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- 7 12 2004 - 19:22 - katatonik

Freeze your heart, and your ass will follow

Ich stieg in den hinteren Wagen ein; der vordere war zu voll. An dem besoffenen, stinkenden alten Herrn in der einen Zweierbank mit seinem Billasackerl bin ich vorbei, nach hinten auf einen Einsersessel. Drei Stationen lang las ich vor mich hin.

Bei der vierten blieb die Tram ungewöhnlich lang stehen. Es waren schon alle ausgestiegen, die aussteigen wollten. Die Tür ging wieder auf. Ich sah auf. Der Fahrer stieg ein. Der Besoffene war umgefallen, lag einfach so da, auf der Seite, im Mittelgang. Der Fahrer rüttelte ihn. Der Besoffene rührte sich nicht. Der Fahrer ging wieder, vor sich hin murmelnd “na, wenn er sich nicht rührt”. Niemand sagte etwas. Verdammt, wo ist das goldene Keifwienerherz, wenn man es braucht? Jede Ungeheuerlichkeit wäre jetzt besser, dann könnte man sich anschreien und übers Rumschreien zur Fürsorglichkeit kommen. So macht man das doch in Wien.

Drei, vier, fünf Leute stiegen aus, enervierte Gesten und Gesichter, Sichgestörtfühlen in der Alltagsmechanik. Niemand ging zu dem Besoffenen. Ich wog ab, hin und her. Hingehen? Aber was tun? Kann doch nichts tun, weiß ja gar nicht, was bei Besoffenenbewusstlosigkeit getan werden kann, tut man wahrscheinlich eh nichts, nur ausschlafen lassen, aber wenn er jetzt gar nicht mehr lebt, aber dann hätte der Fahrer doch was anderes gesagt, andererseits hätte der Fahrer vielleicht auch Panik vermeiden wollen wegen eines Toten in der Tram, hin und her geht das Hirn, und der Arsch bleibt sitzen. Halbwissen aus dem Medizinfernsehseriensehen, dem Teenagerfernsehseriensehen sickert ein. Naja, er liegt auf der Seite, das ist gut, denn wenn er kotzt, erstickt er nicht.

Sieben, acht Leute steigen aus, enerviert. Es kracht in der Lautsprecheranlage. Werte Passagiere, eine Weiterfahrt ist bis auf weiteres nicht möglich. Alle Leute steigen aus, auch aus dem Vorderwagen, auch mein Arsch. Sie bleiben an der Haltestelle stehen. Der Fahrer kommt wieder zum hinteren Wagen. Kann man was tun, dem Daliegenden irgendwie helfen, frage ich. Der Fahrer, pockennarbiges Gesicht, rot, dem des Besoffenen eigentlich recht ähnlich, sagt, nein, der rührt se ned, was soll i machn, kann nur die Rettung rufen, kann nur auf die Rettung warten. Hat er die Rettung schon gerufen? Ja, hat er. Eine andere Frau fragt, Puls hat er also? Ja, Puls hat er.

Der Fahrer steigt in den hinteren Wagen ein. Ich stehe drei Sekunden unschlüssig herum. Soll ich mit einsteigen? Aber was soll ich da tun? Außer blöd rumstehen kann ich eh nichts. Ich murmle zu der Frau, hm, na gut, und gehe zu Fuss nach Hause. Es ist unheimlich, eine Straßenbahn hinter sich zu lassen, in der ein Mann am Boden liegt, wenn nur der Fahrer bei ihm ist. Wie ich so gehe, denke ich, dass es sonderbar ist, für das Irgendwoseindürfen im öffentlichen Raum eine Antwort auf eine Waskannmantunfrage geben zu müssen, sich einzubilden, dass man das muss. Na toll, das Prinzipienüberlegerhirn funktioniert wieder.


ich hatte mal eine ähnliche situation mit einem besoffenen am viktualienmarkt, der in der winterkälte lag. immerhin durfte ich mich wichtig fühlen, weil ich abwartete, bis die rettung eintraf und ihn mitnahm. das sind die seltenen momente, in denen das leben fragil erscheint. erinnere mich noch immer mit gänsehaut.

LaTaiga (Dec 7, 20:15) #


Der einzige Held, den ich kenne, ist Chris, der mal eine ohnmächtig gewordene und in die S-Bahn-Gleise am Stachus gefallene schwangere Frau aus dem Gleisschacht rausgezogen hat.

gHack (Dec 7, 20:45) #


ja, nein, aber warum gleich an helden und helfer denken. man fühlt sich gut und schäbig beim gutfühlen, weil es ja wichtigeres gibt, als dass man sich gut fühlt.

katatonik (Dec 7, 20:57) #


Hm. Schlimm fände ich unterlassene Hilfeleistung, was da ja nicht der Fall war. Solange jemand da ist, der wartet, bis professionelle Hilfe kommt, braucht man sich nichts vorwerfen. Natürlich kann man denken: So weit ist es gekommen, dass wir nicht mehr selber helfen, sondern das Helfen delegiert haben. Das denke _ich_ mir zumindest manchmal. Andererseits komme ich mir dabei dann auch wieder dumm vor, weil es ja wichtig und gut ist, dass es professionelle Helfer gibt. Ausserdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Leute längst nicht so abgestumpft sind, wie man meinen könnte. Kommt ja öfter mal vor, dass es zB einer alten Frau schlecht geht. Da ist aber immer gleich jemand da, der hilft. Und seit jeder ein Handy hat, kann man auch in echten Notsituationen schnell reagieren.

gHack (Dec 7, 21:14) #


es war eher so der eindruck, die situation, das zusammentreffen von umständen: die gefüllte straßenbahn leert sich plötzlich, weil ein stinkender, besoffener alter mann umfällt. als ob sie alle wegrennen würden, noch bevor sie wissen, ob er noch lebt, ang'fressn, weil die bim nicht weiter fährt, aber ob er noch lebt ... das hat man ja nicht gesehen. bei einer alten frau, die nicht nach schnaps riecht, wäre das vielleicht auch nicht passiert. da wären sie vielleicht nicht weggerannt. alte frauen sind ja die primären hilfsbereitschaftstrainingsobjekte.

katatonik (Dec 7, 22:11) #


Ja, aber ausschlaggebend war dann wahrscheinlich doch die Anwesenheit des Fahrers, der ja qua Amt zur Hilfeleistung verpflichtet ist. In Taigas Fall war das ja anders, weil der Mann auf der Strasse gelegen hat, wo die Zuständigkeit dann an die Passanten fällt.

gHack (Dec 7, 22:20) #


ja, eh. ach, ich weiss nicht, wer solche zuständigkeiten verteilt, auf jeden fall möchte ich eigentlich nicht in einer welt leben, wo die leute ihr kleines zuständigkeitsbewusstsein immer rasch abrufbar im vorderhirn haben. ich habe ja auch nicht mitbekommen, wie der fahrer den fall mitbekommen hat. das muss ihm jemand gesagt haben, denn den boden im hinteren wagen sieht er ja von vorne gar nicht.

katatonik (Dec 7, 23:04) #


Ich meinte das weniger auf die Zuständigkeiten bezogen, sondern auf die Verschiedenheit der Situationen. Man kann es betrachten und bleibt mit seinem Machtlosigkeitsgefühl zurück.

gHack (Dec 7, 23:11) #


ja, so ist es.

katatonik (Dec 7, 23:40) #


da gibts so wunderbar depperte momente, wo mans einfach nie weiss. einer alten frau helfen? kein problem, bei der is es einfach. aber bei den anderen? meine ex hatte die angewohntheit, nachzusehen, ob es bewusstlosen betrunkenen wohl noch ... naja ... gut ... ging. das ist dann immer ein balanceakt zwischen wollen und trauen. meine schwester dagegen hat sich tagelang vorwürfe gemacht, als sie nächtens aus der strassenbahn heraus beobachtet hat, wie einer, der gerade am bankomaten stand, von mehreren anderen männern geschlagen wurde. und sie ist nicht zurück, ihm helfen, obwohl die nächste möglichkeit zum aussteigen nur einen guten halben kilometer weiter gewesen wäre. sie, junge frau gegen mehrere männer. teufel, bin ich froh, dass sie nicht hin ist, auch wenns dem armen kerl geld und blaue flecken gekostet hat. auch wenn sie gesehen hat, dass da noch andere passanten waren, aber auf die kann man sich ja nicht verlassen, meint sie.

ich selber bin da anders. kein problem, dem alten mann, der da mitternächtens vorm büro umgekippt ist solange die hand zu halten, bis die rettung da ist. und dem 16jährigen (junkie?), der regungslos im park gelegen ist, hätt ich sicher auch geholfen, wenn nicht schon ein polizist dagewesen wär.
aber wenns dann ein richtiges risiko wird? wenn die hilfe nicht einfach nur zeit kostet, und ein wenig warten in der kälte? wenn ein beliebiger schwarzer in der strassenbahn von 2 proleten deppert als dealer und mörder bezeichnet wird (und die vielleicht auch noch ein wenig handgreiflich werden, mit butterflies in der tasche oder sowas)?
würd ich mich wirklich traun, irgendwo dazwischengehen, nachts, im park, wenn irgendwer von mehreren personen ... ich meine, scheiße.

stef (Dec 8, 15:07) #


schlägereien - noch einmal andere baustelle. in japan hab ich das ein paar mal gemacht, dazwischengehen bei barschlägereien. das hatte für mich wohl auch so etwas von wie-weit-gehts-noch-grenzerfahrung, durchaus narzißtisch, war aber deshalb harmlos, weil klar war, dass die beteiligten (us-marines, japaner, britische schuljungs) eine frau nie schlagen würden. ich war natürlich auch nicht alkohollos, das half der verschrobenen courage. aber vor dem alltäglichen wiener butterfly würde ich auch eher zurückzucken.

katatonik (Dec 9, 23:17) #

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