von dem ich im zu begutachtenden Beitrag ausgegangen war, wortident enthält. Gut, das kann Zufall sein, denn immerhin handelt es sich um einen generischen Satz wie “The Suchandsuch is one of the oldest parts of the Soandso collection”.

Aber die weitere Lektüre bestätigt das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt: Einen ganzen Abschnitt seines Beitrags hat der Vefasser des zu Begutachtenden aus ebendiesem Online-Aufsatz übernommen, teils mit geringen Anpassungen (“from this perspective” wird zu “from this standpoint”, sowas in der Art), die eines österreichischen Wissenschaftsministers durchaus würdig wären. Die Quelle ist nicht als solche vermerkt, nirgends.

Noch dazu hat der Verfasser auch noch einen Abschnitt aus dem Online-Dingens übernommen, in dem eigentlich ein Übergang von einem (gekennzeichneten) Referat der Auffassung eines gewissen Gelehrten zu deren möglicher Erweiterung auf ein anderes Gebiet stattfindet. Der Übergang ist entfallen; im Plagiat erscheinen beide Passagen als Teile einer Gesamteinschätzung.

Damit ist der Beitrag für mich erledigt. Ich empfehle den Herausgebern, ihn nicht zu publizeren.

Das Plagiat beschränkt sich zwar auf einen Abschnitt, der eigentlich für das Thema auch nicht zentral ist, doch seine Dreistigkeit genügt, um den Beitrag inakzeptabel zu machen – um den Schluss, dass der Verfasser sehr grundsätzliche Regeln akademischer Aufrichtigkeit nicht kennt, zu rechtfertigen. Sehr schön.


Miss catatonique and the case of the cancelled catalogue

goncourt (Jun 18, 00:25) #


Das ist ja krass.

Ich schließe daraus, dass bei Ihnen nicht blind reviewt wird? In meinem Fach ist das eher üblich, weshalb solche Funde dann auch auf ein (weniger schlimmes, aber auch doofes) Selbst-Plagiat deuten können.

der (Jun 18, 12:25) #


In diesem Fall wurde nicht blind gereviewt (keine Ahnung, warum nicht), sonst meist schon.

Aber es ist eine interessante Frage: Wie kann man bei blinden Begutachtungsverfahren derlei dreiste Plagiate von Eigentext-Doppelverwertung unterscheiden?

katatonik (Jun 18, 17:44) #


Nun, wer einmal lügt…, derjenige wird aus verschiedenen Quellen von verschiedenen Autoren ohne Zitatennachweis zitieren

seewolf (Jun 19, 15:56) #


hei, da gehts ja zu wie im wilden westen.

dem plagiator mit einem dicken fetten sammelband eins überbraten, am besten.

caru (Jun 21, 08:34) #


oder ihn mit dem früheren nichtvorhandensein des sammelbandes ersticken.

katatonik (Jun 21, 21:06) #


Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Begutachtungsangetragenwordensein, dann zur Entscheidung. Find ich übrigens von der Sache her weder ungewöhnlich (natürlich schon dreist), noch denke ich, dass es ein neueres Phänomen ist. Damals waren ja auch die Zitierregeln noch anders. Der digitale Zugriff auf Texte macht’s nur besser bemerkbar, und ich will jetzt auch noch mal schnell in Google Scholar kucken, was ich da zu meinem Thema finde. Hah .

züccaciye (Jun 23, 17:17) #

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