Go to content Go to navigation Go to search

- 27 11 2004 - 18:51 - katatonik

A West Wing moment

In West Wing gab es immer wieder ernsthafte internationale Vorfälle – Bomben hie, Nuklearexplosionen, Dissidenzkrisen -, die aber bislang in ihrer dramatischen Wirkkraft auf eine Episode beschränkt blieben und dort mit präsidialer Hemdsärmeligkeit und einem aus Cowboy-Brouhaha und Shakespeare-Rezitation gepanschten Humorcocktail in Nachdenklichkeit aufgelöst wurden. Das Gute wurde beabsichtigt, ja, in hemmungsloser menschlicher Größe, und wenn es sich nicht durchsetzte, liess man Belegschaft ebenso wie Zuschauerschaft wohlmeinend grübelnd zurück. Präsident und Mitarbeiterstab ließ sich von Botschaftern (m/w) und Gesandten (m/w) anderer Länder sprachlos beeindrucken und belehren – eine Sprachlosigkeit, die etwas später gern in philosophischen Sentenzen und Dialogen im Stab aufgefangen wurde. So wurden allerlei Krisen bislang episodisch bewältigt oder zumindest so weit eingedämmt, dass man ihnen in der nächsten Episode keine Aufmerksamkeit mehr schenken musste.

Mit Ende der fünften Staffel verlagert sich der Schwerpunkt in den Nahen Osten. Die Fiktion schliesst zur politischen Realität auf. Eine amerikanische Delegation bereist Israel. Bei einem Attentat in Gaza werden einige Kongressabgeordnete sowie Admiral Fitzwallace getötet. Donna, die enge Mitarbeiterin des Deputy Chief of Staff Josh Lyman, wird schwer verletzt. Die Staffel endet offen: Noch hat Präsident Bartlett nicht beschlossen, wie die USA auf diesen schweren Anschlag reagieren werden.

Die sechste Staffel beginnt an einer tiefen Kluft: Seine Umgebung drängt den Präsidenten zu militärischer Vergeltung. Der Präsident aber will nicht. Es gelingt ihm und seinen Mitarbeitern mit trickreicher Hemdsärmeligkeit, ein hochrangiges Treffen von Israelis und Palästinensern in Camp David herbeizuführen. Die Verhandlungen sind, wie so oft in dieser Serie, Kabinettstücke in unterschwelliger Fernsehpolitikerziehung, die nicht pädagogisch sein will. In drei, vier Szenen wird das Strittige im Streitgespräch vorgeführt, und dann hat man verstanden: Jerusalem, Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge, Antisemitismus, Führungsschwäche der palästinensichen Regierung. Es kommt zum Bruch zwischen dem Präsidenten und seinem Stabschef Leo McGarry, der hernach allein im nebligen Wald von Camp David eine Herzattacke erleidet.

Die Gespräche entwickeln sich aber verhältnismäßig gut. Eine Friedensmission wird beschlossen. Amerikanische Truppen werden nach Israel und Palästina entsandt, um die Situation zu entschärfen.

In der bislang letzten Episode werden die amerikanischen Soldaten dann angegriffen. Es gibt Tote und Verletzte. Die Mission wird aber nicht abgebrochen. Der Stab schreitet ans Krisenmanagement.

Der Präsident besucht die verletzten Soldaten im Krankenhaus. Sie liegen gemeinsam in einem Krankenzimmer, die Betten im Kreis angeordnet. Präsident Bartlet geht von Bett zu Bett und spricht leise mit den Verletzten. Wie immer sind seine begleitenden Mitarbeiter – Claudia Jean Cregg, mittlerweile zum Stabschef befördert, und der für diesen Job gänzlich ungeeignete Interim-Pressesprecher Toby Ziegler – beeindruckt davon, wie der Präsident mit Menschen sprechen kann, wie er auf sie zugehen kann. Ein junger weißer Soldat ohne Beine sagt, er möchte sofort wieder nach Israel zurückgehen, wenn er wieder gesund ist. Was er tun könne, fragt der Präsident einen schwarzen Soldaten. Beten. Präsident und Soldat halten einander Hand und beten ein Vaterunser.

Da ist irgendwo ein Sprung, der mich erstaunt hat: Dem Publikum wird ein schwer zu verdauender Brocken bruchlos selbstgerecht ins Bild gezerrter Ideologie aufgezwungen, ohne die Würzung der Nachdenklichkeit, die Stimmen und Bilder der außeramerikanischen Wirklichkeit in anderen Situationen, in vorangegangenen Staffeln, so oft brachten. Armee und Präsident sind plötzlich eins. In der Abgeschlossenheit des Krankenzimmers bleiben nur noch Soldatenehre, Staatsträgerei und Gott. Das war unerträglich. Ob es etwas zu bedeuten hat?


Ich weiss schon, warum ich lieber gleich "Spongebob Schwammkopf" gucke.

gHack (Nov 27, 20:00) #


Stimmt, von subozeanischen Nahostkonflikten bleibt man dort unbehelligt.

katatonik (Nov 27, 21:35) #


Ich bin ja West-Wing-Anfänger und erst am Ende der ersten Staffel (ich habe auch gar nicht weitergelesen bei Ihnen jetzt, nur beim Überfliegen irgendwas von Herzinfarkt mitbekommen: das muss reichen). Ich hatte bisher nur einen indisch-pakistanischen Grenzkonflikt, der per Installation einer herrlichen britischen Witzfigur über wenige Episoden hinweg zu einem glücklichen Ende aus Zuckerbrot und Peitsche geführt wurde. Vielleicht haben die hurraethischen Lösungsansätze, deren etwas bösartige Beschreibung Sie da geben, aber wirklich etwas mit jeder Ethik zu tun: eigentlich hat sie für das Böse und für mancherlei faktische Sturheit keine Verwendung, für die alltägliche erratische Dummheit und durch gutes, humorvolles Zureden auch nicht zu überwindende Beratungsresistenz von Macht und Geld. Was fängt man an mit der Ahnung, dass die Politik oder gar das wirkliche Leben doch ein bisschen was anderes sind als ein Ethikseminar? Und dass die Wirklichkeit überhaupt anders aussieht als Fälle, über die man mit Witz und Scharfsinn streiten kann. Aber ich bin mir eben nicht sicher, ob das gegen das Konzept von West Wing spricht. (Vielleicht lässt es sich irgendwann nicht mehr ertragen, aber ich bin ja Anfänger.)

P.S. Ich klicke immer Remember Me bei Ihnen und dann werde ich nie remembert.

Ekkehard Knörer (Nov 28, 16:15) #


Es gibt unter den amerikanischen West-Wing-Anhängern offenbar ein allgemeines Unbehagen hinsichtlich der Entwicklung der Serie seit dem Ausstieg ihrer Erfinder, das sich mittlerweile in dem Aufruf manifestiert, die Serie abzusetzen:

"Despite their devotion to these characters and this world, Sorkin and Schlamme's departure left the staff worried. And as season five unfolded with episode after episode featuring unrecognizable characters, dull dialogue, and trite, overdramatic plots, the staffers commiserated on the downfall of their favorite show. (...) The show careens ever closer to being completely unwatchable (...)" (Don't Save Our Show!)

Ich kann das aber alles nicht beurteilen, da ich erst die vierte Staffel abgeschlossen habe.

Zur Ethikfrage: Vieles, was bei West Wing (jedenfalls in den ersten Staffeln; auch in der vierten Staffel kommt es ja zu einem vom Präsidenten angeordneten Auftragsmord) als Ethik daherkommt, ist oft auch wieder Ideologie und "partisan politics" - in diesem Falle zwar die Ideologie eines Hollywood-Liberalismus, den sich da jemand in eine Regierung hineingeträumt hat, der ein bisschen an die Clinton-/Gore-Jahre angelehnt ist, in dieser Form aber vermutlich nicht mehrheitsfähig wäre und uns manchmal etwas niedlich, rührend, naiv vorkommt, der in den USA allerdings von einigen als das Böse schlechthin betrachtet und bekämpft wird. Dass bei West Wing die Ethik manchmal über die Interessenpolitik siegt, mag uns unwahrscheinlich und idealisiert vorkommen. Begreift man sie jedoch weniger als Ethik, sondern eher als umkämpftes ideologisches Rüstzeug und Marschgepäck einer Partei oder eines bestimmten Parteiflügels, kommt uns das nicht mehr gar so fremd vor. Und was bei West Wing sehr schön funktioniert, ist die exemplarische Abbildung von Techniken der Macht, also nicht der großen Linien, sondern der kleinen Spielchen und des mediokren Feilschens zur Erlangung von Raumgewinnen auf den Fluren und Korridoren. Und nicht zuletzt in C.J.s Press Room.

Aber ist C. Jean wirklich die Apparatschik, die man als Stabschefin sein muss? Liegen ihre Qualitäten nicht eigentlich ganz woanders? Mir ist nicht so sehr wohl bei dieser Personalie. Was ist Ihr Eindruck, Frau Katatonik?

kutter (Nov 29, 16:07) #


Die einzig wahre Politikserie ist und bleibt "Yes, Minister".

gHack (Nov 29, 16:19) #


Yes, Hackister!

kutter (Nov 29, 16:42) #

  Textile Help