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- 19 01 2004 - 00:54 - katatonik

Partizip perfekt

Einen Kater mit Baldriantinktur wahnsinnig gemacht, scheinbar interessierten und nur zu geringem Anteil schlafenden Menschen mit brüchiger Stimme etwas über buddhistische Erkenntnistheorie und Logik erzählt, von insgeheim süßigkeitsbesessenen Obergurus und ihren Ehefrauen und ihren Obergurufreunden das Duwort angeboten bekommen, von den Obergurus auf Rotwein und Rinderleber eingeladen worden und dann noch nach Hause gebracht in die anheimelig-kuschelig eingerichtete, über alle Maßen traurige Erdgeschoßwohnung einer gerade ihr Elternhaus hütenden Bekannten, Kaffeelikör getrunken,

am Institut DTDs für die Katalogisierung von Sanskrithandschriften besprochen, mit Lieblingskollegen oder wie man so sagt vietnamesisch gegessen, dabei von innerbhutanesischen Ethno- und Sozialkonflikten erfahren und wie der zum Tragen des Traditionsgewandes gesetzlich verpflichtete Bhutanese unter selbigem Jeans trägt und sein Traditionsgewand durch geschickte Faltung zum Instant-Umschaltvorhang zwischen Tradition und Moderne (haha) gestaltet, hervorragenden Süßklebreis genossen, buddhismuskundlichen Mütterlichkeits-Feminismus gemeinschaftlich gedisst, dazu Weißwein,

von einem Weblogsuperstar auf frankophiles Katerfrühstück inklusive Cornichons eingeladen worden, ja, ganz ohne Baldrian, haha, viel gelacht, einer Dame den abgerissenen Regenschirmknauf im Bus nachgetragen, von der Dame den Regenschirmknauf brüsk und wortlos aus der Hand gerissen bekommen, beim Aussteigen aus dem Bus und Verabschieden vom Weblogsuperstar zufällig ein SMS vom anderen Weblogsuperstar gekriegt und gelacht, weil die zwei gemeinsam ihr Weblog betreiben, einander aber noch nie dreidimensional oder wie man so sagt getroffen haben,

im Supermarkt Cornichons gekauft, dem Verkäufer bei Zweitausendundeins nicht gesagt, dass mir Bachsche Gitarrenmusik am A**** vorbeigeht, Helmut Qualtingers böseste Lieder gekauft, weil dazu fährt man ja nach Hamburg, gellja, Kanupaddlern auf einem Drecksgewässer zugesehen, Kaffeelikör getrunken und dazu Qualtinger gehört und überlegt, ob dazu besser Rosamunde-Pilcher- oder Marlene-Streeruwitz-Lektüre passt, Streeruwitz gelesen, nach einigen Seiten schon gegrämt, dann doch bis zum Ende weiter,

aus dem Bioladen in der Altonaer Straße noch schnell den Halbjahresbedarf dort selbst gemischter Ayurvedatees besorgt, Kaffeelikörbestände ergänzt, vor der Roten Flora den anderen Weblogsuperstar getroffen, mich von ihm auf eine Kette unzählbarer Tannhäusler-oder-wie-immer-die-heissen-Biere einladen lassen und Kennenlerngespräche weit über das Kennenlernen hinaus geführt, bis er dann meinen Redeschwall nur durch eine gekonnte Flucht in den Sperrt-Samstags-um-sechs-Supermarkt abbremsen konnte, den reizenden jungen Herren bei Zardoz noch ein paar CDs abgekauft, auf denen kein Qualtinger sang, und ihren liebevoll gestalteten Yma-Sumac-Schrein fotografiert,

er- und angeheitert im entlegenen Heim der Altfreunde angekommen und mit ayurvedischem Kokushuhn bekocht und Rotwein getrunken und Geschichten getauscht, gehandelt, geschenkt, ein Kaffeelikör geht noch,

zum Frühstück waren noch Cornichons da, in den Glascontainer hätte man eigentlich nur werktags zwischen neun und fünf Uhr einwerfen dürfen, aber leere Kaffeelikörflaschen kann man doch nicht in Gastwohnungen, nein, also wirklich, in die Gundlach-Sammlungs-Fotoausstellung gegangen, durch die Speicherstadt spaziert, gefroren und anlässlich sonntäglicher Ausflugsspazierer unerwartet genervt geworden, in diesem einen asiatischen Restaurant da den Lachs in Zitronenblatt mit der Kokos-Koriandersauce gegessen,

aus dem Bus später in den trüben Donaukanal geschaut und mich gefragt, warum man schon den Dreckswässern das Lebensgefühl einer Stadt ansehen kann, dort wie hier.

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