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- 14 09 2004 - 22:14 - katatonik

A.-san, die Schwiegertochter des Libellenforschers

Vor Jahren hatte ich ihr Deutschunterricht gegeben, anfangs in einer billig-schmuddeligen privaten Sprachschule, dann, als sie und ihr Mann aufs Land in die Nähe der Universität Hiroshima gezogen waren, privat, einmal pro Woche in der Universitätsmensa bei gruseligem Tee. Sie wusste mehr über deutsche Grammatik als ich und konnte sie auch besser erklären. Sie wollte gerne wieder studieren, jetzt, wo ihre Tochter erwachsen und aus dem Haus war. Das würde sie auch heute gerne noch. Das viele Geld hielt und hält sie davon ab. Hat sie es nicht? Hat ihr Mann es nicht? Kommt die Tochter zu teuer? Ist ihr Mann dagegen? Will sie nicht wirklich?

Nach ihrer Heirat war sie, nach abgeschlossenem Anglistik-Studium und kurzer Arbeit als Frontfrau in einer Bank, mit ihrem Mann nach Westjapan gezogen. Ihr Heimatort war im Osten, nordöstlich von Tokyo.

Sie las gerne Karl May und erzählte mir, wie sehr sie seine Beschreibungen des Lebens nordafrikanischer Nomaden faszinierten. Das wären keine Beschreibungen, meinte ich, sondern Fantasien, Fiktionen von jemandem, der nie aus Deutschland … es kümmerte sie nicht. Wir sprachen weiter von Karl May, dem grossen deutschen Ethnographen.

Nachdem sie und ihr Mann eine Weile da draussen, bei der Universität, gelebt hatten, zog sein Vater ins Haus, krankheitshalber. Etwa zur selben Zeit starb ihr Vater – oder war es ihre Mutter? Ein Elternteil starb, der oder die andere blieb allein zurück. Sie begann, öfter dorthin zu fahren, ganz in den Osten Japans, den überlebenden Elternteil zu pflegen. Vor zwei Jahren oder so starb er, sie, starb.

Ihr Schwiegervater war früher Arzt gewesen. Er erzählte gerne Geschichten von damals, sagte sie in der Universitätsmensa mit einem verrutschten Lächeln. Damals war er Militärarzt in Vietnam gewesen. Er hatte eine vietnamesische Krankenschwester geliebt. Sonst war nichts angenehm gewesen da.

Der Schwiegervater war Libellenforscher, ist es noch. Odonatologe, so heisst das. Heute lebt er wieder allein, ist ausgezogen. Er ist 91 und es geht ihm gut. Er war auf allen möglichen Libellenkongressen, in Slowenien, in Russland. Diesen Juli begleiteten sie und ihr Mann ihn nach Deutschland, zum Libellenforschertreffen in Schwerin. Am Rückflug wurde der alte Mann krank. Vom Flughafen in Japan aus sass er im Rollstuhl. Mittlerweile geht er aber wieder, und sie lächelt.

Sie hätte mich gerne in Hamburg getroffen. Aber ich war nicht mehr da.


das foto ist schick ,wenn es auch nach herbst aussieht

dr.nemo (Sep 20, 17:49) #

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