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- 4 04 2003 - 08:49 - katatonik

Vom Schreibtisch gehört

Vorgestern nachmittags, als meinereiner wieder einmal in Versonnenheit über der Frage brütete, ob ich mir für eine Buchbesprechung in einer hoch-ehrenwerten wissenschaftlichen Zeitschrift einen Stil gepflegter ärmelschonerischer Mutmaßlichkeit zulegen sollte oder doch einfach die mir angestammte Mischung aus Spaßansatz und Bodenstand durchziehen,

also während ich in Versonnenheit den Kaffeefleck am Schreibtisch des hiesigen Institutsbüros musterte, den freizugeben mein Notebook extra drei Zentimeter nach hinten gerutscht war und nun schäbig grinste,

also da fing das plötzlich an mit den Polizeisirenen.

Überraschend war das nur momentan, aber nicht im Prinzip, denn in Universitätsnähe hört man hier recht oft Polizeisirenen, insbesondere seit die hiesige Stadtregierung begonnen hat Bauwagenplätze, auf denen Leute wohnen, aufzulösen und die somit Aufgelösten und die, die das auch interessiert, gerne demonstrieren. Hier gibt es keine Demonstration ohne Sirenengeheul.

Freitags nachmittags mich dem Dammtor vom Gänsemarkt aus genähert. Da standen lange Kolonnen unterschiedlich großer Polizeifahrzeuge rum. Plötzlich fuhren alle wie auf Signal – was heißt: wie auf Signal, da war sicher auch ein Signal – ab. Ein versprengtes Grüppchen backwarengenießender Passanten sah sich um, aber außer abheulenden Polizeifahrzeugen war nichts zu sehen.

Also vorgestern, während ich das Textverarbeitungsprogramm resolut sämtliche Vorkommnisse des Wörtchens “wohl” aus der entstehenden Buchbesprechung entfernen ließ und mich dann an die verbliebenen “man wird”-Konstruktionstorsi machte, da wollte das gar nicht mehr aufhören. Viele Sirenen, immer wieder, Geheul.

Da der Schreibtisch etwa zwei Blocks von der US-amerikanischen Botschaft residiert, kamen Gedanken in Richtung möglicher Gefährdung auf, hatten aber der Empirie gegenüber keine Chance: Man weiß hier einfach, dass Polizeigeheul Demonstration bedeutet und dass die Gefährdung im Rahmen der berechenbaren Konstellation Flaschenwurf vs. Wasserwerfer bleibt. Der Gedanke, Polizeigeheul könne Attacken mit geruchfreiem Giftgas oder explosiven Substanzen von finstren Mächten bedeuten, nein, der kommt durch diese Kondizionierung nicht durch. Insofern sollten aufrechte und gelassene Demokraten der Stadtregierung dankbar sein, weil sie unablässig betont, dass Sicherheitsgeheul bei Nutzung demokratischer Grundrechte eintritt. (Abt. Sichtbarmachung demokratischer Grundrechtnutzung, Unterabteilung Akustik.) Danke, Stadtregierung.

Gestern dann stand der Laptop auf einem Schreibtisch im Keller, in der Bibliothek. Dort gab es keine Kaffeeflecken und er grinste nicht. Fein. Plötzlich erbgutveränderndes Sirenengeheul im Gebäude selbst. Alarm? Probealarm? Niemand im Gang. Wieder zurück, Laptop retten? Tief einatmen wg. Kraftschöpfen für Sprint nach draußen durch Flammenmauern oder flach atmen wg. Begrenzung eingeatmeter Giftgasmengen? Ist denn hier niemand? Kollege A kommt entgegen und sagt: raus. Ich laufe zurück in den Keller, wo ich noch Kollegin B wähne, die auf Rettung wartet. Vor dem Aufzug steht ein Herr in Arbeitsanzug und öffnet einen Kasten. Er sieht mich an und murmelt: “Probealarm”. Tief durchatmen wg. Erleichterung.

Wie ich den Staubknäueln im Eck immer wieder predige: nur nicht verunsichern lassen.

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