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on the road - 24 06 2018 - 17:39 - katatonik

Kaffeekauf in Beijing, 2018

Kaffee morgens muss sein, am besten Espresso oder etwas, das in diese Richtung tendiert. Daher besitze ich ein Aeropress, mit dem sich Espresso ohne Elektrizität approximieren lässt. Für Reisen nach Ostasien perfekt, da man dort überall Heißwasserkocher vorfindet.

Gemahlenen Kaffee zu bekommen, nun ja. Auf der aktuellen Reise nach China hatte ich zwei 250-Gramm-Packungen dabei, das hielt etwas mehr als zwei Wochen an. In Beijing gibt es mittlerweile mehr Kaffee als noch vor sechs Jahren, auch mehr als noch vor zwei, bei meinen letzten Besuchen. Einige der 24-Stunden-Läden verkaufen St*rb**ks-Lattevariationen im Kühlregal, überraschenderweise scheint sich die japanische Kalter-Kaffee-in-Dosen-Manie aber nicht so stark durchgesetzt zu haben.

Heute mittags schaffte ich es nach einem erschöpfenden (weil Hitze) langen Spaziergang durch den “Olympic Forest Park” vor der Rückkehr ins Hotel in einen nahegelegenen etwas luxuriöseren Supermarkt. Er befand sich im Keller eines Einkaufszentrum, in dessen Erdgeschoß polierte Läden fein verpackte Süßigkeiten verkauften, ein internationales Fest der Flaumigkeit im kulinarischen Bereich, von Taiwan (ja, Taiwan) bis nach Frankreich.

Supermärkte scheinen sich hier etwas Marktartiges bewahrt zu haben, jedenfalls war dies der zweite ebensolche, in dem Verkäufer/inn/en in den einzelnen Abteilungen (Fleisch, Fisch, Dumplings, Sushi, Obst, Gemüse …) auch marktschreierisch auftraten und ihre Sonderangebote oder Ähnliches anboten.

Zwischendrin gab es einen auffallend ruhigen Stand, der mit “Breakfast” überschrieben war; etwas irreführend, weil es Kaffee gab, und nur Kaffee. Es gab abgepackte Kaffeebohnen, aber auch Kaffeebohnenspender, aufgereiht, sechs Stück. Davor stand eine Verkäuferin, die Kunden beriet und auch Kaffee mahlte.

Sie bediente gerade eine ältere Dame, die sich 100g Kaffeebohnen aus Kenia mahlen ließ (28 RMB, das sind so ca. 3,7 EUR). Ich stand hinter der Dame; die Verkäuferin bewegte sich langsam, bedachtsam, sorgsam; nach dem Mahlvorgang füllte sie sorgfältig einige der in einem Transferbehälter übrig gebliebenen Bohnen wieder in den angestammten Speicherbehälter zurück. Hätte sie dazu eine Pinzette verwendet, wäre ich nicht überrascht gewesen, so aufmerksam behandelte sie Bohne um Bohne.

Ich entschied mich dann per Handzeichen für eine der mehreren angebotenen Kaffeesorten (“Kenia” klingt für Kaffee doch nicht schlecht). Die Verkäuferin musste auf die andere Seite des Standes wechseln, um die Packung für den gemahlenen Kaffee zu holen. Da sah ich erst, dass, was ich für ein Abtrennungsseil gehalten hatte, das Kabel der Mahlmaschine war, das quer durch den Stand gespannt war, weil die Steckdose nun einmal ganz woanders war.

Jedes Mal, wenn jemand Kaffee gemahlen haben möchte, zieht also die Verkäuferin den Stecker, legt ihn sorgfältig ab, damit nichts herumhängt, und wenn sie die leere Packung aus dem Regal auf der anderen Seite geholt hat, nimmt sie den Stecker wieder auf und steckt ihn ein. Sie tut dies mit einer Eleganz, mit der Präsidentengattinnen oder Königinnen irgendwelche festlich gespannten Bänder durchschneiden, um Schulen oder sonstwas einzuweihen (machen dies das noch?). Und davor deutete sie mir, mich doch bitte zu setzen, auf einen der bereitgestellten barhockerähnlichen Hocker. Ich setze mich, befürchtend, ansonsten die Dramaturgie zu stören. Kurz wurde ich noch zum Mahlgrad befragt, selbstverständlich.

Der Kaffee wird gemahlen, verpackt, die Sorte handschriftlich draufgeschrieben, und wieder: im Transferbehälter verbliebene Bohnen werden einzeln wieder rückgefüllt. Nichts geht verloren, nichts wird ignoriert. Die Substanz Kaffee genießt stille Aufmerksamkeit inmitten der Fleischmarktschreierei; ich verbeuge mich zum Abschied.

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