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- 19 08 2003 - 23:44 - katatonik

Kindergeburtstag, Hodenbaden

Ich unterbrach meine Versuche, die Ausführungen eines tibetischen Gelehrten aus dem 17. Jahrhundert über die Kapitelreihenfolge eines indischen Textes aus dem 7. Jahrhundert zu verstehen, um erwartbaren Menschenaufläufen in der Nachbarschaft des 21. Jahrhunderts beizuwohnen, die die Entlassung des Hamburger Senators Ronald Barnabas Schill feierten.

Entlassung, Rausschmiss, gefeuert. Raus aus der Politik so wie raus aus der Fabrik.

Am Weg zum Menschenauflauf ging ich an einem Eckhaus vorbei, an dem ich fast jeden Tag vorbeigehe, und an dessen Wand jemand “Hodenbaden” gesprüht hat. An diesem Abend nun begab es sich, dass aus der einen Gasse eine nicht enden wollende Reihe von playmobilartig anmutenden Demopolizisten kam, die an eben diesem Eckhaus abbog, sich in gemächlichem Marsch an “Hodenbaden” vorbeibewegend. Ich lachte hysterisch.

Nein, eigentlich kann ich das nicht sagen. Hätte mich jemand beobachtet und gehört, hätte dieser jemand gut meinen können, ich hätte hysterisch gelacht. Aber “hysterisch” ist kein Attribut, mit dem man sein eigenes Gelächter bedenkt, so im allgemein Gebräuchlichen.
Ebensowenig, wie man sagen kann, “A drohte, im Falle von X öffentlich publik zu machen, dass ich meiinen angeblichen Lebensgefährten B zum Kaiser von China gemacht hatte”.” Für A ist der Lebensgefährte nicht angeblich, und wenn A drohte dass, dann usw. usf. Geht nicht so. Aber, wie Barfrau M. sagte, in etwas anderen Worten: “Geht die Würde, dann geht die Grammatik gleich mit.”

Über zweihundert Meter hinweg wohnte ich einem Menschenauflauf bei und inne, der sich unter Partymusik, von einem Lastwagen dröhnend, von der Flora zum Pferdemarkt bewegte. Dort stand ein Wasserwerfer. Alles kam zum Stillstand. Menschen stellten eine große Aufblasfigur auf, so ein Playmobil-Polizist, genau vor den echten Playmobil-Demopolizisten. Es war lustig. Eigentlich war alles lustig, weil alle lustig sein wollten und froh waren. So einfach ist es. Da schreit man demonstrationsjahrhundertelang “Schill muss weg”, und dann kommt der Moment, wo man schreien kann “Schill ist weg” – in den Gesichtern derer, die das Schreien, dieses fast ungläubige staunende Breitlachen, dass das jetzt wirklich stimmt, so ist, nicht mehr werden muss.

Ich ging weiter, während auf polizeiliches Lautsprechergeheiß “Wagen 1” (der Wasserwerfer) “muss zurücksetzen, damit das Lautsprecherfahrzeug” (der Demo-Musiklastwagen) “wenden kann” der Wasserwerfer zurück und der Demolaster nach vorn rollten. Die Menschen bogen ab.

Ich nicht, ging weiter in das Lokal in dem Haus, wo ich früher gewohnt hatte, und von wo aus vor einigen Monaten leicht Fotos von Playmobil-Demopolizisten zu machen waren, so von oben. Dort trank ich Bier und unterhielt mich mit der freundlichen Bardame. Ein Mann kam an und fragte, was denn so los sei in der Stadt, weil er mit seinem Auto nicht durch die Schanzenstraße käme, und er wäre doch grad erst angekommen und weg gewesen. Dem Mann wurde mitgeteilt, dass. Er freute sich.

Am Rückweg standen so am Wegesrand, fast wie beiseite gelegt, fünf, sechs große Polizeibusse da. Polizisten und -innen außerhalb, rumlungernd, irgendwie gelangweilt. Aus Wagen eins kam der Polizeifunk: “vor der Flora etwa 500 Personen, Kindergeburtstagsstimmung”. Beim letzten Wagen wiederholt ein junger Polizist, locker auf so einem Metall-Gehsteigsbegrenzungsbügel hockend, “he, Flora, Kindergeburtstag”. Fünf, sechs andere junge Polizisten und -innen lachen. Ich gehe grad vorbei, lache mir sowieso einen ab und dann eben einfach mit.

Vor der Flora gibt es schnelle, harte Musik, so Stadtrauminbesitznehmungsstampfmusik, und Leute hüpfen rum. Andere gehen rein, aber da muss man Eintritt zahlen. Ich habe keine Lust. Da ist etwas an dieser Partypolitikberauscherei, was mich abstößt. Weiß auch nicht genau, was. Ich geh nach Hause, so.


hab heute auch ganz heimlich und ohne grosse partystimmung mit freunden ein kleines bier auf die nette hamburger kleinigkeit getrunken. prost.

snvl (Aug 20, 01:55) #


wenn ich mir (zumindest die bremer) bereitschaftspolizei so von hinten ansehe, muß ich immer an die "playstation-polizei" denken:
die haben so grupenzugehörigkeits-(hundertschaften?)-symbole hinten drauf. lauter kreise, dreiecke und quadrate.

wie die playstation-steuerung halt.

sticky shanghai (Aug 20, 15:20) #


Na, Playmobil ist schon richtig. Unzerbrechlich, kindgerecht.

gHack (Aug 20, 15:45) #


der hodenbaden-mann war uebrigens auf unserer party (jungfilmer, sie wissen schon)... ebenso "sammelt obstkerne".

mutant (Aug 20, 19:38) #


echt, der war das? kommt in meinen lebenslauf. bremen 2003: den hodenbaden-graffiteur aus hamburg unbekannterweise kennengelernt.

katatonik (Aug 20, 21:08) #

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